Studie Muslime sind besser integriert, doch es mangelt an Akzeptanz

Ein Muslim wartet in Hamburg vor der Central Moschee auf den Beginn eines Gebets.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Eine aktuelle Studie zeigt: Muslime, die schon lange in Deutschland leben, sind überwiegend gut integriert.
  • Besonders was Bildung und Erwerbstätigkeit angeht, unterscheiden sie sich kaum vom Bevölkerungsdurchschnitt.
  • Die Bertelsmann-Stiftung hat die Situation von Muslimen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich und Großbritannien verglichen. Gerade bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt schneidet Deutschland sehr gut ab.
  • Die gute Integration geht nicht immer mit gesellschaftlicher Anerkennung einher: In Deutschland lehnen 19 Prozent der Befragten muslimische Nachbarn ab.

Zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime leben in Deutschland. Manche von ihnen sind hier geboren und aufgewachsen, andere gerade erst eingewandert. Für manche spielt ihre Religion eine zentrale Rolle - für andere nicht. Dementsprechend schwierig ist es, allgemeine Aussagen über "die Muslime" in Deutschland zu treffen. Die Bertelsmann-Stiftung versucht sich in ihrer aktuellen Studie an einer Annäherung.

Bis Ende 2016 haben in Deutschland 1100 Muslime mit Wurzeln in der Türkei, Südosteuropa, dem Iran, Südostasien, Nordafrika sowie dem Nahen Osten am "Religionsmonitor" der Stiftung teilgenommen. Personen, die erst nach 2010 eingewandert sind, wurden nicht berücksichtigt. Die Forscher haben auch Muslime in anderen westeuropäischen Ländern befragt: Verglichen wird die Situation in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich, Frankreich und Großbritannien.

Fast alle hierzulande befragten Muslime gleichen in ihrer Sprachkompetenz, dem Bildungsniveau und der Erwerbsbeteiligung dem Bevölkerungsdurchschnitt. Sie sind überwiegend gut integriert - das ist der zentrale Befund der Studie. Trotzdem mangelt es aber an der gesellschaftlichen Akzeptanz der Muslime. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Bestnote für die Integration auf dem Arbeitsmarkt

Deutschland bekommt mit Abstand die besten Noten bei der Integration von Muslimen auf dem Arbeitsmarkt. Bei Arbeitslosenquote und Vollzeitstellen gibt es der Studie zufolge kaum noch Unterschiede zum Bevölkerungsdurchschnitt. Muslime verdienen jedoch deutlich weniger; was darauf hinweist, dass sie häufiger im Niedriglohnsektor beschäftigt sind.

Auffällig ist, dass besonders religiöse Muslime bei gleichen Bildungsvoraussetzungen, also etwa dem gleichen Schulabschluss oder der gleichen Ausbildung, im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt seltener einen Beruf ausüben und weniger verdienen. Das könne einerseits auf Diskriminierung hinweisen, heißt es in der Studie. Stark religiöse Muslime trügen häufig sichtbare religiöse Symbole und würden deswegen mit Vorbehalten konfrontiert, die die Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt reduzierten. Andererseits könne eine strikte Befolgung religiöser Pflichten eine Erwerbsbeteiligung erschweren, wenn beispielsweise die Ausübung des fünfmaligen Pflichtgebets nicht gelinge oder das Tragen religiöser Symbole nicht gestattet sei.

  • Die sprachliche Integration gelingt

Unter den befragten eingewanderten Muslimen beträgt der Anteil derer, die Deutsch als ihre erste Sprache bezeichnen, etwa ein Fünftel. Etwa drei Viertel der befragten in Deutschland geborenen Muslime sind mit Deutsch als erster Sprache aufgewachsen. Auch wenn der Anteil von Generation zu Generation steigt, liegt Deutschland damit im europäischen Vergleich im Mittelfeld.

In Frankreich etwa ist Französisch für 74 Prozent der Muslime die Erstsprache. Im dortigen Schulsystem lernen die Kinder länger gemeinsam und können so anfängliche Nachteile besser ausgleichen. "Der internationale Vergleich zeigt, dass nicht Religionszugehörigkeit über die Erfolgschancen von Integration entscheidet, sondern staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen", sagt Stephan Vopel, Experte für gesellschaftlichen Zusammenhalt der Bertelsmann Stiftung.

  • Muslime pflegen Kontakt zu Nicht-Muslimen

Ein Vorurteil gegenüber Muslimen widerlegt die Studie besonders deutlich: Muslime schotten sich weder ab noch meiden sie Kontakte zu Nichtmuslimen. Die große Mehrheit der in den untersuchten Ländern lebenden Muslime pflegt häufige Freizeitkontakte zu Nichtmuslimen. 78 Prozent der befragten Muslime in Deutschland berichten über häufige beziehungsweise sehr häufige Freizeitkontakte zu Nichtmuslimen. Nur in der Schweiz sind es mit 87 Prozent noch mehr.

  • Muslimische Nachbarn sind nicht überall erwünscht

Die erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt oder ins Schul- und Ausbildungssystem geht nicht unbedingt mit gesellschaftlicher Anerkennung der Muslime im Alltag einher. In Deutschland lehnen 19 Prozent der nichtmuslimischen Befragten muslimische Nachbarn ab. In Österreich will mehr als jeder vierte Befragte keine muslimischen Nachbarn.

Die Experten weisen in der Studie darauf hin, dass Integration nicht als Anpassung von Muslimen an die jeweilig vorherrschende Kultur des Landes gemeint sei. Muslime seien nicht alleine in der Verantwortung - vielmehr bedeute Integration, dass Staat und Mehrheitsgesellschaft ihnen Chancen bieten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

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