Armut Essener Tafel nimmt wieder ausländische Kunden auf

Bewerber für die Essener Tafel warten vor dem Verwaltungseingang.

(Foto: dpa)
  • Auch Ausländer können wieder Kunden bei der Essener Tafel werden.
  • Die Nationalität soll künftig keine Rolle mehr bei der Vergabe von Lebensmitteln an Bedürftige spielen.

Die Essener Tafel nimmt künftig wieder Ausländer als Neukunden auf. Dies hat der Vorstand des Trägervereins beschlossen. Die neuen Regelungen sollen zwar ab Mittwochnachmittag gelten, Neuanmeldungen werden allerdings immer nur einmal in der Woche ausgegeben - nämlich Mittwochvormittags. Im Laufe des Tages sollen alle elf Außenstellen des Vereins über die Details des Beschlusses informiert werden, sagte der Vereinsvorsitzende Jörg Sartor

Seit dem 10. Januar hatte die Hilfsorganisation Ausländer als Neukunden bei der Essensausgabe abgelehnt und damit bundesweit eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisierte die Entscheidung.

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Die Tafel begründete den Schritt mit dem gestiegenen Anteil ausländischer Mitbürger unter ihren Kunden infolge der Flüchtlingskrise. 75 Prozent ihrer Kunden sind demnach keine deutschen Staatsbürger. "Um eine vernünftige Integration zu gewährleisten" sah die Essener Tafel sich nach eigenen Angaben zu dieser Einschränkung gezwungen. Gerade ältere Menschen und alleinerziehende Mütter hätten sich von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt gefühlt, hieß es.

Bundesverband der Tafel wies Merkels Kritik zurück

Am 9. März wurden bei einem Runden Tisch neue Kriterien für die Vergabe von Lebensmitteln an Bedürftige vereinbart. Demnach soll bei Kapazitätsengpässen die Herkunft der Menschen künftig kein Kriterium mehr sein. Stattdessen sollen - unabhängig von ihrer Nationalität - Alleinerziehende, Familien mit minderjährigen Kindern sowie Senioren bevorzugt aufgenommen werden. An dem Runden Tisch hatten Vertreter der Essener Tafel, der Essener Wohlfahrtsverbände sowie des Verbundes der Essener Migrantenselbstorganisationen teilgenommen.

Merkel hatte die Entscheidung, vorübergehend keine Ausländer mehr aufzunehmen, Ende Februar in einem Interview des Fernsehsenders RTL kritisiert. Wörtlich sagte sie: "Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen. Das ist nicht gut." Aber die Entscheidung der Ehrenamtlichen in Essen zeige auch "den Druck, den es gibt", und wie viele Bedürftige auf Lebensmittelspenden angewiesen seien.Der Chef des Tafel-Bundesverbandes hatte die Kritik der Kanzlerin zurückgewiesen. "Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen, denn die aktuelle Entwicklung ist eine Konsequenz ihrer Politik", sagte der Verbandsvorsitzende Jochen Brühl der Neuen Osnabrücker Zeitung.

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