Anschlag in Nizza Terror trifft das Herz von Nizza

Vor einem improvisierten Gedenkort an der Promenade des Anglais versammeln sich Menschen um zu trauern.

(Foto: dpa)

Die Stadt an der Côte d'Azur steht für Luxus, aber eine Idylle war Nizza auch vor dem Anschlag nicht. Die Promenade des Anglais war Treffpunkt für alle - arm und reich.

Von Irene Helmes

Aus welchen Motiven auch immer: Der Mann, der in der Nacht mit einem Lastwagen viele Dutzend Menschen getötet hat, hat dafür mit der Promenade des Anglais genau den Ort ausgewählt, der Nizza zusammenhält und symbolisiert. In der Stadt, die international für den Luxus der Côte d'Azur steht und die zugleich sozial zerrissen ist, ist diese Uferstraße eine besondere Stelle.

Man kann die viel fotografierten weiß oder blau lackierten Bänke vor den blauen Wellen als Postkartenmotive abtun - oder als eine der schönsten Stellen einer komplizierten Stadt sehen. Denn nur Zeit ist hier nötig, kein Geld, kein Dresscode, keine Zugehörigkeit zum richtigen Milieu, und das ist alles andere als selbstverständlich in Nizza.

Zwar ist die Promenade des Anglais gesäumt von teuren Strandbars, Boutiquen und Hotels - wie dem berühmten Negresco, das in der Nacht zu einem improvisierten Lazarett geworden ist. Doch dazwischen ist traditionell Platz für alle. Während der Verkehr und die Wellen links und rechts um die Wette rauschen, zeigt Nizza an seiner Promenade und dem danebenliegenden Strand seine kuriose Vielfältigkeit.

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Ein typischer Sommertag konnte bis vor dem Anschlag so aussehen: Jogger, Skater und wohlfrisierte Hündchen ziehen ihre Kreise. Strandverkäufer aus Nordafrika schleppen ihre Kühlboxen auf und ab. Die Superreichen räkeln sich an exklusiveren Abschnitten außerhalb. Die legendär unbequemen Steine des Stadtstrandes bleiben dem Rest überlassen. Einheimische lassen sich durch ihre Accessoires leicht erkennen: Sie bringen weiche Matten mit, nicht einfach Handtücher wie die ahnungslosen Touristen.

Als Zeitvertreib ist die Promenade seit dem 19. Jahrhundert beliebt. Ihr Name geht auf den damals noch schmalen und eher holprigen "Chemin des Anglais" zurück, auf dem Engländer in den 1820er Jahren zu flanieren begannen. Wenige Jahrzehnte später war Nizza zu einem begehrten Erholungsziel für adelige oder wenigstens wohlhabende Europäer aus ungünstigeren Klimazonen geworden - neben Briten überwinterten besonders gerne Russen in der Stadt. Im 20. Jahrhundert wurde Nizza zur Kulisse fürs Kino, zum Ziel des internationalen Massentourismus. Ihre einstige Exklusivität hat die Stadt längst verloren, bleibt aber bei Gästen aus der ganzen Welt beliebt.

Das Schlimmste, was der Promenade bislang passiert ist, waren Unwetter, bei denen gewaltige Wellen die Einrichtung der tiefgelegenen Strandlokale mit sich rissen und die tagelange Aufräumarbeiten nach sich zogen, wie etwa im Mai 2010. Ansonsten wurde die Promenade geliebt oder auch belächelt für ihre Versuche, weiter très mondän zu wirken, während sie eigentlich Ansätze zum Rentnerparadies zeigte. Nachts war sie bunt erleuchtet, sie war Schauplatz für Sportereignisse wie den Iron Man oder den örtlichen Marathon, für Feuerwerke wie nun auch am so tragisch endenden Nationalfeiertag.

Der Strand von Nizza - Symbol einer komplizierten Stadt.

(Foto: manjik - Fotolia)

Der Anschlag kommt als albtraumhafter Schock über eine Stadt, die bisher von großen Katastrophen verschont war. Eine reine Idylle war Nizza allerdings auch vorher nicht. Außer Sichtweite der Touristen und Millionäre gehen gesellschaftliche Risse längst auch durch diese französische Stadt mit ihren knapp 350 000 Einwohnern. Der Glamour reicht an vielen Stellen nur wenige Blocks weit hinter die Prachtbauten. Noch in der Innenstadt, etwa in Seitenstraßen der Gegend des Bahnhofs Gare de Nice, und vielen anderen Stellen bis hinaus in die Peripherie, ist Nizzas Lack schnell ab. Armut bis hin zur Obdachlosigkeit, Alltagsrassismus, Jugendgewalt, Raubüberfälle auf Geschäfte, brennende Autos - auch das gehört seit Jahren zu Nizza, wenn auch eher unter dem Aufmerksamkeitsradar.

Auch religiöses Unbehagen zwischen Einheimischen konnte durchaus spüren, wer etwa einmal zum Zeitpunkt der Freitagsgebete durch eine Straße mit muslimischem Gebetsraum ging und die teils ungehaltenen Kommentare von Passanten hörte. Der Kinohit "L'Italien - Fasten auf Italienisch" mit Frankreichs algerischstämmigem Star Kad Merad versuchte solche Spannungen vor einigen Jahren noch komödiantisch zu verarbeiten, mit der Geschichte eines Sportwagenhändlers in Nizza, der sein perfekt integriertes Leben auf der Lüge aufbaut, Italiener zu sein und nicht muslimischer Sohn von Einwanderern aus dem Maghreb.

Der Film verlief versöhnlich, die politischen Entwicklungen seither eher weniger. Sie unterstrichen vielmehr, wie sehr es auch in Nizzas Region Provence-Alpes-Côte d'Azur brodelt: Marion Maréchal-Le Pen etwa holte für den rechtsextremen Front National bei den Regionalwahlen im vergangenen Dezember 45,2 Prozent der Stimmen, unterlag damit aber Nizzas damaligem konservativen Bürgermeister Christian Estrosi. Französische Medien wie Le Monde nennen die Gegend von Nizza einen "Hotspot islamistischer Radikalisierung". Wie nach den anderen Anschlägen, die Frankreich in den vergangenen anderthalb Jahren getroffen haben, bleibt auch nach der Attacke an der Promenade des Anglais nur die Hoffnung, dass nicht Hass die Oberhand bekommt.

Fürs Erste herrscht Ausnahmezustand. Wer am Morgen des 15. Juli 2016 über eine der Webcams einen Blick auf die Promenade des Anglais wirft, sieht eine abgesperrte, menschenleere Straße am Mittelmeer, deprimierend schön unter strahlend blauem Himmel.

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