Angebliche Erpressung schwuler Würdenträger Machtspiele in der Gerüchteküche Vatikan

Papst Benedikt XVI. tritt ab. Doch war die Gesundheit tatsächlich der entscheidende Grund? Oder waren seine engsten Mitarbeiter am Ende erpressbar? Inmitten von Gerüchten beginnt die Suche nach dem Nachfolger.

Von Matthias Drobinski

Der historische Tag wird beginnen wie ein ganz normaler Arbeitstag Papst Benedikts: Um sieben Uhr in der Frühe feiert er mit der "päpstlichen Familie" die Messe in der Kapelle des Apostolischen Palasts, gemeinsam mit seinen Privatsekretären Georg Gänswein und den vier Laienschwestern, die seinen Haushalt auch künftig führen werden. Um elf Uhr nimmt er Abschied von den in Rom anwesenden Kardinälen, im Audienzsaal, wo sonst die Päpste nach ihrem Tod aufgebahrt werden. Am Nachmittag wartet der weiße Hubschrauber, der ihn zur päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo in der Nähe von Rom fliegen wird.

Für Benedikt ist die Amtszeit dann vorbei, aber für den Rest der katholischen Kirche sind viele Fragen offen - nicht zuletzt die nach den Rücktrittsgründen. Die italienische Zeitung La Repubblica schreibt, der Papst habe sich dazu entschlossen, nachdem ihm der 300 Seiten lange Abschlussbericht zur sogenannten Vatileaks-Affäre am 17. Dezember vorgelegt worden sei, in dem es unter anderem heißt, einige der beteiligten Kirchenmänner seien wegen ihrer Homosexualität erpressbar gewesen. Die Geschichte mit der Erpressbarkeit klingt glaubhaft. Dass dies der Grund für den Papst-Rücktritt gewesen sei, bleibt Spekulation: Georg Ratzinger, der Bruder des Papstes, hat betont, der Entschluss des Papstes zum Rücktritt sei mehrere Monate alt. Vatikansprecher Federico Lombardi jedenfalls hat gesagt, dass es zu entsprechenden Berichten weder "Dementis noch Kommentare noch Bestätigungen" gebe.

Eine Frage dürfte der scheidende Papst wohl noch vor dem Rücktritt beantworten: ob das Konklave, die Kardinalsversammlung zur Wahl des neuen Papstes, vorgezogen wird oder nicht. Benedikt XVI. arbeite an einem Motu proprio zur Papstwahlordnung, einem päpstlichen Gesetz, hat Vatikansprecher Federico Lombardi gesagt. Der geltenden Ordnung zufolge muss zwischen 15 und 20 Tagen nach dem Tod eines Papstes die Wahl des neuen beginnen - die Kardinäle sollen genügend Zeit haben, um nach Rom zu kommen und an den Sitzungen vor dem Konklave teilzunehmen, in denen sich die Kirchenmänner aus den verschiedenen Kontinenten kennen lernen sollen. Dort halten die wichtigen Kardinäle wichtige Reden, die den einen schon zum Papst gemacht und den anderen schon ums Amt gebracht haben sollen.

Doch was, wenn ein Papst nicht stirbt, sondern seinen Rücktritt zum Monatsende ankündigt? Dann kann man die Wahl doch vorziehen, sagen einige Kardinäle, um die Zeit der Gerüchte und Spekulationen abzukürzen. Warum sollte das Konklave zum Beispiel nicht am 11. März beginnen?

Schnelle Wahl stützt alte Seilschaften

Doch einfach aus eigenem Antrieb - Motu proprio sozusagen - können die Kardinäle das Konklave nicht verlegen. Dann könnte im schlimmsten Fall die Wahl des neuen Papstes ungültig sein. Es braucht also das Kirchengesetz des Papstes. Und da gibt es wiederum eine ganze Reihe von Wählern, die den Pontifex drängen, alles beim Alten zu lassen. Es ist der erste sichtbare Machtkampf um die Nachfolge Benedikts: Vor allem die Kurienkardinäle und die Italiener wünschen, dass es schnell geht. Eine schnelle Wahl macht jene mächtig, die einander kennen, die sich vielleicht schon auf einen Kandidaten geeinigt haben.

Entsprechend sind viele Kardinäle von außerhalb Italiens für eine längere Vorbereitungszeit - auch von den deutschen Papstwählern heißt es, dass sie gegen ein vorgezogenes Konklave sind. Mehr als die Hälfte der Kardinäle wählt zum ersten Mal, und auch die erfahreneren kennen vielleicht ein Drittel der Mitbrüder. Wer da aufs eigene Urteil vertrauen möchte und nicht auf die Empfehlung der anderen, braucht Zeit, lautet das Argument der Verschiebungs-Befürworter. So könnte der Papst tatsächlich zwar das angekündigte Kirchengesetz erlassen - dort aber auch erklären, dass alles beim Alten bleibt.

Der Fischerring, das Symbol des Papstamtes, wird wohl nach dem 28. Februar zerbrochen. Doch welchen Titel wird Benedikt tragen? Welche Kleidung? Weiß, wie der Papst? Schwarz, wie ein Priester oder Bischof? Welchen Einfluss wird er haben - und welchen sein Sekretär Georg Gänswein? Der wird vorerst für den neuen Pontifex Präfekt des päpstlichen Hauses sein und damit Diener zweier Herren.