Ägypten Männer, die mit Bäuchen schwingen

Sie werden in Asien und Europa gefeiert, in ihren muslimischen Heimatländern aber bedroht: männliche Bauchtänzer. Dabei sind Männer in dieser uralten Kunst nicht ungewöhnlich.

Von Karin El Minawi

Mit ausgestreckten Armen betritt Khalil Khalil die Bühne, schaut ins Publikum. Langsam beginnt er seinen Körper zum Rhythmus der Musik zu biegen, seine Lippen bewegen sich zum Text des Lieds. Seine weite Paillettenhose wippt, auch sein Body und darüber sein ponchoartiges Oberteil. Die Fransen des glitzerndes Tuchs, sie schwingen, das Tuch ist um seine Hüfte gebunden. Kleider und Arme bewegen sich hin und her. Immer wieder holt Khalil Khalil Schwung und dreht sich um seine Körperachse. Die Arme des Bauchtänzers machen schlangenartige Bewegungen.

Mit kreisender Hüfte steht er da, schaut ins Publikum, herausfordernd, lächelnd. Und er lächelt auch jetzt, viele Wochen nach diesem Tanz, während er das Video davon auf seinem Handy anschaut. Die Aufzeichnung zeigt ihn in Tokio, dort wird er oft für Auftritte und Workshops gebucht. "Ich würde gerne auch hier in Ägypten tanzen, aber das ist undenkbar", sagt er. Männer-Bauchtanz ist hier noch immer tabu. Es darf nur heimlich sein.

Der 28-jährige Tänzer sitzt in einem Café im Kairoer Nobelviertel Maadi. Bart und Haare, die ihm ins Gesicht fallen - eine orientalische Version von Conchita Wurst, der österreichischen Dragqueen.

Als seine Eltern von seinen Bauchtanz-Plänen erfuhren, warfen sie ihn aus dem Haus

Geboren und aufgewachsen ist Khalil in Ägypten: Seine Eltern, ein Lehrer und eine Lehrerin aus Syrien, sind vor langer Zeit hierher ausgewandert, lebten zwischenzeitlich aber auch in Argentinien und Amerika, wo Khalil Khalil Musik und Ballett studierte. Mit 13 Jahren entdeckte Khalil den Bauchtanz. Täglich übte er vor dem Spiegel, ahmte die Schritte seiner Vorbilder nach. Als er seinen Eltern offenbarte, professioneller Bauchtänzer werden zu wollen, waren sie entsetzt.

Glitzer und schlangenartige Bewegungen: Bauchtänzer Zadiel Sasmaz.

(Foto: OH)

"Auch wenn bei uns immer Musik läuft, auf jeder Veranstaltung getanzt wird, komme ich aus einer konservativen und religiösen Familie", sagt er. Bauchtanz hat in Ägypten keinen guten Ruf, er gilt als Symbol des Sittenverfalls. Mehrmals lief Khalil von zu Hause weg, machte aber weiter. Er war erst 15 und lebte in Argentinien, als das erste Jobangebot kam. Irgendwann akzeptierten auch seine Eltern seine Leidenschaft. "Sie sahen ein, dass Bauchtanz auch respektvoll sein kann", sagt Khalil. Seitdem reist er regelmäßig nach Argentinien, Chile, Japan, China, Russland und Spanien. Er gibt Kurse. Nicht nur Frauen nehmen daran teil. Er ist jetzt ein Star, ein Männer-Bauchtanz-Star.

Er tanze nie mit nacktem Oberkörper wie andere Tänzer. "Schließlich sollen die Zuschauer sich auf meine Bewegungen konzentrieren, die meine Gefühle ausdrücken", sagt er. Das mache ihn auch so erfolgreich. Khalil sagt, mit seinem Kostüm werde er nicht als Sexualobjekt wahrgenommen. "Vielleicht kann ich dadurch auch die ägyptische Gesellschaft überzeugen, dass Bauchtanz eine Kunst ist." Eine Kunst, in der bauchtanzende Männer eigentlich nicht ungewöhnlich sind.

In Ägypten gehört der Bauchtanz schon seit Jahrhunderten zur Unterhaltungskultur: Ghawazees, meist ägyptische Roma-Frauen, die einen eigenen Tanzstil entwickelten, zeigten auf öffentlichen Straßen und Plätzen ihre Künste, tanzten auf Hochzeiten und Veranstaltungen. Aber da sie nebenbei auch mit Prostitution Geld verdienten, hatten sie einen schlechten Ruf.

Im Jahre 1834 verbannte Mohammed Ali, Gründer des neuen ägyptischen Herrscherhauses, die Ghawazees von den Straßen. Sie wurden durch männliche Bauchtänzer ersetzt, sogenannte Khawals. Diese imitierten die Ghawazees: Sie schminkten sich, bemalten ihre Hände mit Henna, trugen lange, zu Zöpfen geflochtene Haare und aus Münzen gefertigten Schmuck, der bei jeder Bewegung klimperte. Sie trugen die gleichen Kostüme und um die Hüfte gebundene Tücher. Sie führten die gleichen Tänze auf, mit den gleichen Bewegungen. Auch in der berühmten Mohamed-Ali-Straße, damals das Herz des Musik- und Tanzlebens des alten Kairo.

Heute ist Bauchtanz in Ägypten wieder nur noch Frauensache. Und auch Frauen haben es jetzt schwer: Obwohl eine Hochzeit, egal in welcher gesellschaftlichen Schicht, ohne eine Bauchtänzerin mit ihren bunten, freizügigen Kostümen kaum vorstellbar ist, will keiner eine Bauchtänzerin als Ehefrau, Tochter oder Schwester haben. Männlicher Bauchtanz gilt gleich als Schande, als große Schande: Den Tänzern wird Homosexualität unterstellt, ihre Männlichkeit angezweifelt. Der Begriff Khawal hat heute sogar eine negative Bedeutung, er ist eine Beleidigung. Viele Tänzer tanzen deswegen nur noch unter sich - oder gleich im Ausland. Einer der wenigen, die Erfolg haben, ohne mit ihrer Familie gebrochen zu haben, ist Zadiel Sasmaz, 34, ein Berliner Bauchtänzer mit türkischen Wurzeln.

Ganz anders Saif Al-Huriyya, der seit sieben Jahren professionell tanzt - und noch immer nicht davon leben kann. Der 28-Jährige ist in Marokko geboren, seine Familie zog nach Chile, da war er zehn. Als seine Eltern von seinen Bauchtanz-Plänen erfuhren, warfen sie ihn aus dem Haus. Saif Al-Huriyya sagt: "Ich bin in einer sehr konservativen Familie aufgewachsen. Ich könnte nie in Marokko tanzen. Das wäre viel zu gefährlich für mich."

Um seinen Traum zu verwirklichen, brach er sein Studium ab, biomedizinische Informatik, kratzte sein letztes Geld zusammen und zog nach Ägypten. Er wollte den Bauchtanz richtig lernen. Und Ägypten ist eigentlich ideal dafür. Jetzt lebt er wieder in Chile, gibt Unterricht, tritt öffentlich auf. Noch ist die Konkurrenz groß, und sein Erfolg eher klein. Aber er glaubt an seinen Durchbruch. Als Bauchtänzer.