15. Februar 2013 16:44 Meteoriten-Einschlag in Russland Wenn das Weltall Bauschutt schickt

Von Jana Stegemann

Es regnet Gestein, mehr als 20.000 Mal im Jahr. Meist bleiben die Brocken aus dem All unbemerkt, doch diesmal hat es die Menschheit böse erwischt: Fast 1000 Verletzte zählen die Behörden nach dem Meteoritenregen in Russland. Hätte der Einschlag verhindert werden können? Und was passiert, wenn ein richtig großer Brocken auf Kollisionskurs ist?

Die Erde steht unter Dauerbeschuss. Regelmäßig prasseln Steinchen und Körnchen aus dem All auf unseren Planeten ein. Statistiken gehen von 20.000 Meteoriten mit mehr als 100 Gramm Gewicht jährlich aus. Doch meistens beschäftigen diese Gesteinskörper - neben Wissenschaftlern - nur Romantiker, die beim Aufglühen von Sternschnuppen am Nachthimmel einen Wunsch formulieren. Doch einen folgenschweren Fehler macht, wer den kosmischen Steinregen unterschätzt.

In Russland wurden mehrere hundert Menschen durch die Folgen des Einschlags eines Meteoriten verletzt, einige von ihnen schwer. "Es ist der für den Menschen wohl bislang folgenschwerste Meteoriten-Einschlag eines Gesteinskörpers auf der Erde", sagt Björn Voss, Astronom im Planetarium des LWL-Naturkundemuseums in Münster. Der verantwortliche Meteorit war zwar mit etwa drei Metern Durchmesser nur ein sehr kleiner kosmischer Brocken, vergleichbar schlimme Folgen habe es in den vergangenen Jahrzehnten aber nicht gegeben.

Meteoriten sind Gesteinsbrocken, die von der Entstehung des Sonnensystems vor mehr als viereinhalb Milliarden Jahren übrig geblieben sind. "Man könnte sagen, sie sind der Bauschutt des Weltalls, der große Bruder der Sternschnuppen", sagt Voss. Und so kreisen sie um die Sonne und kreuzen eher durch Zufall die Bahn der Erde. Das jedoch in den vergangenen Jahren immer häufiger.

Forscher aus aller Welt warnen bereits seit Jahren vor den "Warnschüssen aus dem All". So habe sich in den vergangenen Jahren im Tiefseeschlamm mehr Weltraummaterial abgelagert als zu früheren Zeiten - ein Alarmsignal, das eine Phase dichteren Meteoroiden - und Asteroidenverkehrs anzeige, warnte Nasa-Experte David Morrison schon vor zwei Jahren.

Mit 50.000 Stundenkilometern Richtung Erde

Aber was ist in Russland überhaupt passiert? "Ein Meteorroid ist bei seinem Eintritt in die Erdatmosphäre in mehrere Teile zerbrochen. Das verursachte eine gewaltige Explosion, die eine starke Druckwelle ausgelöst hat. Dadurch sind unter anderem Fensterscheiben zerborsten, weshalb so viele Menschen von umherfliegenden Splittern getroffen und verletzt wurden", sagt Astronom Voss.

Mit etwa 50.000 Stundenkilometern sei der mehrere Meter große Brocken zuvor in die Atmosphäre unterwegs gewesen, die Luft habe den tonnenschweren Klotz von der Größe eines Kleinwagens so stark abgebremst, dass er zerbarst. Durch die Wucht und Hitze glühte das Gestein stark auf, was die Lichtblitze, von denen Augenzeugen berichteten, am Himmel erklärt.

Den Einschlag hätte man nur sehr schwer vorhersehen können, sagt der Experte: "Das Problem ist, dass es sich bei dem Meteoroiden um einen vergleichbar kleinen handelte, der mit Teleskopen nur durch Zufall und mit großem Glück zu erkennen ist."

Denn Meteoriten lassen sich grob in drei Kategorien einteilen. Die größten unter ihnen können die Erde verwüsten. Diese kilometergroßen Gesteinsbrocken sind und werden von Wissenschaftlern katalogisiert. "Da ist in den nächsten Jahrhunderten keiner auf Kurs, der gefährlich für die Erde werden könnte", sagt Voss. Von den mittelgroßen Meteoriten sind so viele im Umlauf, dass es den Forschern bisher nicht gelungen ist, alle zu finden und ihre Umlaufbahn detailliert zu beschreiben. "Doch die größten Probleme machen die ganz kleinen", sagt der Experte. Sie frühzeitig zu entdecken, sei unmöglich.

Zurzeit beschäftigt sich mit dem Aufspüren der Meteoroiden besonders die Nationale Luft- und Raumfahrtbehörde der USA (NASA). In Deutschland gibt es kein offizielles Suchprogramm. "Offizielle regierungsfinanzierte Projekte findet man nicht in Mitteleuropa." Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen ist es in der Bundesrepublik seit 50 Jahren schon nicht mehr dunkel genug, um die dafür erforderlichen Beobachtungen durchführen zu können. "Deutschland ist zu dicht besiedelt, das Stadtlicht hat extrem zugenommen." Zum anderen fehlt das Geld für solche Projekte.

Um alle Meteoroiden erfassen zu können und ein perfektes Warnsystem aufzubauen, bräuchte man Hunderte von Riesen-Teleskopen - doch die kosten Milliarden oder sogar Billionen Euro, sagt Voss. Und so übernehmen bisher vor allem die USA mithilfe von Millionen-Projekten die Aufspürung der Meteoriten. Meist sind die auch nicht auf direktem Kollisionskurs mit der Erde, sondern noch Jahrzehnte entfernt. "Die lassen sich exakt berechnen, wenn man ihren Kurs monatelang verfolgt."

Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Im Fall des Meteoriten in Russland wäre ein Aufspüren mit den derzeitigen Mitteln nicht möglich gewesen, sagt Rainer Kresken, Raumfahrtingenieur der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) : "So ein Objekt, wie da in Russland runtergekommen ist, ist mit den heutigen Mitteln der Technik praktisch nicht zu entdecken vorher."

Vor einigen Jahren sei ein Meteorit ähnlicher Größe in der afrikanischen Wüste aufgeschlagen. Damals wurde erst kurz zuvor entdeckt, dass ein metergroßer Stein auf die Erde zufliegt. Doch glücklicherweise traf dieser Gesteinsbrocken auf unbewohntes Gebiet - so wie in etwa 90 Prozent der Fälle. "Natürlich kann sowas aber überall auf der Erde passieren, es ist alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit", sagt Astronom Voss.

Aber hätte man den Meteoriten überhaupt umleiten können, wenn er frühzeitig entdeckt worden wäre? Nur sehr schwer, sagt der Experte. So gebe es rein theoretisch Möglichkeiten mit Atombomben das Zerbröckeln des Körpers schon in größerer Höhe herbeizuführen, sodass die Druckwelle gar nicht erst die Erde erreicht. Doch Voss gibt zu bedenken: "Noch fehlen dafür aber Computerprogramme, die die Position der kleinen Meteoriten derart exakt messen können, dass sie sicher getroffen werden können. Die technische Machbarkeit ist weniger das Problem."