Zentrum Neue Technologien Nano ganz nah

Im neu eröffneten "Zentrum Neue Technologien" des Deutschen Museums können Besucher interaktiv in die Welt der Nano-, Bio- und Gentechnik eintauchen.

Von Martin Thurau

Auf den ersten Blick erinnern die sechs Masken im Dunkel der Wand an alte Videos von Bruce Nauman und anderen Künstlern, in denen Gesichter verzerrt und die Mimik verfremdet sind. Bei näherer Betrachtung verliert sich das Bedrohliche des Effektes, doch Aufmerksamkeit erregt er jedoch allemal. Denn die Gesichtsbewegungen der Talking Heads sind von hinten über Beamer in die starren Gesichtskonturen hineinprojiziert, das sorgt für leichte Irritationen.

Jede der sechs Personen hinter den Masken indes hat eine Geschichte zu erzählen, von der Erbkrankheit des Vaters etwa, vom eigenen schweren Knochenleiden, von dem Wunsch nach einem "Retterkind", das Stammzellen für sein todkrankes Geschwisterchen spenden könnte. Geschichten jedenfalls, in denen sich die Frage nach dem Für und Wider eines Gentests in einem persönlichen Schicksal zuspitzt.

Am Terminal können sich die Betrachter zusätzliche Informationen holen, zur Gesetzeslage etwa oder zu ethischen Positionen. Und am Ende können sie selbst abstimmen, ob sie in diesem Fall eine Analyse des Erbgutes gutheißen oder nicht, und ihre Meinung mit der anderer Besucher vergleichen.

Das neue Zentrum will zeigen, wie Forschung wirklich funktioniert

Ganz sicher nimmt die Installation zu diesem Thema einen wichtigen Platz im Konzept der neuen Ausstellungshalle ein. Denn schließlich geht es im Zentrum Neue Technologien (ZNT), das das Deutsche Museum heute offiziell eröffnet, um die modernen Gen-, Bio- und Nanotechnologien.

Hier will das Haus, das zu den weltgrößten Techniksammlungen zählt, nicht "nobelpreisgekrönte Forschung als Ikone in Vitrinen" zeigen, sagt Generaldirektor Wolfgang Heckl, sondern eher das making of, die aktuelle Entwicklung der wichtigen Zukunftstechnologien; und die gesellschaftlichen Fragen thematisieren, die sich angesichts des rasanten Fortschritts daran knüpfen. Das Zentrum, das in der ehemaligen Eisenbahnhalle entstanden ist, soll wissenschaftliche Sachverhalte vermitteln, zeigen, wie Forschung funktioniert, aber auch mit "Argumenten für Antworten" zur Meinungsbildung beitragen, so Heckl.

Am Tag zuvor ist die Rede vom Entwicklungsprozess noch ganz wörtlich zu nehmen. Auf der unteren Ebene der offenen Halle werkeln Dutzende von Technikern an den Exponaten und riesenhaften Vitrinen der Dauerschau. Diese bergen aufwendige und komplizierte Ausstellungstechnik. Schließlich ist die gesamte Glasscheibe des Pultes, das sich über den Exponaten wölbt, eine Art Touchscrene. Berührt man sie über den ausgestellten Objekten, so erscheinen auf einem Monitor die dazugehörigen Erklärungen.

Gründergeschichten und Ufos

Eine Mix aus Exponaten, Modellen und Demonstrationen begleitet den Besucher auf einer Reise in mikroskopisch kleine Dimensionen, in die Welt der Moleküle und der Nanopartikel. Die Schau zeigt beispielsweise, wie die molekulare Funktion der Form folgt, wie molekulare Maschinen oder das Prinzip der Selbstorganisation funktionieren. Sie offenbart auch, mit welchen Tricks Physiker in den Nanokosmos vordringen oder dass die Analyseautomaten in der Molekularbiologie, all die Sequenzierer und Biochip-Scanner, immer effizienter werden. Und sie zeigt, wie sich Nanosysteme oder Biotech-Medikamente künstlich herstellen lassen.

Dabei bietet das ZNT eine ganze Reihe von Perspektiven. Auf die Rücken der gleichsam vornübergebeugten Vitrinen gedruckt, erzählt die Ausstellung eine Reihe von "Gründergeschichten"; die von Gerd Binnig beispielsweise, der das erste Rastertunnelmikroskop entwickelte, das auch in der Ausstellung steht; von George Rathmann, der die heute weltgrößte Gentechfirma Amgen mit 17000 Mitarbeitern vor 30 Jahren als Garagenfirma gründete; oder von Nobelpreisträger Paul Berg, der in den 70er Jahren die erste Konferenz organisierte, die über Sicherheitsfragen der damals noch jungen Gentechnik diskutierte. Zum Abschluss zeigt ein buntes Warenangebot, wie weit die Nanotechnik schon in unseren Alltag vorgedrungen ist. Und ein "Nanorakel" bietet einen spielerischen Ausblick darauf, wie es weiter gehen könnte.

Über der Ausstellung schwebt eine Art Ufo, in dem künftig das Besucherlabor untergebracht ist, in dem Laien selbst einfache Erbgutexperimente machen können. In einem "gläsernen" Labor stehen zudem wie bislang Nachwuchsforscher, die einen Teil ihrer Nanoexperimente tatsächlich dort fahren, Rede und Antwort. Auf der umlaufenden Empore schließlich präsentieren sich noch einmal die Partner des ZNT, Amgen, die großen Forschungsorganisationen und das Bundesforschungsministerium.

Daneben bleibt noch Platz für Sonderschauen. Im Frühjahr beispielsweise soll eine kleine Ausstellung die Debatte um die Grüne Gentechnik im ZNT fortführen, gegen die es in der Öffentlichkeit mindestens ebenso viele Bedenken gibt wie gegen Gentests.