Mitten in Bad Tölz Wer wichtig ist, muss stehen

Die Vorbereitungen zur Tölzer Leonhardi-Fahrt sind in vollem Gange - und manche Urlauber befremdet

Von Alexandra Vecchiato

Bad Tölz putzt sich heraus für das wichtigste Großereignis in der Kurstadt: die Leonhardifahrt. Wege, Straßen und Plätze werden gewienert und geschrubbt, Tribünen gezimmert, Verkehrsinseln vom Sommergrün befreit. Schmuck soll Bad Tölz aussehen, wenn am Montag Tausende die Wallfahrt verfolgen. Die Vorbereitungen sind auch den Urlaubern in der Stadt nicht entgangen. Die scheinen das Treiben bisweilen kurios zu finden.

Etwa ein distinguiertes Paar in der Marktstraße. Der Mann und die Frau stammen offenkundig aus dem englischsprachigen Raum, sagt sie doch zu ihm: "What does this mean?" Er versucht die Buchstaben in Laute zu formen: "Ähren ... gejste ... ah, this is for the very important persons." Die beiden stehen vor der Tribüne für die Ehrengäste. Eine schlichte Holzkonstruktion, Stehplätze auf vier Reihen gestaffelt hintereinander. "Für die Ehrengäste?" Die Frau schüttelt den Kopf. "Und die dürfen sich nicht hinsetzen, wo sie doch VIPs sind?" Noch eine ganze Weile unterhalten sich die beiden, lesen im Reiseführer nach, was es mit dem heiligen Leonhard auf sich hat. Dass Ehrengäste auf schlichtem nackten Holz stehen müssen, womöglich über Stunden - das können sie nicht fassen. "Darling, what a funny idea", sagt sie.

Benjamin Franklin wird folgendes Zitat zugeschrieben: "Besuch ist wie Fisch. Nach drei Tagen stinkt er." Ob das der Grund ist, aus dem es die Stadtoberen den zur Wallfahrt eingeladenen Celebrities nicht allzu bequem machen wollen? Könnte sein. Zur Ehrenrettung soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch der Stadtrat sich auf der Tribüne die Beine in den Bauch steht. Da mag so manch einer schon seine schwarzen Lackschuhe verflucht haben. Aber z'ammreißn können sich die Wichtigen schon einmal. Im Stehen sieht man sie eh viel besser.