Umbau am Karl-Lederer-Platz Hoffen und warten

Die Baustelle am Karl-Lederer-Platz in Geretsried macht es den ansässigen Geschäften schwer. Viele Kunden bleiben weg, weil sie keinen Parkplatz finden. Über das Leben am Bauzaun

Von Thekla Kraußeneck

Wer zurzeit die Buchhandlung Ulbrich betritt, hat viel Platz zum Schmökern. Besucher mögen diese Ungestörtheit genießen. Aber für Sarah Ulbrich wird sie allmählich zum Problem. "Die Kunden sind uns weggebrochen", sagt die junge Buchhändlerin, während durch die geöffnete Ladentür eine Baumaschine brummt. "Wir haben keine Laufkundschaft mehr. Manche meiden den Karl-Lederer-Platz sogar wegen der Baustelle."

Am Geretsrieder Rathaus liegt kaum noch ein alter Stein auf dem anderen. Dafür wachsen Rohbauten in die Höhe und unter der Erde entsteht eine Tiefgarage. Immer wummert oder hämmert es irgendwo. Schilder und Bodenmarkierungen führen die Passanten um den Bauzaun herum zu den Geschäften, die weiterhin geöffnet haben - zum Teeladen, zum Juwelier, zur Buchhandlung und der Boutique "Das kleine Schwarze". Oder auch zur Hopfpfisterei, die versteckt hinter der Baustelle liegt. "Viele Kunden denken, sie bekommen keinen Parkplatz oder haben schon schlechte Erfahrungen gemacht", sagt Ulbrich. Jetzt hat auch noch das Café Waldmann für drei Monate geschlossen - wegen der Baustelle. "Das fördert natürlich nicht die Frequenz, aber ich kann es verstehen."

Meist seien es immer die gleichen Leute, die man auf dem Karl-Lederer-Platz sehe, sagt Ulbrich: Senioren und Mütter mit Kindern, die sich für die Baustelle interessierten. Eine von ihnen ist die Geretsriederin Christina Böhm. Sie hat ihr Auto an der Sparkasse in der Egerlandstraße abgestellt, will kurz zur Drogerie, war vorher noch in einem Bekleidungsgeschäft für Kinder. Ihr fünfjähriger Sohn Luca schaut neugierig auf die Baustelle. "Toll", sagt er. "Aber die sollen mal endlich fertig machen!" Die Baustelle halte sie nicht davon ab, weiter auf dem Karl-Lederer-Platz einzukaufen, sagt Böhm. "Aber wie wird es danach?" Wenn in der Egerlandstraße mit dem Abbruch der Häuser und dem Ausbau der Tiefgarage begonnen wird, fallen auch dort die Parkplätze weg. "Und wegen jeder Kleinigkeit in die Tiefgarage fahren ...?" Dass die Maifeiern und andere Feste immer auf dem Karl-Lederer-Platz stattfanden, hatte ihr gefallen. Jetzt hofft sie, dass es nach dem Umbau wieder so wird. "Denn hinter dem Rathaus sind sie einfach zu versteckt."

Wer zur Hofpfisterei will, der begegnet einem großen blauen Schild, auf dem es heißt, das Geschäft sei "trotz der umfangreichen Baumaßnahmen" geöffnet: "Hier entlang bitte!" Ohne dieses Schild und ein wenig Ortskenntnis, ist die Hofpfisterei kaum noch zu finden. Sie ist - abgesehen von einem Friseur mit zwei Eingängen - das einzige Geschäft, das in diesem Winkel des Karl-Lederer-Platzes hinter dem Bauzaun überleben muss. Als Konzern könne die Hofpfisterei die spürbar geringere Anzahl an Kunden zwar vorübergehend verkraften, sagt Filialleiterin Ursula Bergmann - anders als die kleinen Geschäfte auf der anderen Seite des Karl-Lederer-Platzes. "Aber die Baustelle an sich ist monumental." Der Baulärm verursacht eine neue Art von Stress. Darüber hinaus weiß auch Bergmann nicht, wie es weitergeht, wenn die Egerlandstraße aufgerissen wird. Bislang kommen zumindest noch die Stammkunden zu ihr.

Leben am Bauzaun

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An einem Pfeiler neben der Tür zur Hofpfisterei hängen Zeitungsartikel, die eine klare Haltung zu dem Bauprojekt erkennen lassen. "Stop!", heißt es über dem einen. "Polizei stellt zentrale Tiefgarage in Frage", titelte die SZ am 19. April 2018. Das Vorhaben der Stadt, die Kunden in den Untergrund zu schicken, sei "fernab der Realität", kritisiert darin Daniel Kießling, Leiter der Polizeiinspektion Geretsried. Jemand hat neben diesen Artikel ein riesiges rotes Ausrufezeichen gemalt.

Ungebrochen ist der Optimismus der 28-jährigen Modeverkäuferin Daniela Waal, die in der Nachbarschaft der Buchhandlung Ulbrich die Boutique "Das kleine Schwarze" betreibt. Als Waal den Laden vor ziemlich genau einem Jahr eröffnete, wusste sie bereits, dass die Baustelle kommen würde. Trotzdem mietete sie den kleinen Raum an.

"Ich wusste, dass mein Konzept laufen wird", sagt Waal. Die Rechnung ging auf: "Mir geht's gut, weil ich viel über Social Media mache." Ihre neue Mode präsentiert sie auf Facebook und Instagram, manche kauften dann online bei ihr ein, die meisten kämen jedoch selbst in den Laden. "Was ich hier geschaffen habe, ist einmalig in Geretsried", sagt Waal. Auf die Frage, ob sie Ende des Jahres schwarze Zahlen schreiben werde, muss Waal nicht lange überlegen: "Ja, definitiv."

Bei der Buchhandlung Ulbrich ist man da weniger optimistisch: Von schwarzen Zahlen zum Jahresende gehe sie nicht aus; die Frage sei nur, wie tief sie in den roten Zahlen stecke werde, sagt Inhaberin Ulbrich. "De facto kann man sagen, dass es nicht besser wird, wenn vor dem C&A auch noch begonnen wird. Das ist nicht realistisch." Draußen vor dem Laden sind genauso wenig Leute zu sehen wie im Geschäft. Der Online-Handel habe zwar zugenommen, doch das hatte er zuvor auch schon stetig - und der jetzige Anstieg reiche bei weitem nicht aus, um den Verlust auszugleichen.

Obwohl eine Schließung der Buchhandlung längst nicht zur Debatte steht, sind entsprechende Sorgen bei der Familie Ulbrich nicht ganz von der Hand zu weisen. Silvia Ulbrich, die Mutter der heutigen Inhaberin, hat den Laden lange Jahre zusammen mit ihrem Mann Bernd Ulbrich geführt. Inzwischen ist sie 65 Jahre alt und "theoretisch" schon im Ruhestand, sagt sie und lacht. Den würde sie bei einer eventuellen Schließung dann auch antreten. "Und ich müsste mir eine Arbeit suchen", sagt Sarah Ulbrich. "Ich würde in der Luft hängen, und unsere Mitarbeiterin Christiane Griesbeck auch." Noch sei es aber nicht so weit. Zur Not müsse sie Eigenkapital einbringen, um den Verlust auszugleichen. Wie hoch dieser sein wird, wissen Ulbrichs zum Jahresende. Bis dahin heißt es: hoffen und bei offenen Türen auf Kunden warten.