Bundesverdienstkreuz für Gaißacherin Großer Einsatz für die Opfer

Die Juristin Helgard van Hüllen erhält das Bundesverdienstkreuz am Band. Seit Jahren engagiert sie sich im Weißen Ring.

Von Kathleen Hildebrand

Die promovierte Juristin Helgard van Hüllen lebt in Gaißach. Sie bekommt heute für ihre Arbeit beim Weißen Ring das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

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Helgard van Hüllen ist eine kleine Frau, aber man traut ihr sofort Großes zu. Das mag daran liegen, dass sie ein wenig aussieht wie Judi Dench, die britische Schauspielerin, die in den James-Bond-Filmen die Geheimdienstchefin M verkörpert. Am heutigen Dienstag wird der bayerische Innenminister Joachim Herrmann der Juristin van Hüllen das Bundesverdienstkreuz am Bande verleihen: die Auszeichnung, die in Deutschland dem Ritterschlag ihrer Majestät entspricht.

Es gibt einiges, wofür Helgard van Hüllen es in den 70 Jahren ihres Lebens verdient hätte. Sie hat gemeinnützige Vereine gegründet, die archäologische Ausgrabungen fördern und Straßenkindern in Marokko helfen. Sie hat viele Jahre an der Fachoberschule in Bad Tölz unterrichtet und sie ist Kreisvorsitzende der Frauen-Union der CSU. "Insbesondere" aber, so steht es in der offiziellen Begründung für die Verleihung, erhält sie das Bundesverdienstkreuz für ihre Arbeit beim Weißen Ring, der Schutz- und Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer.

Für den Weißen Ring arbeitet van Hüllen seit 1993. Erst tat sie das "ganz harmlos als ehrenamtliche Mitarbeiterin", sagt sie. Ein Zeitungsartikel über den Weißen Ring habe sie an einen Strafrechtsprofessor aus dem Studium erinnert. Damals, in den Sechzigern, konzentrierte sich die juristische Diskussion auf die Täter. Doch dieser Professor habe betont, dass man sich als Jurist fragen solle, wer gerade mehr Schutz brauche - der Täter oder das Opfer.

Weil sich um die Täter ja die Anwälte kümmern, stellte sie sich auf die Seite der Opfer. "Ich bin vielleicht ein Gerechtigkeitsfanatiker", sagt sie. Wie wichtig strukturierte, pragmatische Hilfe nach einem Verbrechen ist, hat Helgard van Hüllen gleich bei ihrem ersten Fall erlebt. Ein Mann war zusammengeschlagen worden, ins Koma gefallen und starb kurze Zeit später. So etwas sei nicht nur furchtbar und traurig, sondern bringe auch den gesamten Alltag der Hinterbliebenen durcheinander: "Da taucht dann auch die Frage auf, wer den Rasen mäht". Der Weiße Ring sei ein Lotse zwischen Anwälten, Psychotherapeuten und Ämtern, sagt van Hüllen. Oft hilft auch einfach der direkte menschliche Kontakt, das Gefühl, dass sich jemand um das Opfer kümmert - und zwar nicht beruflich. Eine Frau, die überfallen worden war, kam zu Helgard van Hüllen nach Hause und streichelte eine Weile ihre beiden Hunde. Eine Therapie brauche sie nicht, sagte sie danach.

Der Weiße Ring hilft Opfern aller Verbrechen. Denn nicht nur ein Mordversuch ist traumatisierend. Auch ein Wohnungseinbruch kann nachhaltig das Sicherheitsempfinden stören: "Da gerät die Welt aus den Fugen. Ohne das Gefühl von Sicherheit können wir nicht leben." Trotzdem ist die Seele kein ganz zartes Pflänzchen: "90 Prozent verkraften ein Verbrechen ohne posttraumatische Belastungsstörung."

Ihr Ehrenamt ist inzwischen fast ein Vollzeit-Job. Van Hüllen ist heute Beisitzerin im Bundesvorstand des Weißen Rings, seit sechs Jahren leitet sie die Außenstelle in Bad Tölz. Und auch auf europäischer Ebene setzt sie sich ein: Damit die Opferschutzvereine der EU-Mitgliedsstaaten sich in ihrem Niveau annähern können, half sie, eine geeignete EU-Richtlinie zu erarbeiten.