Umstrittenes Bauprojekt "Ich brauch Bolzplatz"

Ein Bauprojekt an der Glockenbachwerkstatt sorgt für Ärger: Die Stadt will bezahlbaren Wohnraum schaffen - und dafür den letzten Bolzplatz in der Münchner Altstadt abreißen. Anwohner wehren sich dagegen. Mit prominenter Unterstützung.

Von Michael Tibudd

Was die Teilnahme an einer Demonstration auch bedeuten kann, haben Julian, Jonas und Cosmo an diesem frühen Nachmittag gelernt: Improvisation. Der Protest stand an zum Erhalt des Bolzplatzes an der Glockenbachwerkstatt. Dort verbringen die drei Zwölfjährigen Tag für Tag viele Stunden, weswegen sie an dem Umzug durch die Innenstadt teilnehmen wollten. Gegen 14 Uhr indes standen sie noch mit leeren Händen da.

Gerade noch rechtzeitig schauten die drei Burschen in die Putzkammern ihrer elterlichen Wohnungen. Sie trugen zwei Besenstiele zusammen, etwas Klebeband, ein breites Tuch aus einem Verbandskasten - und bastelten ein wenig. Heraus kam ein veritables transparent, das sie nun, um halb vier am Montagnachmittag, stolz in die Höhe halten. "Sollen wir auf der Straße spielen?", haben sie drauf geschrieben. "Unser Bolzplatz muss bleiben."

Mehrere Hundert Menschen sind am Montag auf die Straße gegangen zum Erhalt des Bolzplatzes an der Glockenbachwerkstatt, auf dem insbesondere Jungs wie Julian, Cosmo und Jonas ihre Nachmittage verbringen. Sie halten selbstgebastelte Transparente und Plakate in die Höhe mit Aufschriften wie "Ich brauch Bolz-Platz" oder "Bolzplatz bebaut - Freiraum versaut".

Bezahlbare Wohnungen gegen öffentlichen Lebensraum

Der Protest richtet sich dabei pikanterweise gegen ein geplantes Immobilienprojekt der Stadt. Das Kommunalreferat will an der Stelle eigentlich bezahlbaren Wohnraum schaffen und somit etwas gegen den Mangel an Wohnraum insbesondere in der Innenstadt tun. Die schon da sind, finden die Perspektive aber nicht überzeugend. "Die Menschen in München sollten sich nicht nur privaten Wohnraum leisten können", sagt Tuncay Acar, der für den Vorstand der Glockenbachwerkstatt zu den Demonstrierenden spricht, "sondern auch öffentlichen Lebensraum".

Es ist ein bunter Haufen, der da durch die Innenstadt zieht, von der Glockenbachwerkstatt an der Blumenstraße zum Gärtnerplatz, zurück und weiter bis zum Rindermarkt. Die Express Brass Band spielt Funk-Musik, Teilnehmer sprechen von "sozio-kulturellen Freiräumen" und dem Wert, in der Innenstadt einfach herumtoben zu können.

Ähnlich wie bei vielen Bewohnern am Stadtrand, die um die Zukunft ihrer Gartenstädte fürchten, richtet sich ihr Protest dabei gegen den Prozess der Nachverdichtung - also die Schaffung von mehr und mehr Wohnraum auf derselben Fläche. Das könnte ein Rezept sein gegen die ständig steigenden Immobilienpreise - und ist doch für viele ein Ärgernis.

Die Anwohner in der Innenstadt jedenfalls haben prominente Unterstützer: Der frühere Profifußballer Paul Breitner ist gekommen, der Musiker Willy Astor, der sich als Kind beim Bolzen ausgetobt hat und das auch den Jungs von heute gönnt. Zwei OB-Kandidaten lassen sich blicken, Sabine Nallinger von den Grünen und Josef Schmid von der CSU. Am Dienstag geht der Protest prominent weiter: Die Sportfreunde Stiller und Dieter Hildebrandt wollen um 15.30 Uhr auf dem umstrittenen Bolzplatz auftreten.