Aus dem Gangsta-Milieu in den Kindergarten Der Mann mit zwei Leben

Mista Min (Marcos Deida) ein US-amerikanischer GANGSTA-Rapper, der in München als Kindergärtner arbeitete - jetzt macht er wieder Musik.

(Foto: Florian Peljak)

Marcos Deida lebte in Texas. Er war in einer Gang, nahm Drogen, landete im Knast und wurde Gangsta-Rapper. Dann ging er nach München - und arbeitete in einem Kindergarten.

Von Lisa Sonnabend

Sein persönlichstes Lied beginnt so: "My own father died when I was six." Mein Vater starb, als ich sechs war, rappt Marcos Deida. Dann singt er darüber, wie er sich in Texas einer Gang anschloss, wie er harte Drogen nahm, in Häuser einbrach und im Gefängnis landete. Damit endet der Song "Makes no difference" - doch das Leben des Amerikaners begann zu diesem Zeitpunkt wieder von vorne. Marcos Deida hörte auf, kriminell zu sein, er verliebte sich in eine Deutsche, zog 2008 nach München und fand einen Job, der ihm Spaß machte. Der Rapper aus dem Gangsta-Milieu arbeitete fortan in einem Kindergarten und spielte mit Dreijährigen.

Marcos Deida sitzt in seinem Studio auf dem Gebsattelberg in der Au, um seine bewegte Geschichte zu erzählen. Es geht darin um Vergangenheit, die niemand rückgängig machen kann und immer Teil von einem bleibt. Aber auch um einen Moment, der ein Leben in zwei Stücke teilen kann. In ein Vorher und Nachher. Oder wie bei Deida in ein Böse und ein Gut.

Der 30-Jährige trägt kurze Hosen, obwohl es ein kühler Abend ist. Er hat eine modische Brille mit dicken Rändern auf, um den Arm hat er bunte Bändchen gebunden. Der dichte, dunkle Bart ist nur leicht gestutzt, die ersten grauen Haare sind zu erkennen. Seine Stimme ist sanft. Klingt eher nach Kindergärtner als nach Gangsta-Rapper. Als Musiker nennt sich Deida Mista Min, ein Kunstname, obwohl er ja über sein wahres Leben singt. Die Musik ist melodiös, die Texte gehen nah - und sind deswegen hart, nicht weil Kraftausdrücke fallen. Das Debütalbum von Mista Min erschien im Frühjahr beim kleinen Münchner Label Hot Corner Records. Es heißt: "Nineteeneightyfive" - 1985 ist sein Geburtsjahr.

Die Mutter warf ihn mit 13 raus, er zog zur Großmutter nach Texas

Marcos Deida prügelte sich auf den Straßen Philadelphias, dann fand er zu Gott und kam für seine Liebe nach München.

(Foto: Florian Peljak)

Deida kam in Puerto Rico auf die Welt, schon bald zog seine Familie nach Florida. Der Armut entkamen sie jedoch nicht. Seine Mutter strippte in einem Nachtclub, sein Vater starb viel zu früh. Der neue Freund der Mutter trank und schlug ihn. Der 13-Jährige wehrte sich, haute zurück. Die Mutter warf ihn daraufhin raus und schickte ihn zu seiner Großmutter nach Austin in Texas. Sechs Monate später zog sie jedoch hinterher, sie hatte sich endlich von ihrem Partner getrennt. Doch klar kam sie mit ihrem Sohn noch immer nicht.

"Niemand half mir", rappt Deida in dem Song "Makes no difference". Doch sich selbst konnte der Jugendliche lange auch nicht helfen. Eine Straßengang wurde zu seiner Ersatzfamilie. Deida trank mit den neuen Kumpels, kokste, nahm Pillen, baggerte Mädchen an und klaute. "Wenn ich eine Playstation wollte, bin ich in ein Haus rein und habe mir eine geholt", erzählt Deida. Verhaftet wurde er nicht wegen einem der vielen Einbrüche oder Raubüberfälle, sondern weil er tagsüber mitten auf der Straße eine Waffe zusammenbaute. Nach ein paar Tagen kam er wieder frei. Es änderte sich nichts.

Seine Mutter schickte ihn erneut fort. Diesmal nach Philadelphia, wo seine Großmutter mittlerweile lebte. "Philly war richtig hart", sagt Deida. Verfeindete Gangs prügelten sich direkt vor der Schule, 40 gegen 40. Er berichtet offen über seine Vergangenheit, er beschönigt und verheimlicht nichts. Die Schuld für sein Abdriften gibt er nicht nur anderen, auch sich selbst.

"Ich hatte genug Scheiße für ein ganzes Leben gebaut"

Als Deida jedoch mit 15 Jahren nach Texas zurückkehrte, wurde alles anders. Auch weil seine Schwester ihn mit auf eine Kirchenfreizeit nahm. Der Jugendliche war fasziniert von dem Pfarrer, der von Jesus, David und Goliath sprach. "Ich hatte genug Scheiße für ein ganzes Leben gebaut", sagt Deida. "Von da an traf ich 90 Prozent gute Entscheidungen." Er stieg nicht mehr in Häuser ein, prügelte sich nicht mehr, hörte auf, Drogen zu nehmen. Die Schule machte ihm plötzlich Spaß, er ging regelmäßig in die Kirche - und er beschäftigte sich immer intensiver mit Musik.

Schon in der Gang hatte er gerne den anderen Hobby-Rappern zugehört, ihnen Tricks abgeschaut. Er verehrte Tupac und Wu-Tang Clan und nahm damals schon das Mikrofon in die Hand und probierte sich aus. "Es hat mir geholfen, Frust und Ärger auszudrücken", sagt er. Mit 18 Jahren gründete Deida mit seinen neuen Freunden aus der Schule die Crew Concept 7. Sie probten in einer Garage, nahmen schließlich eine Platte auf. Seine alten Kumpels dagegen saßen im Gefängnis, waren umgebracht worden oder an Drogen gestorben. Deida begann zu studieren, jobbte - und verliebte sich. Im Internet lernte er eine Deutsche kennen, er kaufte ein Flugticket. One Way. Im Mai 2008 landete er in München.

Deida spricht inzwischen nahezu perfekt Deutsch. Doch wenn ihn etwas aufwühlt, wechselt er ins Englische. Die Sätze sprudeln dann aus ihm heraus. Er streut immer wieder Wörter ein, die etwas über seine Vergangenheit verraten. "München ist dope", sagt er etwa, wenn er von seiner neuen Heimat schwärmt. Er schätzt die große Musikszene der Stadt, die vielen Auftrittsmöglichkeiten für Künstler und das internationale Flair. Die Bewohner würden ihn unterstützen, an ihn glauben. Mit der Frau aus dem Internet ist er noch immer liiert.

Die Kirchengemeinde vermittelte ihm eine Stelle im Kindergarten

Als Deida nach München kam, vermittelte ihm die Kirchengemeinde eine Stelle im Kindergarten. Der Rapper mit der bewegten Vergangenheit brachte nun Dreijährigen Englisch bei, er trommelte mit ihnen und wechselte Windeln. Es machte ihm Spaß. Denn Deida erlebte endlich all das, was er als Kind verpasst hatte. "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben", sagt er. Seine Vergangenheit verheimlichte Deida dabei nicht, die Leiterin der Einrichtung und viele Eltern wussten über ihn Bescheid. Mit den Kindern sprach er jedoch nicht darüber, dafür waren sie zu klein. Aber seinen Erziehungsstil beeinflusste es: "Wenn es sein musste, war ich auch streng", sagt Deida.

Vor ein paar Monaten verließ Deida jedoch den Kindergarten. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht. Doch er verdiente wenig, weil er keine Ausbildung hat. Außerdem wollte er seine Musikkarriere vorantreiben. Nun jobbt er in einem Plattenladen und arbeitet als Remixer bei anderen Münchner Bands. Falls es aber mit der Musik nicht klappen sollte, würde er gerne Erzieher lernen. Um den Kindern etwas mitzugeben, damit sie später ihr Leben meistern. Damit sie nicht auf den Zeitpunkt warten müssen, an dem es wieder von vorne beginnt. Wie bei ihm.

Marcos Deida erhebt sich aus dem Drehstuhl in seinem Studio und geht zum Mikrofon. Er fuchtelt mit den Händen, rappt ein paar Zeilen. Es geht um seine Vergangenheit. Die Augen hat er geschlossen.