Das Jetzt an der Münchner Oper: Bei der Uraufführung der Tragödie des Teufels dirigiert der Komponist leibhaftig und plaudert der Librettist.
Vor der Aufführung herrscht gespannte Ruhe in den Gängen der Bayerischen Staatsoper in München. Eine Oper, bei der der Komponist selbst dirigiert, soll hier gleich auf die Bühne gebracht werden. Der Librettist Albert Ostermaier erklärt derweil leibhaftig vor einem Mikrofon, wie es dazu gekommen ist, dass sein Text doch keine 140 Seiten umfasst und damit Wagner-Länge hat, sondern in zwölf Bildern und nicht einmal zwei Stunden zu Ende ist. Die Zuschauer hängen an seinen Lippen.
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Kostüme wie aus einem Science-Fiction-Film: In München hat "Die Tragödie des Teufels" von Peter Eötvös Uraufführung gefeiert. (© Foto: Hösl/oh)
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Eine moderne Uraufführung steht an diesem Montagabend an, keine x-te Carmen-Premiere, keine Huldigung zum 200. Geburtstag von Chopin. Nein, das ist das Jetzt. Und das ist in einer Oper durchaus ungewöhnlich.
Die Tragödie des Teufels ist die siebte abendfüllende Oper des ungarischen Komponisten Peter Eötvös. Sie nennt sich "komisch-utopische Oper" und stützt sich auf auf das Hauptwerk des Dramatikers Imre Madách Die Tragödie des Menschen - eine Art "ungarischer Faust". Der Münchner Dichter Albert Ostermaier hat das Drama umgearbeitet. Herausgekommen ist eine utopische Menschheitsgeschichte voller Schöpfungsmythen.
Der Teufel Lucifer (sehr kraftvoll: Georg Nigl) und seine Partnerin Lucy (ausdrucksstark: Ursula Hesse von den Steinen) führen Adam (stimmsicher: Topi Lehtipuu) und Eva (wandlerisch, aber ein wenig blass: Cora Burggraaf) in ausweglose Situationen, um die Nichtigkeit menschlicher Werte zu beweisen. Sie reisen mit ihnen nach Athen, Rom, Bagdad und in die Wüste. Am Ende stirbt Eva und Adam vereinigt sich mit seiner ersten Frau Lucy. Ein Symbol für den ewigen Makel der Menschheit oder die Chance für deren Neubeginn? Es bleibt Raum für Spekulationen.
Die Handlung ist komplex, die Drehbühne dagegen eine Konstante. Das Künstlerehepaar Ilya und Emilia Kabakov hat diese Konstruktion entworfen: Wie der Rest eines Palastes ragt eine Treppe in die Höhe, an deren Seite fünf Figuren das Leben von der Geburt bis zum Tod symbolisieren. Eine arg plumpe Symbolik im Vergleich zu der Übermütigkeit der Sprache, Musik und Inszenierung der restlichen Tragöde des Teufels.
Die Darsteller erinnern an Science-Fiction-Figuren, wie man sie aus dem Kino kennt. Lucifer trägt einen rosa Lackanzug, Lucy einen silbernen Übermantel, Adam und Eva zu Beginn einen glitzernden hautfarbenen Ganzkörperanzug.
Die Anleihen an die Gegenwartskultur sind zahlreich: Wenn in dem Bild "Shop" das Klonen möglich wird. Wenn Boris mit der Wasserflasche vor seinem Schritt wedelt, aus der die durstige Eva gierig einen Schluck nehmen möchte. Oder wenn Eva wie in Abu Ghraib einen Gefangenen foltert und Lucy bittet, ein Foto von ihr zu machen.
Gelegentlich bekommt man den Eindruck, Eötvös würde noch lieber Musiktheater machen als Opern: Es wird theatralisch gelacht, geflucht und gestorben. Mehrmals wird sogar ein Satz gesprochen statt gesungen.
Die Sprache von Ostermaier ist vielseitig. Mal kalauerhaft ("Scheiße, runter, Bullen!"), mal naturverbunden ("Eine Gans mit Mais"), mal kryptisch philosophisch ("Ist Gott ein Feigling?"). Fast immer in perfekter Poesie.
Das Orchester erinnert zuweilen an kunstvolle Filmmusik. Die Musik behält immer etwas Geheimnisvolles. Sie drängt sich nie auf - obwohl die Präsenz auf der Bühne anderes vermuten lässt: Eötvös hat zahlreiche Schlaginstrumente im Bühnengraben angeordnet, so dass vorne für die Streicher kein Platz mehr ist. Das zweite Orchester agiert am hinteren Rand der Bühne, verdeckt von einem Vorhang. Nur die Lichter an den Notenständern und die dirigierende Hand schimmern hindurch.
Während der Aufführung geht vereinzelt ein Seufzen durch den Saal, einige blicken auf die Uhr und scharren ungeduldig mit den Füßen. Die Zuschauer sehnen sich nach einer Pause, doch für die lässt der Stoff keinen Raum.
Am Ende zeigt sich das Premierenpublikum überraschend gnädig. Kein Buhruf. Zwar auch kein frenetischer Jubel und nur ein Bravo. Aber der Applaus ist so harmonisch und entschlossen wie die Musik von Eötvös. Lucifer, der Teufel, verneigt sich.
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(sueddeutsche.de/sonn/mikö)
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