Tierschutz als Tarnung Neonazis im Eisbärenkostüm

Auf ihren Flyern sind eingesperrte und blutende Tiere abgebildet, der Text ist vordergründig unverdächtig: In Oberbayern geben sich Rechtsradikale als Tierschützer aus und versuchen so, neue Anhänger zu rekrutieren.

Von Sophie Rohrmeier

"Artgerechte Haltung" und Freiheit für "angeborene Verhaltensweisen": Das klingt nach unverdächtigen Forderungen harmloser Tierschützer. Doch mit dem Einsatz für solche Tierrechte tarnt sich neuerdings das rechtsextremistische Netzwerk "Freies Netz Süd". Offenbar um Anhänger zu gewinnen, die sonst nie in Kontakt mit Rechtsradikalen kommen würden, postieren sich Anhänger des Neonazi-Kreises vor Zirkussen und verteilten Flyer, die erst auf den zweiten Blick als Propagandamaterial zu erkennen sind.

Zuletzt in Grafing: Dort gastierte Anfang September der Circus Luna, vor dem sich an jedem Vorstellungstag junge Grafinger gegen Tierquälerei demonstrierten. Wie erst jetzt bekannt wurde, mischten sich unter die Demonstranten sieben Unbekannte und verteilten eigene Flugblätter. "Sie waren zuerst ganz unauffällig", erzählt eine Schülerin, die zu den Tierschützern gehört. "Aber auf ihrem Flyer steht auch der Link zur Münchner Bürgerinitiative Ausländerstopp (BIA), das ist schon ziemlich deutlich." Sogar ein Eisbärenkostüm habe eine Person getragen, um die Tarnung als Tierschützer perfekt zu machen.

Der bayerische Verfassungsschutz bestätigt das. Rechtsextreme seien in den vergangenen Wochen auch in Freilassing, Simbach am Inn und Puchheim mit solchen Aktionen aufgetreten. Die Grafinger Tierschützer riefen schließlich die Polizei. Die Beamten überprüften die sieben Aktivisten dann auch, deuteten ihr Auftreten aber nicht als Versammlung und erkannten offenbar auch deren Flyer nicht als eindeutig rechtsextrem. Eingesperrte und blutende Tiere sind darauf abgebildet, der Text ist vordergründig unverdächtig: "Manege frei der Tierquälerei! Wie lange wollen wir noch zuschauen?"

Die Verfasser prangern Tierquälerei in Zirkussen an und plädieren für Leben in "freier Wildbahn" und "angeborene Verhaltensweisen" - Formulierungen, die nur entfernt an rechtsradikale, rassistische Ideologie denken lässt. Vor allem aber steht auf dem Flugblatt: "Engagiere dich und tritt mit uns in Kontakt". Darunter sind zehn als rechtsextrem bekannte Gruppen oder Marken und deren Internetadressen aufgeführt. Neben der BIA München finden sich hier das "Infoportal Schwaben", "Widerstand Schwandorf", eine von einem Nazi betriebene Kleidungsmarke und eben das Freie Netz Süd (FNS). Gegen dieses Netzwerk hatte im Juli eine groß angelegte Aktion der Polizei stattgefunden, mit dem Ziel, Beweismittel für ein Verbot zu sichern.

Laut Miriam Heigl von der Münchner Fachstelle gegen Rechtsextremismus ist das FNS Organisationsplattform für Neonazis in Bayern und der Link zwischen der Kameradschaftsszene und rechtsextremen Politikern. "Das FNS ist gefährlich, weil sich die Neonazis hier vernetzen und zugleich Kampagnen lancieren, mit denen sie versuchen, in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen", sagt Heigl. Ziel sei es, "auf politischer Ebene ihre Handlungsspielräume zu erweitern". Rechtsextreme benutzten nicht nur das Thema Tierschutz, sondern auch zu hohe Mieten oder Kindesmissbrauch, um an bürgerliche Schichten heranzukommen. Mit solchen Themenversuchten sie den Rechtsextremismus subtil zu transportieren, sagt Heigl. Und sie warnt: "Diese Masche ist umso erfolgreicher, je weniger sie entlarvt wird."