T.C. Boyle in München Schreibender Punk auf Tuchfühlung

Er ist der Punkrocker unter den Autoren. Seine Texte sind atemlose Plots, gespickt mit durchgeknallten Metaphern. In München liest T.C. Boyle aus seinem neuen Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" - und begeistert sein Publikum.

Von Beate Wild

Knallrotes Sakko, enge schwarze Jeans, wirres Haar, ein Shirt mit Tigermotiv. So steht er da auf der Bühne und erzählt Anekdoten aus seinem Leben, wortgewandt und witzig. Das Publikum lacht, jubelt, ist begeistert. Man könnte meinen, man habe einen Rockstar vor sich. Einen etwas gealterten Rockstar vielleicht, aber einen mit viel Verve und Charisma. Aber da vorne auf der Bühne der Münchner Muffathalle steht nicht etwa Mick Jagger, sondern T.C. Boyle, Schriftsteller.

Wo sonst gerockt wird, wird am Montagabend gelesen. Der US-Autor ist gerade auf Lesereise und macht Station in München. Die Muffathalle ist schon seit längerem ausverkauft. Die Menschen sind gekommen, um einen leibhaftigen Kultautor zu sehen. Boyle liest an diesem Abend aus seinem neuen Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist".

Schon am Nachmittag hatte der 63-Jährige für Aufregung im bürgerlichen Schwabing gesorgt. Er hatte zu einer Signierstunde in der Buchhandlung Lehmkuhl an der Leopoldstraße vorbeigeschaut und seine dort nervös wartenden Fans in seinen Bann gezogen. Geradezu liebenswürdig nahm sich T.C. Boyle, der von Freunden einfach Tom genannt wird, eine Stunde Zeit, schrieb Widmungen in die mitgebrachten Bücher, plauderte über dies und das.

"Wie heißen Sie? Tom? Was für ein außergewöhnlich schöner Name?", scherzte er etwa mit einem Fan. Oder: "Sie wollen ein Foto mit mir? Kommen Sie in meine Arme". Sprach's, und drückte die überraschte Oma herzhaft an sich. Auf derart intime Tuchfühlung konnte der Autor später bei seiner Lesung in der Muffathalle nicht mehr gehen, obwohl er dort am Ende wieder geduldig Hunderte von Büchern signierte. Aber die Zuschauer sahen einen leibhaftigen Literatur-Star.

13 Bücher hat Boyle, Jahrgang 1948, bisher veröffentlicht, sein jüngstes Werk namens "San Miguel" ist fertig geschrieben, verrät er, aber noch nicht im Handel. Der Amerikaner gilt als Punkrocker unter den Autoren, was vielleicht daran liegt, dass er noch nie besonders zimperlich mit seinen Lesern umgegangen ist. Nicht im persönlichen Umgang, was man in München merkt, dafür aber in seinen Geschichten, in denen er seinen Lesern so einiges zumutet: Atemlose Plots, gewagte Metaphern, überraschende Wendungen. Punkrock eben. Geschriebener Punkrock.

Die wahre Geschichte hinter dem Schlachten

In dem neuesten Roman "Wenn das Schlachten vorbei ist" geht es um zwei verfeindete Tierschützerfraktionen. Während die einen eine Rattenplage auf einer Insel beseitigen wollen, um andere Tierarten zu retten, versuchen die anderen diese Tiere um jeden Preis zu schützen. Im Zentrum steht die Frage, ob der Mensch über die Tiere herrschen darf. Ist das ethisch vertretbar? Warum darf sich der Mensch dieses Recht herausnehmen? Darf der Mensch Gott spielen? Je weiter man sich in dem Buch vorarbeitet, desto ernster wird es.

Boyle, überzeugter Vegetarier, bezeichnet sich selbst als fanatischen grünen Schriftsteller. Er ist das, was man gemeinhin einen "Öko" nennt. So ist seine Lebenseinstellung, danach lebt er konsequent. Gesellschaftspolitische und ökologische Themen, die ihn bewegen, baut der US-Amerikaner gerne in seine Bücher ein. Und so ist er auch für seinen nun vorgestellten Roman wieder von einer wahren Geschichte inspiriert worden: Auf der Insel Santa Cruz, die in der Nähe seines Wohnorts Montecito liegt, sollten tatsächlich 5500 wilde Schweine getötet werden, um eine andere Spezies zu schützen. Für ihn die perfekte Vorlage für einen Ökothriller.

In der Muffathalle wechselt sich Boyle beim Lesen mit dem Journalisten David Eisermann ab, der die deutsche Version liest. Doch wenn man sieht und hört, mit welcher Leidenschaft Boyle seinen ungemein kraftvollen Text vorträgt, will man plötzlich nur noch das Original lesen.