Gentrifizierung in München Von der Rendite überrollt

Mitten drin: Werner Stadler möchte um nichts in der Welt aus seiner Wohnung an der Schellingstraße ausziehen.

(Foto: Stephan Rumpf)

In immer schnellerem Tempo bauen Investoren die Stadt München mit teuren Wohnungen und edlen Läden zu. Was macht das mit den Menschen?

Von Thomas Kronewiter

Eigentlich ist dieser Blick über die Blechdächer der Maxvorstadt unbezahlbar. Werner Stadler kostet er im Monat zwölf Euro, pro Quadratmeter wohlgemerkt, und er weiß, dass er damit unverschämtes Glück hat. Außerdem profitiert der 68-Jährige von einer Art umgekehrter Treueprämie, denn er wohnt seit 41 Jahren in dem Haus an der Schellingstraße. Würde seine Wohnung jetzt neu vermietet, sagt er, "könnte ich sie mir nicht mehr leisten".

Doch ein Umzug, raus aus seinem Viertel, in dem er fast jeden kennt, wo etwas los ist, wenn er den Fuß nur auf die Straße setzt, kommt nicht in Frage - obwohl ihm die schleichenden Veränderungen rund ums Wohnhaus zu schaffen machen. Veränderungen, die längst im Nachbarhaus, im nächsten Hof mit dem früher idyllischen Teich, im einstigen Lieblingsladen angekommen sind.

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Mietpreise explodieren, Häuser werden luxussaniert, Wohnraum wird knapp: Durch Gentrifizierung werden ganze Bevölkerungsschichten vertrieben - wie gehen Städte mit der Herausforderung um? Dieser Artikel ist ein Beitrag zu einem 360°-Schwerpunkt über das Phänomen Gentrifizierung und darüber, was sie mit uns macht.

So wie bei dem Geschäft mit den balinesischen Holzmöbeln. "Leer, weg", sagt Stadler. Ganz plötzlich. "Und die sind sicher nicht weggezogen, weil die Leute nichts gekauft haben." Nun sind vier Schaufenster leer an der Schellingstraße, vermutlich weil der Ladenbesitzer mit seinen Möbeln die Kosten nicht mehr erwirtschaften konnte. Im übernächsten Haus gab es lange eine Apotheke, Lebensgrundlage von zwei "ganz alten Leuten". Seit die ihre Apotheke zugemacht hätten, sei in dem Gebäude im Erdgeschoss ein ständiger Wechsel. Ein paar Monate hält es ein Existenzgründer mit seinem Kleiderladen aus, dann versucht es wieder ein Gastronom.

"Münchens sturster Mieter" war eines der ersten Gentrifizierungsopfer

Es sind die Dynamik und das Ausmaß des Wandels, die viele Münchner umtreiben. Dass München teuer ist, wussten schon die Studenten in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Welche Dimension die Immobilienspekulation annehmen würde, wurde aber schlagartig vor elfeinhalb Jahren deutlich. Damals berichtete die Presse über "Münchens stursten Mieter", den letzten Bewohner vom "Rattenhaus am Dom". Als Thomas U. kurz nach Weihnachten 2003 als allerletzter Bewohner aus dem Gebäude an der Mazaristraße 1 tatsächlich auszog, tat er das als ein frühes Opfer der Gentrifizierung.

Freilich zeigte U.s Fall auch, wie weit das Immobiliengeschäft damals schon gediehen war. Denn damit er auszog, zahlte ihm der Projektentwickler 200 000 Euro - zu einem Zeitpunkt, als der 1964 von einer britischen Soziologin geprägte Begriff der Gentrifizierung hierzulande allenfalls für Berliner Phänomene gebräuchlich war. Heute ist die kleine Mazaristraße nicht einmal mehr Wohnadresse - alle Gebäude schmücken sich nach vorne oder hinten mit dem 1a-Lage-Namen Kaufingerstraße oder zumindest mit Frauenplatz.

In München wird gebaut, abgerissen, saniert, nachverdichtet, was nur geht. Nachbarn wissen nicht, wie ihnen geschieht, das Tempo ist ungeheuer. Eben noch Traditionshaus, im nächsten Moment Renditeobjekt: Beispiele gibt es noch und noch. Die alte Post an der Münchner Freiheit ist einem gesichtslosen Geschäftshaus gewichen. Zugunsten des Plans, eine Synagoge für die liberale jüdische Gemeinde zu errichten, hat man eine grüne Ecke am Gries im Lehel ins Auge gefasst. Der Biergarten Tannengarten und die Kneipe Spektakel in Sendling wurden gerade noch einmal gerettet, nicht zuletzt dank einer kraftvollen Bürgerbewegung.

"Völlig fertig mit den Nerven"

Die einen drängeln sich mit 70 anderen Bewerbern auf Wohnungsbesichtigungen, die anderen werfen Hilferufe in den Opferstock ihrer Gemeinde. Mieter berichten, wie es ihnen auf dem Münchner Wohnungsmarkt ergangen ist. Aus der SZ-Redaktion mehr ... 360° Gentrifizierung - Protokolle

Nicht von ungefähr hat der Abriss der Schwabinger Sieben - eigentlich eine unauffällige Barackenkneipe - eine so große Solidarisierungsbewegung ausgelöst. Die Kneipe musste Luxuswohnungen in bester Lage weichen - wenngleich der nun auch im Erdgeschoss gerade fertig werdende Block ästhetisch wesentlich ansprechender eine früher hässliche Baulücke schließt. Das Wohnen in dem Gebäude aber kommt teuer. Als die SZ den Preis von 2,37 Millionen Euro für eine Vier-Zimmer-Erdgeschoss-Wohnung veröffentlichte, blieb das unwidersprochen.