Straßenfest Über dem Pflaster der Strand

Hoch hinaus, wo sonst die Autos rollen: Leopold- und Ludwigstraße sind gesperrt, da können die Kinder Türme errichten, Kopfstände machen oder sich sonstwie austoben. Was wie ein indisches Holi-Festival aussieht, ist ein Farbpulver-Protest gegen den Infostand der AfD, die sich am Rande der Münchner Freiheit eingerichtet hatte.

(Foto: Fotos: Catherina Hess)

Wo sonst Autos lärmen, drängen sich am Wochenende wieder die Besucher von Streetlife-Festival und Corso Leopold. Die eigentlich unerwünschte AfD ist per Infostand dabei - die Gegner reagieren mit buntem Farbpulver.

Von Thomas Anlauf

Strand statt Straße kommt eigentlich immer gut an. Dazu noch bunte Liegestühle, Kübel mit Grünzeug: Fertig ist das kleine Paradies am Siegestor, das von Genießern belegt ist. Da macht es auch fast nichts, dass die Unterlage nicht aus feinem Sand, sondern aus groben Holzschnitzeln besteht. Bei dem kühlen Wetter am Wochenende flanierte ohnehin niemand barfuß auf der autofreien Meile zwischen Odeonsplatz und Münchner Freiheit. Trotzdem sollen es wieder rund 200 000 gewesen sein, die am Samstag und Sonntag unter gelegentlichen Schauern das Streetlife-Festival im Süden und den Corso Leopold auf Schwabinger Seite besuchten.

Für viele Münchner sind die beiden Festivals, die längst so groß geworden sind, dass sie nahtlos ineinander übergehen und wahlweise "Corso" oder "Streetlife" genannt werden, lieb gewordene Pflichttermine im Jahreskalender. Auf der Ludwigstraße präsentieren sich tagsüber der Veranstalter Green City sowie andere Verbände und Initiativen und werben fürs Radfahren, für Menschenrechte, Tierschutz oder Sportangebote in der Stadt.

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Kinder laufen bunt geschminkt über die Straße, ohne nach links und rechts schauen zu müssen, vor den Bierwagen bilden sich Trauben von Feiernden. Am Samstagabend wummern Bässe über den Professor-Huber-Platz an der Universität. Im Arkadengang der Ludwigskirche hüpfen junge Erwachsene wie kleine Kinder auf aufgeblasenen Riesensofas zum Elektrosound des Dreschwerk-Kollektivs. Weiter nördlich, vor der "Terrasse der Rhythmen" des Corso Leopold, ist auch am späteren Abend kaum ein Durchkommen. Kein Wunder, hier trifft Kultur auf Kommerz, sprich brasilianische Musik auf Bier und Bockwurst.

Als am Sonntagmittag endlich die Sonne den Asphalt der Ludwig- und Leopoldstraße trocknet, schieben sich wieder Menschenmassen an den zahlreichen Ständen und Buden entlang, wo sonst Autos im Stau stecken. "Haben Sie schon mal meditiert?", fragt eine Frau am Stand des, klar, Meditationszentrums München und lächelt beseelt. Nebenan steht etwas verloren ein grauhaariger Herr der evangelischen Kircheneintrittsstelle, für die Gruppe verträumter Krishna-Jünger, die in der Nähe vor sich hin wippen und "hare hare" singen, interessieren sich deutlich mehr Corso-Besucher.

An der Ainmillerstraße geht es weltlicher zu. Dort dröhnt türkische Musik aus den Boxen, unter großen Schirmen, die mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen behängt sind, sitzen junge Männer in türkischen Trikots. Der Flachbildfernseher läuft ohne Ton, man würde ohnehin nichts verstehen vor lauter Musik.

Ganz am Ende der Meile, an der Ecke zur Feilitzschstraße, stehen sich drei Grüppchen gegenüber: ein paar junge Leute, die Fahnen halten mit der Aufschrift "keine Nazis", ein paar Polizisten und unter einem Gartenpavillon Wolfgang Wiehle und seine Parteifreunde von der AfD. Das hier sei "Plan B", sagt Wiehle, Kreisvorsitzender der AfD München Süd. Plan A wäre gewesen, direkt auf dem Corso einen Informationsstand zu haben. Doch der Vereinsvorstand der "Corsaren" Ekkehard Pascoe hatte der rechtspopulistische AfD eine Abfuhr erteilt. Diese hatten daraufhin vergeblich in zwei Instanzen dagegen geklagt und schließlich am Samstag und Sonntag eine eigene Veranstaltung am Rand der Münchner Freiheit angemeldet.

Dort wird es am Nachmittag tatsächlich noch bunt. Einige Aktivisten, die sich "Bündnis besorgter Bürger" nennen, werfen neben dem Stand der Rechtspopulisten Dutzende Beutel mit farbigem Puder in die Luft. Ein junger Mann wird festgenommen. Er hat gezielt einen bunten Beutel auf den AfD-Stand geworfen.

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