Stolpersteine in München Am Boden

Seit 1988 erinnert eine Keramik-Collage von Robert Schmidt-Matt vor dem Haupteingang der Universität an die Widerstandsgruppe "Weiße Rose".

(Foto: Catherina Hess)

Gedenkplatten im Pflaster sind umstritten. In München gibt es erst 27 Stolpersteine - allesamt liegen sie auf privatem Grund. Für die einen sind sie eine mit Füßen getretene "Ehrung im Straßenschmutz". Für die anderen bedeuten sie Innehalten und Verbeugung.

Von Martin Bernstein

Mittagszeit in der Kardinal-Faulhaber-Straße in München. Den Gehweg auf der Ostseite versperrt ein Bauzaun. Wer dort durch will - Geschäftsleute, die zum Business-Lunch eilen, Paare, die ihre Weihnachtseinkäufe zum Parkhaus bringen, Passanten, die zu den Fünf Höfen wollen -, weicht auf die andere Straßenseite aus. Dort ist der Umriss eines Menschen im Gehsteigpflaster zu erkennen, die Beine verdreht, ein Arm halb ausgestreckt, der andere angewinkelt, so lag er offenbar da. Eindeutig das Opfer eines Verbrechens.

Wer hinschaut, kann lesen, wer an dieser Stelle gewaltsam zu Tode kam: Kurt Eisner, erster Ministerpräsident des Freistaats Bayern, ermordet von einem rechtsradikalen Fanatiker am 21. Februar 1919. Ein Kranz lehnt neben der Metallplatte an einer Hausmauer, geschmückt mit roten Nelken, niedergelegt von der SPD im Bezirksausschuss 19. Doch es schaut niemand hin. Die Passanten, Einkäufer, Geschäftsleute eilen, stöckeln, schlurfen, gehen darüber hinweg. Ein historischer Tatort, ein Gedenkort mitten im Alltag - und niemand bleibt stehen.

Das Andenken an Kurt Eisner, so könnte man sagen, wird an dieser Stelle nicht gepflegt. Es wird mit Füßen getreten. So argumentieren auch diejenigen, die die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig vehement ablehnen. An diesem Freitag findet ein Hearing im Alten Rathaus statt, in dem es um die Frage gehen soll, warum es nach einem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2004 bis heute in München verboten ist, die Gedenkplaketten zur Erinnerung an vertriebene, deportierte und ermordete Nazi-Opfer auf öffentlichem Grund zu verlegen.

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Erst 27 Stolpersteine gibt es in München - allesamt liegen sie auf privatem Grund, in Hofeinfahrten, direkt an Häusern. Dort werden sie nur selten mit Füßen getreten. Und verfehlen so ein Stück weit die Intention ihres Schöpfers und seiner Fürsprecher: Dass sie die Erinnerung an Menschen mitten in die Stadt zurückbringen, aus der jene einst durch ein Terrorregime verjagt, später oft umgebracht wurden. Dass die Steine die Menschen ins Stolpern bringen. Und dass diese sich beim Lesen vor den Opfern verbeugen.

Deshalb unterstützt der neue Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, seit Jahren das "tolle Projekt". "Die kleinen Messingsteine lassen uns immer wieder mitten im Alltag innehalten", sagte Schuster jetzt in Würzburg. Durch die Steine werde einem bewusst, dass die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft "mitten unter uns" gelebt hatten: "Es waren Nachbarn. Und auch wenn es heute keine Angehörigen mehr gibt: Sie sind nicht vergessen."

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Noch in diesem Jahr werde voraussichtlich der 50 000. Stolperstein bundesweit verlegt. Eine "enorme Leistung" nennt da Schuster. Er könne allerdings nicht ganz nachvollziehen, weshalb Demnig seit einiger Zeit auch Steine für überlebende Opfer des NS-Terrors verlege - und weshalb er auf manchen Steinen die Terminologie der Nazis für Inschriften verwende. Solche "Auswüchse", so Schuster, könnten Kritiker in ihrer Ablehnung bestärken - und das fände er "ganz fatal".

Boden-Denkmäler sind eine bewährte Form historischer Erinnerung. Vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität erinnern Bodenkeramiken des Bildhauers Robert Schmidt-Matt seit 1988 an die Mitglieder der Weißen Rose. Wie die Flugblätter, die Sophie und Hans Scholl einst in den Lichthof der Universität warfen, liegen sie da. Wird die Erinnerung an die Geschwister Scholl an diesem Ort mit Füßen getreten?

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Sicher, tausendfach an jedem Tag. Und sicher häufiger als die Erinnerung an den Schreiner Georg Elser. Die Gedenkplatte für den Hitler-Attentäter ist genau an jenem Ort in den Boden eingelassen, an dem am 8. November 1939 im damaligen Bürgerbräukeller die Bombe explodierte, die Hitler und andere Nazi-Führer hätte töten und das millionenfache Morden hätte verhindern können. Wer die Bodenplatte finden will, muss suchen. Hinter dem Gasteig liegt sie im Pflaster, ein paar Meter neben dem Eingang zur Gema-Verwaltung. Laufkundschaft gibt es dort kaum. Zum Stolpern bringt diese Gedenktafel sicher niemanden.

Das Gedenken an die Jahre zwischen 1919 und 1945 in der einstigen "Hauptstadt der Bewegung" liegt in vielen Fällen am Boden. Das sogenannte "Drückebergergassl", das manche Münchner in der NS-Zeit benutzten, um der geforderten Ehrbezeugung vor der Feldherrnhalle zu entgehen, wo das Regime eine Weihestätte in Erinnerung an den Hitler-Putsch von 1923 eingerichtet hatte, wird von einem 18 Meter langen Bronzestreifen des Bildhauers Bruno Wank markiert. Vor der Feldherrnhalle selbst erinnerte von 1994 bis 2010 eine Bodentafel an die vier Münchner Polizisten, die bei der Niederschlagung des nationalsozialistischen Putschversuchs ihr Leben ließen.