Stolpersteine:"Die Leute sollen dort wirklich drüberfallen"

Stolpersteine: Die Tölzer Stolpersteine sind in der Marktstraße zentral installiert.

Die Tölzer Stolpersteine sind in der Marktstraße zentral installiert.

(Foto: Salger)

Acht Stolpersteine in Bad Tölz und Freising, zehn in Dachau: In den Städten rund um München gehören die Gedenkmarken im Boden längst zum Ortsbild. Gestritten wurde darüber nicht - im Gegenteil.

Von Peter Becker

In dem Warenhaus an der Oberen Hauptstraße in Freising, das einst der jüdischen Familie Holzer gehörte, befindet sich heute ein Bekleidungsgeschäft. Acht Stolpersteine sind in einer Reihe in den Bürgersteig davor eingelassen. Eingraviert sind darauf die Namen der von den Freisinger Nationalsozialisten vertriebenen oder deportierten Familie. 13 Stolpersteine gibt es in Freising. Es ist nicht die einzige Stadt in der Region, die auf diese Weise an die Schicksale jüdischer Bürger in der Zeit des Nationalsozialismus gedenkt. Dachau hat zehn Stolpersteine in die Bürgersteige entlang Straßen seiner Innenstadt versenken lassen, Bad Tölz acht.

In Freising geht die Initiative auf eine Schülerin zurück. Katharina Prokopp hatte als Gymnasiastin im Jahr 2003 von dem Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig gelesen. Daraufhin recherchierte sie Häuser von vertriebenen Freisinger Juden. Mit einem Brief wandte sich die Schülerin an den damaligen Freisinger Oberbürgermeister Dieter Thalhammer (SPD). Unterstützt hat sie der Stadtrat und der Landessprecher des Vereins der Verfolgten des Naziregimes (VVN) Guido Hoyer, nach eigenem Bekunden selbst "ein absoluter Befürworter" der Stolperstein-Aktion.

Der Stadtrat sprach sich 2004 mit großer Mehrheit für das Projekt von Katharina Prokopp aus. Die ersten vier Stolpersteine wurden 2005 verlegt. Zwei Jahre später kamen neun weitere dazu - darunter die vor dem ehemaligen Warenhaus der Familie Holzer. Die ersten Stolpersteine waren über Patenschaften finanziert. An den Kosten der weiteren Gedenktäfelchen beteiligten sich die Stadt und Privatpersonen. Ein Landschaftsarchitekten-Büro aus dem Landkreis übernahm die kostenlose Verlegung.

"Ein Zeichen der Versöhnung"

So mehrheitlich in Freising die Entscheidung zugunsten der Stolpersteine ausfiel, so geschah dies auch in Dachau. Am 9. November 2005 verlegte Demnig auf Initiative der Dachauer Versöhnungskirche und des Dachauer Forums dort die ersten Gedenktafeln zur Erinnerung der in der Pogromnacht 1938 ermordeten Juden. Günter Heinritz, Referent für Zeitgeschichte im Dachauer Stadtrat, sowie seine Vorgängerin Katharina Ernst sehen in der Verlegung der Steine "ein Zeichen der Versöhnung".

Der damalige Stadtrat Helmuth Freunek (CSU) nannte die Aktion "einen weiteren Schritt zur Aufarbeitung unserer örtlichen Geschichte". Die zehn Dachauer Gedenksteine befinden sich in der Hermann-Stockmann-Straße, Oskar-von-Miller-Straße, Frieden-, Wieninger-, Heimgarten- und Schleißheimer Straße.

Auch Zeitzeugen unterstützen die Aktion

Bei der Aktion in Dachau waren sogar zwei Zeitzeugen anwesend. Frank Wallace und Ruth Locke waren eigens aus England angereist. Letztere hieß mit Geburtsnamen Neumeyer. Die damals 82-Jährige besichtigte aufmerksam ihr Geburtshaus an der Hermann-Stockmann-Straße. Es ist das einzige, damals von jüdischen Bürgern bewohnte Haus, das in Dachau heute noch steht. Wer will, kann sich einem Rundgang durch die Stadt anschließen, bei dem Gästeführerinnen anhand der Stolpersteine über die Schicksale der von den Nazis ermordeten Dachauer berichten.

Sechs Bronzesteine vor dem Stadtmuseum in Bad Tölz erinnern an das Schicksal von Juden, die in dieser Stadt unter den Nachstellungen der Nationalsozialisten gelitten haben. Etwa um die gleiche Zeit, als sich in Freising und Dachau Initiativen zur Verlegung von Stolpersteinen gründeten, rief der Tölzer Bürgermeister Josef Niedermaier einen Arbeitskreis ins Leben, der sich mit der Installation der Steine beschäftigen sollte.

Mit dabei war die in Bad Tölz lebende Marie-Luise Schultze-Jahn , ein Mitglied der Weißen Rose. Im Gegensatz zu Dachau und Freising ordnete die Stadt ihre Stolpersteine nicht in verschiedenen Straßen, sondern an einem zentralen Ort, in der Marktstraße, an. "Die Leute sollen dort wirklich drüberfallen", begründete dies Bürgermeister Niedermaier.

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