Weßling "Steppenwolf" auf der Oud

Weniger ist mehr: Wolfgang Netzer und Amelie Haidt beim Auftritt im Pfarrstadel Weßling.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Gitarrist und Lautenist Wolfgang Netzer und die Sängerin Amelie Haidt nehmen sich in Weßling Klassiker von "Police" bis "Procol Harum" vor und überzeugen mit reizvollen Alternativversionen

Von Reinhard Palmer, Weßling

Der vielseitige Saitenspieler Wolfgang Netzer ist auch ein musikalischer Vernetzer - zwischen Musikern, Genres und Kulturen. So etwa im Duo mit dem indischen Sarod-Spieler Ranajit Sengupta im Projekt "The Coral of Life", das im Weßlinger Pfarrstadel zu hören sein sollte. Doch weil das terminlich nicht klappte, kam es zum doppelten Heimspiel zu Gast beim ausverkauften Abend des Vereins Unser Dorf: Mit der Sängerin und Gitarristin Amélie Haidt präsentierte das Weßlinger Duo das Programm "Haidt the Wolf". Und dabei flossen dann orientalisierende Stücke wie "Maschkara" oder "Damaskus" mit entsprechenden nah- und fernöstlichen Grooves ein.

Es hört sich vielleicht nach Askese an, dass die beiden Musiker zum Teil interpretierten, womit sich sonst Bands und Orchester mit weit größeren Besetzungen im musikalischen Gedächtnis eingebrannt haben. Doch weit gefehlt. Netzer erzeugte mit seinen zwölf-, sechs- und siebensaitigen Gitarren sowie der türkischen Oud (Kurzhalslaute) mit gewandtem Fingerpicking so intensive und dichte Klangszenarien und ergänzte sowohl die Basslinie wie auch perkussiv am Gitarrenkorpus das Schlagwerk, dass dem Publikum wohl kaum etwas abging. Nicht zuletzt auch dank der kraftvollen, doch einfühlsam eingesetzten Stimme von Amélie Haidt, die dem heimischen Publikum vor allem aus den Auftritten ihrer Band MissMango bestens bekannt sein dürfte. Die zuletzt an der Musikhochschule München im Fach Jazzgesang ausgebildete Vokalistin spielte schon von Anfang ihrer Karriere an die Gitarre und begleitete sich selbst. Und sie unterstützte Netzer auch als Backgroundsängerin, so war ein ausgesprochen fülliges Klangbild möglich.

Unter den Originalbesetzungen fanden sich schon illustre Musiker und Ensembles. Etwa das Trio Police, dessen "Message in a Bottle" stark von Stings Stimme lebt. Doch Haidt bot eine nicht minder reizvolle Alternativversion. Dies galt genauso für Stings auf Reggae-Rhythmus basierenden Song "Englishman in New York", auch wenn auf die Saxophon-Gegenstimme verzichtet werden musste. Die kammermusikalische Fassung von "A Whiter Shade of Pale" der britischen Rocklegende Procol Harum verschlankte das Duo und kam damit dem Original sehr nahe, zumal Netzer mit mehrschichtiger Begleitstruktur selbst die so charakteristische Hammond-Orgel zu ersetzen vermochte. Die ist auch in der Steppenwolf-Version von "Born to be wilde" dominant zu hören. Und in der Oud-Variante von Netzer fand sie einen überzeugenden, reizvoll-exotischen Ersatz.

Es ist nicht leicht, reduzierte Arrangements von Klassikern zu spielen, wenn sich die Originale mit ihren klanglichen Besonderheiten im Gedächtnis der Zuhörer so verfestigt haben. Aber letztlich kommt es auf die Relationen zur Umrahmung an. Die bot einerseits Netzer solistisch in erster Linie mit seinen Songs zum Film "Reason for Hope", der samt gleichnamigem Buch zu den Herzensprojekten der britischen Verhaltensforscherin und Uno-Friedensbotschafterin Jane Goodall gehört. All die friedvollen Inhalte waren denn auch in den beseelten und poetischen Musiken Netzers wohltuend zu vernehmen, ohne dass er in die esoterische Schiene geriet. Textloser Gesang ersetzte die Bläserstimmen des Originalsatzes, was durchaus stimmig mit gelegentlichem Scat-Gesang korrespondierte, den Haidt etwa in Netzers "Wind Owls" oder in der Eigenkomposition "Lullaby of Hope" einflocht. Haidts solistische Einsätze, so vor allem mit "I love you so", bestachen zudem mit einem berührend souligen Grundtenor, inklusive wohliger Atmosphäre. Trotz des kurzfristigen Programmwechsels empfand wohl niemand das Duo mit Haidt als Ersatzlösung. Dem lang anhaltenden, frenetischen Applaus folgten zwei Zugaben.