Starnberg Das lange Warten vor dem Zittern

Spezialfahrzeuge gehören in den nächsten Tagen zum Straßenbild von Berg. Sie schicken Schallwellen tief in den Untergrund.

Von Michael Berzl

- Merkwürdig still ist es hier. Das Erlenlaub raschelt im Wind, eine kleine Schar Schwalben zwitschert über den frisch umgepflügten Acker, von Aufkirchen herüber ertönt das Mittagsläuten. Dabei sollte schon von den frühen Morgenstunden an Maschinenlärm das Idyll zerreißen, sollten schwere Dieselaggregate dröhnen und schwere Rüttelplatten den Boden erzittern lassen. Doch die Mitarbeiter einer Bergbaufirma aus Essen sind auf einem Feldweg etwas außerhalb von Bachhausen, wo sie die seismischen Messungen beginnen, zunächst zu langem Warten verdammt. Seit dieser Woche schicken sie mit ihren Spezialfahrzeugen Schallwellen tief in den Untergrund, zunächst in der Gemeinde Berg und nächste Woche auf Münsinger Flur. Ende September kommen sie dann nach Icking. Mit Hilfe der Schallwellen soll die geologische Beschaffenheit in dem Raum zwischen Icking, Münsing, Wolfratshausen und Berg erkundet werden. Bis jedoch die kilometerlangen Kabelverbindungen in Ordnung gebracht, die Messgeräte und Maschinen richtig eingestellt sind, vergehen viele Stunden.

Die Mitarbeiter der Deutschen Montan-Technologie (DMT) mit ihren orangefarbenen Warnwesten machen derweil Brotzeit, erzählen sich Anekdoten aus dem Urlaub, teilen die nächsten Schichten ein. Am frühen Nachmittag setzten die Techniker zum ersten Mal ihre Maschinen in Betrieb. Zu den eigentlichen Messfahrten konnten die vier weißen Lastwagen erst am gestrigen Donnerstag starten, sagte Winfried Büchle von Erdwärme Bayern. "Jetzt vibrieren wir das erstmal mit verschiedenen Frequenzbereichen durch, um herauszufinden, wie wir das beste Bild bekommen". Es ist wie ein tiefes Brummen, das neben dem Dröhnen der Hydraulikmotoren noch zu vernehmen ist. Das Vibrieren ist noch in einigen Metern Entfernung zu spüren.

Sichtbar ist die Technik flächendeckend über viele Quadratkilometer hinweg. Bleistiftdicke blaue Kabel verlaufen seit einer Woche kreuz und quer durch die Landschaft. Vom Feldrand bei Bachhausen, wo die Tests diese Woche begannen, führen sie bis zum Waldrand, wo das süß duftende Springkraut blüht, und münden dort in ein Zwölferpaket Geophone; so heißen im Fachjargon die Empfängergeräte, die im Erdboden stecken. Zu sehen ist davon nur eine Reihe roter Kunststoffdeckel, zu denen dünnere Kabel führen. Insgesamt rund 3000 Messpunkte gibt es im Claim Höhenrain, wie Büchle berichtet. An ebenso vielen Stellen werden die Vibrotrucks in den kommenden Wochen ihre schweren Platten aufsetzen, um den Boden in Schwingung zu versetzen. Draußen auf den Feldwegen können sie mit voller Kraft rütteln, in den Ortschaften wird die Stärke etwas reduziert, um Schäden zu vermeiden. Doch im Berger Gemeindegebiet, wo diese Woche gemessen wird, fahren die Vibrotrucks eher selten durch die Orte.

Die Messdaten fließen durch die zahllosen Kabel mit einer Länge von insgesamt rund 160 Kilometern. Diese verlaufen an Feldern entlang, führen über Straßen hinweg. Wozu die Kabel dienen, wissen viele gar nicht. "Keine Ahnung, was das soll", sagt ein junger Mann, der gerade mit seinen Einkäufen aus dem Edeka-Laden in Aufkirchen gegenüber der Kirche kommt. Susanne Korde aus Sibichhausen hat sich via Internet auf der Homepage der Gemeinde Berg informiert, als sie am vergangenen Samstag erstmals ein Kabel entdeckte, das feinsäuberlich quer über ihrer Hauseinfahrt verlegt wurde. Sie hatte mit ihrer Familie zuvor in der Nähe der Geothermie-Anlage in Taufkirchen gewohnt und hält wenig von der Technologie: Sie sei sehr teuer und oft ausgefallen.

Erdwärme Bayern investiert mehrere Millionen Euro für den Blick in die Tiefe um herauszufinden, ob die Nutzung von Geothermie in dem Gebiet östlich des Starnberger Sees technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll ist. Mit den seismischen Messungen sind die Spezialisten der DMT beauftragt, modernste Technik kommt dabei zum Einsatz. Mit ihrem Equipment nehmen die Experten reflektierte Schallwellen aus dem Untergrund auf und leiten sie an einen Messwagen in Höhenrain weiter. Das Ergebnis ist etwa vergleichbar mit einer Computertomografie beim Arzt, die ein Bild vom Inneren des Körpers liefert. Aus den Daten, die nun gewonnen werden, können die Geologen errechnen, welche Gesteinsschichten sich im Untergrund befinden. Diese Informationen können Fachleute kombinieren mit Erkenntnissen von früheren Erdgas- und Erdölbohrungen. In Tiefen von rund 4000 Meter rechnen sie mit heißem Wasser, das in Zukunft als Energiequelle dienen könnte.

Doch das Münchner Geothermie-Unternehmen Erdwärme Bayern steht erst ganz am Anfang. Der Konvoi kreuzt zunächst durch Berg, macht sich dann auf zuvor genau festgelegten Routen auf den Weg durch Egling, Icking und Münsing sowie die Stadt Wolfratshausen. Alle 50 Meter halten die Fahrzeuge dabei zum Vibrieren an. Büchle rechnet damit, dass die Messungen nach den Anfangsschwierigkeiten zügig vorankommen. Und er hofft, dass es trocken bleibt: Denn wenn es zu stark regnet, stehen die Vibrationsfahrzeuge erstmal wieder still.