Marionettentheater Das sind Starnbergs Strippenzieher

Aus der Erbschaft eines Puppensammlers in den Achtzigerjahren entsteht in der Stadt ein eigenes Theater. Derzeit probt das Ensemble das Weihnachtsstück.

Von Sabine Bader

Wolfgang Pusch ist der Organisator des Starnberger Marionettentheaters: Er kümmert sich um Mitspieler, Stück oder Figuren und präsentiert hier den dreiköpfigen Drachen aus dem neuen Stück.

(Foto: Georgine Treybal)

Sie baumelt an einem Fenstergriff im Starnberger Marionettentheater: die tolle Kamel-Marionette. Und sie schaut drein, als beobachte sie die Szenerie hinter der Bühne genau. Da spielt sich derzeit auch eine ganze Menge ab. Denn die Proben für das neue Stück "Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß" sind in vollem Gange. In der Woche vor Weihnachten soll es erstmals auf die Bühne kommen und dann auch an den darauf folgenden Wochenenden sein Publikum begeistern.

Einer, der von Anfang an beim Marionettentheater dabei ist, ist Wolfgang Pusch. Er ist Starnberger Stadtarchivar und bei der Bühne für die Organisation und die Technik zuständig. Sprich: Er steht bei jeder Aufführung hinter der Bühne, steuert die Licht- und Tonanlagen und kümmert sich auch sonst so ziemlich um alles hinter und vor der Bühne.

Die Geschichte des Marionettentheaters begann 1985. Der damalige Bürgermeister Heribert Thallmair saß in seinem Amtszimmer und erhielt einen Anruf aus Deisenhofen. Am Apparat war Arnulf Gnam, ein Marionettensammler. Er wollte in einem Wintergarten seines Hauses selbst eine Puppenbühne einrichten. Doch die Kommunalpolitiker seines Wohnorts machten ihm einen Strich durch die Rechnung und verweigerten ihre Zustimmung zum Bau des Wintergartens. Marionettentheater ade. Auf die Stadt Starnberg kam Gnam aus einem einfachen Grund: Er hatte sich Puppen für Stücke des Ammerlander Autors Franz Graf von Pocci schnitzen lassen, die meisten von ihnen stammen von Oskar Paul, einem bekannten Tölzer Marionettenschnitzer.

Mit dabei ist auch ein teuflisch grünes Wesen.

(Foto: Georgine Treybal)

Gnam dachte also folgendermaßen: Pocci, Ammerland, Starnberger See, Starnberg. Und rief im Rathaus an. Als Thallmair Gnam zuhause aufsuchte, war er begeistert von den Puppen - sage und schreibe 315 Figuren. Bei einem der nächsten Besuche nahm er Pusch mit, der ebenfalls fasziniert war. Das Ende vom Lied: Gnam überließ der Stadt Starnberg seine Sammlung als Dauerleihgabe, unter der Maßgabe, dass die Puppen gespielt werden. Nach seinem Tod 1988 ging die Sammlung in den Besitz der Stadt über, so war es vertraglich geregelt. Heute ist sie nicht nur ideell ein Schatz für die Stadt, sondern stellt auch einen beträchtlichen finanziellen Wert dar.

Pusch hatte seinerzeit von Thallmair den Auftrag erhalten, sich um alles weitere in Sachen Marionettentheater zu kümmern. Damit die Starnberger die Sammlung kennenlernen konnten, hat Pusch die Marionetten 1986 im Heimatmuseum in einer Ausstellung präsentiert. Seither werden an der Volkshochschule regelmäßig Kurse im Marionettenspiel angeboten und so ein kleiner fester Stamm an Puppenspielern aufgebaut.

Es gibt keinen Marionettenverein. Die Aktiven sind noch immer locker zusammengeschlossen. Die Stückauswahl treffen sie alljährlich demokratisch. Träger der Bühne ist die Stadt. Sie stellt dem Marionettentheater die Räume in der alten Oberschule zur Verfügung. Im ersten Stock gibt es seit 1993 eine feste Bühne. "Das ist für uns natürlich eine extreme Erleichterung", sagt Pusch. Anfangs war die Bühne noch im zweiten Stock der alten Oberschule untergebracht, weil im ersten Obergeschoss die Stadtbücherei beheimatet war. Als diese ins alte Rathaus an der Starnberger Hauptstraße zog und der Stadtrat seine Sitzungen im Rathaus am Vogelanger abhielt, konnten sich die Marionettenspieler mit ihren Puppen fest im ersten Obergeschoss etablieren. Heute teilt sich die Bühne die Alte Oberschule nur noch mit der Volkshochschule.

Das Besondere an Poccis Stücken ist laut Pusch, dass in allen der Kasperl Larifari dabei ist, der sich weniger durch derben Klamauk, sondern mehr durch feinen bairischen Sprachwitz auszeichnet. Pro Saison benötigt man fünf bis sieben Spieler. "Mehr passen ohnehin nicht auf die Bühne," sagt Pusch. Viel Bewegungsfreiheit bleibt den Spielern zum Führen der Puppen nicht. Der Platz auf dem schmalen Steg ist äußerst begrenzt.

Die Hauptfiguren im neuen Stück sind "Prinz Rosenrot" und "Prinzessin Lilienweiß".

(Foto: Georgine Treybal)

Geprobt wird von September bis Mitte Dezember einmal pro Woche immer mittwochs. Nach zwölf bis 15 Proben muss das Stück sitzen. In diesem Jahr sind die Akteure auch schon recht weit. Sie sind gerade im dritten Akt angelangt. Die Akte eins und zwei stehen schon. Das diesjährige Stück "Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß" zählt zu den frühen Pocci-Stücken und ist aus dem Jahr 1858. Mit ihm ist seinerzeit auch das Münchner Marionettentheater eröffnet worden, erzählt Pusch.

Den Ton nehmen die Spieler der Starnberger Marionettenbühne übrigens vorher auf. Erst wenn Ton und Musik richtig zusammengeschnitten sind, wird mit dem eigentlichen Puppenspiel begonnen. Die Spieler können sich dann beim Führen der Puppen genau nach Ton und Musik richten. Das Multitalent Egon A. Blädel gibt dem Kasperl seine Stimme. Er führte auch schon Marionetten, entwarf Requisiten und malte Bühnenbilder. Die Bühnenbilder malt jetzt Heidi Janićek.

Kasperl im Netz

Wer unter www.starnberger-marionettentheater.de die neue Homepage der Starnberger Marionettenbühne aufruft, der erlebt im wahrsten Sinne des Wortes sein blaues Wunder. Denn berührt er den Abwärtspfeil, reist er wie mit einem unsichtbaren gläsernen Fahrstuhl hinab in die Tiefe des Starnberger Sees. Auf dem Grund unterhalten sich ein funkelnd roter Krebs und der Kasperl via Sprechblasen. Letzterer hat den Kopf nicht etwa in einer Blechdose, sondern in einem Taucherhelm. Der Krebs aber hat nur Angst, dass der Kasperl mit seinem Geschepper das Seeungeheuer aufweckt, das seit Jahrhunderten in 127 Metern Tiefe schlummert. Doch das ist nicht die einzige Raffinesse.

Der Internetauftritt der Marionettenbühne ist hochprofessionell. Kein Wunder. Hat ihn doch eine Webdesignerin konzipiert. Die 52-jährige Patricia Rex. Sie lebt in Starnberg und spielt selbst mit im Marionettentheater. Im neuen Stück "Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiß" führt sie die Esel-Marionette und gemeinsam mit einem anderen Ensemblemitglied den dreiköpfigen Drachen.

Monatelang hat sie über dem Internetauftritt gebrütet. Und die Zeit hat sich gelohnt. Fast mit jedem Klick entdeckt der Betrachter Unerwartetes. Er erfährt mehr über die Geschichte der Bühne, über die Mitspieler und über die Marionetten. bad

Oft sind es Eltern, die mit ihren Kindern das Marionettentheater besuchen oder auch Großeltern mit den Enkeln. Doch die Bühne hat auch ein erwachsenes Stammpublikum auf das sie alljährlich zählen kann, erzählt Pusch nicht ohne Stolz. Für ganz kleine Kinder sind die Pocci-Stücke allerdings nicht geeignet, sagt er. "Die jungen Besucher sollten schon mindestens sechs Jahre alt sein, damit sie die Zusammenhänge im Stück auch verstehen."

Der Kartenvorverkauf startet am 5. Dezember im Museum Starnberger See. Reservierungen unter Telefon 08151 / 447 75 70. Karten kosten für Erwachsene acht Euro und für Kinder vier Euro. Vorstellung am Samstag und Sonntag, 16. und 17. Dezember, sowie am 6. und 7. Januar, 13. und 14., 20. und 21., und 27. und 28. Januar. Sie finden samstags um 15 und 17.30 Uhr statt und sonntags um 11 und 14 Uhr.