Hans Taschner wird 100 Häftling Nr.8851

Vier Jahre lang verbrachte Hans Taschner im KZ Dachau, vier Jahre, die er nie vergisst. An diesem Sonntag wird er 100 Jahre alt.

Von Christine Setzwein

Vier Jahre verbringt Hans Taschner im KZ Dachau. Vier Jahre als Häftling Nr. 8851, in denen er schuften und hungern musste, in denen er gefoltert und geschlagen wurde. Vier Jahre, die Taschner nie vergisst. Seine politische Einstellung und seinen Lebenswillen aber konnten die Nazis nicht brechen. An diesem Sonntag wird der überzeugte Sozialdemokrat 100 Jahre alt.

Schon 1927 war Taschner der Gewerkschaft beigetreten. Hier erfuhr er von Leonard Nelson, einem Göttinger Philosophen, der 1925 den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) gegründet hatte. Nelson, Anhänger Kants, sah den Menschen als Wesen der Vernunft, das seine Pflicht erfüllen muss - das gefiel Taschner. "Das hat sein ganzes Leben geprägt", sagt sein Sohn Claus, 67, heute.

In den frühen Morgenstunden des 13. Juni 1933 stehen zwei Gestapomänner in der Münchner Wohnung Taschners. Sie beschuldigen ihn, Flugblätter über Hans Beimlers Flucht aus dem KZ Dachau zu besitzen (dem KPD-Politiker Beimler gelang es als einem der wenigen, aus dem Konzentrationslager zu entkommen). Woher kann die Geheime Staatspolizei das wissen, wenn nicht von einem Denunzianten? Taschner gibt zu, dass sich ein solches Flugblatt in seinem Briefkasten befunden, er es aber sofort vernichtet habe. Das reicht aus für eine Wohnungsdurchsuchung und Verhaftung.

Als Gewerkschafts- und SPD-Mitglied hätte er sagen können, was er wollte - für die Gestapo ist er ein willkommenes Opfer. Zwei Jahre lang sitzt er in Gefängnissen ein. Und obwohl Ende 1935 die Anklage wegen Hochverrats eingestellt wird, wird er nach Dachau gebracht.

Dass Taschner das KZ lebend verlassen kann, hat er einer Laune des Führers zu verdanken. An Hitlers 50. Geburtstag, dem 20. April 1939, wurden 500 der 8500 Dachauer Häftlinge begnadigt. Taschner war dabei. Wenig später, am 1. Dezember 1939 erhielt er den Einberufungsbefehl zum Luftwaffennachrichtendienst, wo er zum Funker ausgebildet wurde.

Als gelernter Kaufmann arbeitete Taschner nach dem Krieg wieder in seiner alten Münchner Stammfirma, einer Krawattenfabrik. Zunächst als Treuhänder, später als Prokurist, dann als Teilhaber und schließlich als Alleininhaber. 1980 ging Taschner in Ruhestand. Vier Jahre später zog er mit seiner zweiten Frau Ellen nach Schlagenhofen. Das Grundstück hier hatte sein Vater bereits 1932 gekauft. Die Familie war Mitglied im Schwimmverein und verbrachte oft die Wochenenden am Wörthsee.

1999 musste Ellen Taschner ins Pflegeheim. Seitdem besucht sie ihr Mann jeden Nachmittag. "Das habe ich ihr versprochen", sagt er. Seit er nicht mehr selbst Auto fahren kann, bringt ihn sein Sohn. Zum Gehen braucht der Jubilar Krücken. Aber sein Interesse an Politik ist ungebrochen. Er liest täglich Zeitung, die Tagesschau am Abend ist Pflicht. Und bei politischen Talkshows kann er sich immer noch aufregen.

Die Aufregung um seine Person versteht er dagegen gar nicht. "Ich bin doch überhaupt nicht wichtig", sagt er. Diejenigen, für die er sich sein Leben lang ehrenamtlich eingesetzt hat, sind da anderer Meinung. Der DGB zum Beispiel wird Hans Taschner am 12. Juli ehren, mit Hans-Jochen Vogel und vielen anderen Gästen.