Starnbergs Bürgermeisterin regiert allein Eva Johns Königreich

Seit der Auflösung des Stadtrats im Dezember darf die Starnberger Bürgermeisterin alleine die Geschäfte führen. Die Arbeit macht ihr durchaus Spaß. Ohnehin hat sie zuletzt den gegenseitigen Respekt vermisst

Von Christine Setzwein

Seit gut zwei Monaten kann Eva John schalten und walten, wie sie will, im Starnberger Rathaus. Sie könnte triumphieren oder verzagt sein, angespannt oder ruhelos, sie könnte schlechte Laune haben oder alles blockieren. Die 47-jährige Bürgermeisterin ist nichts von alledem. Sie macht ihren Job.

Im vergangenen Dezember wurde der Starnberger Stadtrat aufgelöst, weil acht Stimmzettel nicht zugeordnet werden konnten. Am 19. April wird neu gewählt. Bis dahin gilt Artikel 23, Absatz 3 des Gemeinde- und Landkreiswahlgesetzes. "Bis zum Zusammentritt des neugewählten Gemeinderats (oder Stadtrats) führt der erste Bürgermeister die Geschäfte."

Die Geschäfte sind vor allem viele Termine: Bürgermeisterdienstbesprechungen, interne Besprechungen wie der wöchentliche Jour fixe im Bauamt, Gespräche mit Bürgern, Vereinen und Bauwerbern. John übergibt ein ausgedientes Fahrzeug der Starnberger Feuerwehr an eine Delegation aus der Ukraine. Sie ist bei der Kundgebung "Starnberg ist bunt" dabei, eröffnet den Eiszauber auf dem Kirchplatz. Sie unterzeichnet vom Bauamt genehmigte und abgelehnte Bauanträge, weil sie die Leute nicht so lange warten lassen will. An diesem Vormittag ist eine vierte Klasse der Grundschule im Rathaus, auf dem Stundenplan steht gerade "Gemeinde". Welche Rutsche denn in den neuen Wasserpark kommt?, wird sie gefragt. Und ob ihr ihre Arbeit Spaß macht? Tut sie. Wenn nicht, "würde ich sie nicht machen", sagt John.

Dabei war der Start auf dem Bürgermeistersessel alles andere als einfach. Es dauerte nicht lange im Stadtrat, bis alte Animositäten wieder aufbrachen, endlos ums Rechthaben debattiert wurde, persönliche Angriffe gehörten zur Tagesordnung. Und mitten drin Eva John, die sich, sagen ihre Anhänger, viel zu viel gefallen ließ, oder, sagen ihre Gegner, es nicht schaffte, die Streithähne zur Ordnung zu rufen. "Es hätte doch alles nur schlimmer gemacht, wenn ich genauso respektlos gewesen wäre", sagt sie. Und: "Die Stadträte sind erwachsene Menschen, die kann ich nicht ändern." Respekt ist ihr wichtig, und den hat sie oft vermisst in den vergangenen Monaten. "Streit ist gut und wichtig, aber er darf nicht unter die Gürtellinie gehen." Darum findet sie die momentane Zwangspause des Stadtrats gar nicht so schlecht. "Vielleicht denkt der eine oder andere darüber nach, warum er gewählt worden ist. Es geht um das Wohl von Starnberg, nicht um Politik."

Ob ihr die Arbeit Spaß macht? Wenn nicht, "würde ich sie nicht machen", sagt Bürgermeisterin Eva John.

(Foto: Georgine Treybal)

Die große Vielfalt der Kreisstadt hat sie gereizt, vor sieben Jahren für die CSU als parteifreie Bürgermeisterkandidatin anzutreten. Davor war John sechs Jahre im Sozialamt des Landratsamtes, fünf Jahre im Bauamt und zehn Jahre Kreiskämmerin. Dass der Landkreis heute finanziell so gut da steht, ist auch ihr zu verdanken. "Eine bessere Wahl gibt es nicht", schwärmten der CSU-Ortsvorsitzende Josef Huber und der Fraktionssprecher Ludwig Jägerhuber 2007, als sie die Kandidatin stolz präsentierten. Von der Schwärmerei ist nichts übrig geblieben. Zu sehr ist John den CSU-Honoratioren wohl auf die Füße getreten, zu sehr wollte sie eine Erneuerung des Ortsverbands. Bei der Kommunalwahl 2008 bekam sie zwar nicht den Bürgermeisterposten, aber die meisten Stimmen auf der CSU-Liste. Sie ging in den Stadtrat und trat in die Partei ein, aus der sie jetzt wieder geworfen wurde. Weil sie 2012 eine eigene Gruppierung gründete, das Bündnis Mitte Starnberg (BMS), und als deren Bürgermeisterkandidaten gegen den CSU-Mann Jägerhuber antrat - und gewann. Für die CSU ein parteischädigendes Verhalten, das nun mit dem Rauswurf bestraft wurde. Eva John überlegt noch, ob sie gegen das Urteil des Schiedsgerichts Einspruch einlegen will. Die Frist endet am 20. Februar. Sie zuckt die Achsel, so als ob es ihr mittlerweile egal sei.

Eva John, die gebürtige Münchnerin, will sich auf Starnberg konzentrieren. Die Stadt, die einerseits so städtisch und andererseits so dörflich geprägt ist. Die gewachsene Strukturen hat, Alteingesessene, deren Kinder in Starnberg bleiben möchten, aber keine bezahlbaren Wohnungen finden, und Neuzugezogene, die ganz andere Bedürfnisse haben. Die Abwechslung ist es, die John reizt. "Die Arbeit muss interessant sein." Wen sie den Kopf frei kriegen möchte, geht sie mit ihrem Hund spazieren - oder übt Klavierspielen.

Im Mai wird die konstituierende Sitzung des neuen Stadtrats sein, im Juni die erste Arbeitssitzung. "Da werde ich viel informieren und in die anstehenden Themen einführen", sagt die Bürgermeisterin, denn "ich möchte alle auf einen Wissensstand bringen". Dann ist es vorbei mit den freien Abenden. Aber dann kann Eva John auch wieder mal über die Stadtgrenze hinaus. Weil sie derzeit keine Stellvertreter hat, muss sie immer da sein. "Ich bin an mein Königreich gefesselt", sagt sie. Und das hört sich überhaupt nicht bedauernd an.