Brauchtum Für immer und ewig

Eine "bairische Liebesgschicht": Mehrere tausend Zuschauer feiern am Wochenende die Tutzinger Fischerhochzeit mit einem historischen Schauspiel.

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Die Braut Theresa Feldhütter strahlt ihrem Bräutigam Benedikt Greif am Seeufer entgegen, Biedermeier-Paare tanzen anmutig über die Schloss-Wiese, junge Burschen sausen beim Sauschwanzlrennen barfuß durchs Gras und die prächtig geschmückte Hauptstraße bietet dem 800 Meter langen Festzug mit mehr als 650 Mitwirkenden eine großartige Kulisse - die Tutzinger bewiesen am Sonntag bei ihrer einzigartigen Fischerhochzeit, dass sie herausragend zu feiern verstehen. Auch wenn kühler Nieselregen diesmal den lang ersehnten Festtag trübte, dürften doch mehrere tausend Zuschauer der Hochzeitsgesellschaft an die verschiedenen Schauplätze im Dorf gefolgt sein.

Im ökumenischen Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Joseph brachte die evangelische Pfarrerin Ulrike Wilhelm in einer gereimten Predigt auf Bairisch "die Liebesgschicht" und ihren Sinn zum Ausdruck. In dem historischen Schauspiel spielen die einfachen Leut' die Hauptrolle, die Fischer und Bauern in der Napoleonischen Zeit. Ihren Stolz und Selbstbehauptungswillen verkörpert der Tutzinger Hoffischer Gröber. Nach der Überlieferung legt er sich mit der Obrigkeit an, dem Grafen Vieregg. Der Schlossherr straft den Aufsässigen. Obwohl es nicht rechtens ist, lässt er dessen Sohn Michael für den Russlandfeldzug einziehen. Als Michael im traurigen Häuflein von nur 3000 Überlebenden heimkehrt, lenkt der Graf ein. Michael heiratet Veronika Bierbichler, Tochter des Fischmeisters Kastulus Bierbichler von Ambach. Die Gräflichen und viel Volk sind zugegen. Graf und Gröber söhnen sich aus.

So hat es Kreisheimatpfleger Josefranz Drummer verfasst und 1929 erstmals aufführen lassen. Bis heute darf am etwas hölzernen Text nichts verändert werden. Vorgeschrieben ist auch, dass Braut und Bräutigam aus altem ortsansässigen Fischergeschlecht stammen müssen. Sechs Jahre hat man diesmal ins Land ziehen lassen, um das Schauspiel wieder aufzuführen. Denn die Fischerhochzeit markiert den Höhepunkt in diesem Festjahr zu Tutzings 1275. Geburtstag. Den will sich keiner entgehen lassen. Einzig Bürgermeister Rudolf Krug muss krankheitsbedingt passen. Beste Wünsche lässt er über Pfarrer Peter Brummer ausrichten. Der begeht just am Sonntag seinen 60. Geburtstag. Krugs Stellvertreterinnen Elisabeth Dörrenberg und Marlene Greinwald behalten mit Regisseur Michi Fledermann, dem Festkomitee und vielen Helfern den Überblick.

Schon beim Polterabend am Samstag hebt auf der Hauptstraße vor dem Guggerhof das Treiben nach altem Brauch an: Hunderte Zuschauer erleben im milden Abendlicht, wie Hochzeitslader Werner Mayer mit dem Bräutigam der Braut entgegenschreitet. Die fährt winkend samt reich ausgestattetem Kuchlwagen und Kuh vor. Die Kutschenpferde scheuen, als ein Böllerschuss ertönt. Doch dann reicht ihr "Michael" auf dem Balkon des Guggerhofs, den sein neuer Eigentümer Fritz Häring großzügig zur Verfügung stellt, den Krug: "Trink Veronika, trink fest. Es ist der erste Schluck der künftigen Hoamat!". Altknecht Christian Wolfert führt mit Moderator Wilfried Hauer durchs Geschehen. Der Liederkranz singt, die Kranzljungfrauen und Burschen der Gilde tanzen. Es wird gefeiert, bis Nachtwächter Stefan Ullrich das Volk nach Hause schickt.

Am Sonntag ist der Regenschirm das wichtigste Accessoire. Farbenprächtig leuchten dennoch die Trachten von Gilde und Blaskapellen beim Empfang der Braut. Sie wird samt Verwandtschaft in geschmückten Kähnen ans Seeufer gerudert. Im Schlosspark wohnen später etwa 500 Zuschauer der Trauzeremonie bei. Akademie-Direktor Udo Hahn bringt sie als Hofmarksrichter über die nasse Bühne. Die Braut erhält Johannistrunk und Ring. Das Paar schreitet lächelnd durch ein Blumenspalier. "A lachade Braut gibt a woanards Weib", gibt der Hochzeitslader ihr auf den Weg. Theresa Feldhütter genießt den Festschmaus im Zelt, den Brautwalzer mit Benedikt Greif. Nach der Fischerhochzeit nimmt sie erst einmal Urlaub.