Volleyball-Erstligist Herrsching Null Luft nach oben

Himmel hilf: Nicht nur Zuspieler Patrick Steuerwald hofft, dass Herrsching eine neue Halle findet.

(Foto: Arlet Ulfers)

Während Herrschings Volleyballer Richtung Pre-Playoffs stolpern, könnten sie bald heimatlos sein. Ihre Halle ist zu klein, ein Neubau nicht in Sicht. Der Umzug nach Unterhaching wäre eine Lösung, doch es droht der Identitätsverlust

Von Katrin Freiburghaus und Sebastian Winter, Herrsching

Eigentlich hatten sich Herrschings Bundesliga-Volleyballer in den letzten beiden Hauptrundenspielen für die Pre-Playoffs warmspielen wollen. Bei den Netzhoppers KW-Bestensee gelang ihnen das am Mittwoch jedoch nur einen Satz lang. Den dominierte das Team von Trainer Max Hauser nach Belieben, brach danach aber komplett ein und unterlag 1:3 (25:19, 21:25, 24:26, 22:25). "Der Gegner hat es uns am Anfang leicht gemacht und noch nicht entlarvt, dass wir in der Annahme nicht so stark waren", sagte Hauser. "Aber es lag an uns", fügte er hinzu, "wir haben im dritten Satz sogar geführt, es aber nicht geschafft, das mit mehr Selbstbewusstsein zu Ende zu spielen."

Dass es um das Selbstbewusstsein des TSV in fremden Hallen nicht sonderlich gut steht, ist bekannt. Am südlichen Stadtrand von Berlin erinnerte das Team an eine Comicfigur, die gut gelaunt die Abbruchkante eines Bergmassivs ignoriert, über dem gähnenden Abgrund spazieren geht (erster Satz) und, nachdem sie ihre Situation (zu spät) bemerkt hat, in die Tiefe stürzt (Sätze zwei bis vier). Die Herrschinger erinnerten sich offensichtlich nach dem ersten Seitenwechsel daran, dass es sich um eine Auswärtsbegegnung handelte: 5:11 und 13:20 waren nicht mehr aufzuholen. Im dritten Durchgang reichte selbst eine 19:16-Führung nicht aus, obwohl die Mannschaft um ihren trotz einer Kapselverletzung am Daumen spielenden Zuspieler Patrick Steuerwald zwischenzeitlich immer wieder sehenswerte Aktionen zeigte.

Wer genau hinhörte, bemerkte im Vergleich zum Heim-Duell mit dem deutschen Meister VfB Friedrichshafen vom vergangenen Samstag aber nicht nur Stimmungsunterschiede: Auch die Akustik war anders. Zwischen den Ballwechseln wurde auch in Bestensee gebimmelt und getrommelt, doch die Durchsagen hallten wie auf dem Bahnhof von den Wänden wider. Der Aufprall des Balls auf dem Boden erzeugte ein Echo - wie das in großen Sporthallen eben der Fall ist. Denn dort, wo in Herrschings enger Spielstätte bereits die Dachkonstruktion beginnt, geht die Halle in Bestensee noch meterweit nach oben.

Dieses Detail ist keineswegs unwichtig, vielmehr könnte es darüber entscheiden, ob Erstliga-Volleyball in Herrsching mittelfristig überhaupt eine Zukunft hat.

Der Klub vom Ammersee hat in seinem zweiten Erstliga-Jahr noch Welpenschutz, er darf ohne Auflagen in seiner zu niedrigen und nur 1000 Zuschauer fassenden Nikolaushalle spielen. Genauso wie dereinst Königs Wusterhausen. Dann zog der Verein in eine regelkonforme Halle in der sechs Kilometer entfernten Gemeinde Bestensee um - und nahm selbige dafür in den Mannschaftsnamen auf. Doch so einfach ist die Sache in Herrsching nicht zu lösen.

Bis 1. April muss der TSV den neuen Lizenzantrag bei der Volleyball-Bundesliga (VBL) einreichen - und einen konkreten Plan für eine erstligataugliche Halle, dann bekäme er eine Ausnahmegenehmigung für die aktuelle, die theoretisch Jahre laufen kann. Neun Meter Deckenhöhe und ein Fassungsvermögen von 2500 Fans sind Pflicht, neben vielen anderen Details. Die Nikolaushalle erfüllt beide Kriterien nicht, ein Ausbau kommt nicht infrage. Bleiben zwei Möglichkeiten: Umzug oder Neubau.

Plan A ist es, in die geplante Herrschinger Realschulhalle zu ziehen. Sie kostet 7,5 Millionen Euro - ohne bundesligatauglich zu sein. Die Finanzierung steht längst. Weitere 3,5 Millionen Euro, mindestens, wären laut den Volleyballern für entsprechende Erweiterungsmaßnahmen nötig. Sie wünschten sich offenbar, dass der zuständige Schulzweckverband die Summe mit einem Darlehen finanziert - was auch durch künftige Zuschauereinnahmen refinanziert werden sollte. Den Plänen erteilte nun Gilchings Bürgermeister Manfred Walter (SPD), der Vorsitzende des Zweckverbandes, auf SZ-Anfrage nach einem Gespräch mit den TSV-Verantwortlichen eine Absage: "Uns als Zweckverband ist die Finanzierung eines privaten Bedarfs aus Steuergeldern gar nicht erlaubt. Unter der Voraussetzung gibt es keine Lösung." Eine Chance wäre noch, dass die Gemeinde Herrsching oder der Kreis Starnberg die Summe stemmt - doch die ist sehr vage.

Bliebe der Umzug. TSV-Teammanager Fritz Frömming sagt: "Wir sind da sehr frustriert. Was ist denn Plan B? In München gibt es keine Halle. Ich wüsste nicht, wohin wir gehen sollen." Die Olympiahalle ist mit ihrer fünfstelligen Tagesmiete viel zu teuer für den Klub, dessen Etat 420 000 Euro beträgt, den Audi Dome nutzen die Bayern-Basketballer. Eine Möglichkeit wäre die Arena des Ex-Erstligisten Unterhaching. Sie fasst zwar nur 1500 Zuschauer, genießt aber noch einige Jahre Bestandsschutz bei der VBL. Theoretisch könnte sie also Herrschings neue Heimat werden. Doch der TSV hat Angst: Dass seine Identität 50 Kilometer weiter östlich verloren geht - und seine Gönner die Reise nicht mitmachen. "Wir wollen nicht weg, sondern in Herrsching bleiben. Wir haben vieles richtig gemacht, haben hier die größte Sportveranstaltung süd-westlich von München, schreiben wohl eine schwarze oder rote Null. Und jetzt schweben wir im Ungewissen", sagt Frömming.

Am vergangenen Wochenende, erzählt er, habe der TSV bei seinem in Windeseile ausverkauften Heimspiel gegen Friedrichshafen "500 bis 800 Leute wegschicken müssen", die Tickets an der Abendkasse seien binnen 20 Minuten vergriffen gewesen. Ganz so wild dürfte es am Samstag (19.30 Uhr) beim letzten Hauptrunden-Duell in der Nikolaushalle nicht zugehen. Der Drittletzte Mitteldeutschland gilt nicht gerade als Publikumsmagnet.