Sportwissenschaft Doping-Lektüre

Marcel Reinold, 37, von der Uni Münster liest Autobiografien von Radsportlern. Er versucht herauszufinden, ob diese Vermutungen über Doping zulassen.

(Foto: privat)

An der Technischen Universität München haben sich drei Tage lang 550 deutsche und internationale Sportwissenschaftler zu einem Kongress getroffen. Es ging in ihren Vorträgen um Innovationen, Technologien und um Doping.

Von Maximilian Länge

Marcel Reinold hat in diesem Jahr schon mehr als zehn Autobiografien von Radprofis gelesen. Er ist, so sagt er selbst, ein Radsport-Liebhaber, doch der Hauptgrund für seinen literarischen Ausflug in die Welt des Zweirads ist ein anderer: Der Sporthistoriker von der Universität Münster untersucht anhand der Bücher, wie Sportler als Autoren mit dem Thema Doping umgehen.

Reinold, 37, ist einer von 550 Wissenschaftlern, die in dieser Woche am 23. Sportwissenschaftlichen Hochschultag der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München teilgenommen haben. Das Motto 2017: Innovation und Technologie im Sport. Über drei Tage verteilt tauschten sich nationale und internationale Forscher in München bei sieben Kernreferaten ("Keynotes"), 315 Vorträgen und in 51 Arbeitskreisen zu den aktuellen Themen der Sportwissenschaft aus.

Der Arbeitskreis, in dem Reinold seine vorläufigen Forschungsergebnisse präsentierte, beschäftigte sich mit den sozialen und gesellschaftlichen Aspekten des Sports. Integration von Flüchtlingen, sexualisierte Gewalt sowie Fairness im Sport fallen beispielsweise in diesen Themenkomplex - und eben Doping.

Über den Anti-Doping-Code ist das Wissen "zufriedenstellend"

Zu welchen Erkenntnissen gelangt man, wenn man Autobiografien von Radsportlern liest und diese miteinander vergleicht? Reinold betont, dass er keinesfalls in der Lage sei, durch seine Studie Doper zu entlarven, zudem ist diese noch nicht abgeschlossen. Doch er hat bei seinen Untersuchungen Muster gefunden, die Vermutungen über den Dopinggebrauch zulassen. So sei es auffällig, dass des Dopings inzwischen überführte Athleten in ihren Autobiografien, die vor Bekanntwerden des Betrugs veröffentlicht wurden, häufig zwar Doping verurteilen, nie aber Dopingsünder. Dieses Muster findet Reinold auch bei vielen Doping-Leugnern wieder. Auffällig anders äußere sich nur ein ehemaliger Athlet in seiner Autobiografie, er nennt sogar Namen von Dopingsündern. Das lässt Reinold vermuten, dass der Verfasser sauber war.

Die Untersuchung von Autobiografien sei bislang eine Forschungslücke, sagt Reinold, der 2105/16 für seine Dissertation mit dem Titel "Doping erschaffen. Eine Geschichte der Anti-Doping-Politik" mit dem DOSB-Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde. Deshalb verband er mit der Idee, diese Lücke zu füllen, Anfang des Jahres seine Leidenschaft für Radsport. "Der Einwand, dass Sportler oft mit einem Co-Autor arbeiten und ein spezielles Bild von sich in der Öffentlichkeit vermitteln wollen, ist berechtigt." Reinold beruft sich deshalb auf den autobiografischen Pakt, den der Athlet mit dem Leser eingeht. Indem er sich als Autor der Ich-Erzählung darstellt sowie auf dem Cover des Buchs abbilden lässt, übernimmt er die Verantwortung für die Inhalte.

Zehn bis 15 Bücher liegen noch vor Reinold, ehe er veröffentlichen möchte.

Alexandra Ragaller hat die Sammlung ihres Datensatzes bereits abgeschlossen. Sie erforscht mit Kollegen am Institut für Sportrecht der Deutschen Sporthochschule in Köln seit 2015 im Auftrag der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA), wie gut deutsche Leistungssportler über den Nationalen Anti-Doping Code (NADC) Bescheid wissen. 627 Athleten - 8,6 Prozent aller sich im Doping-Testpool befindenden deutschen Sportler - wurden online befragt. Dabei fanden die Forscher heraus, dass deren Wissen über den NADC zufriedenstellend ist, aber Verbesserungspotenzial besteht.

Ein Zusammenhang gebe es zwischen Testpoolzugehörigkeit und Regelkenntnissen, so Ragaller. Je länger Athleten einem der vier in Deutschland vorhandenen Testpools angehören, desto besser wissen sie über den Code Bescheid, sagt die 26 Jahre alte wissenschaftliche Mitarbeiterin. Das sei ein Problem, da die Leistungssportler über die Regeln, die sie zu befolgen haben, von Beginn ihrer Zugehörigkeit an ausreichend informiert sein sollten. Die Forderung daher: Für im Testpool neue Athleten soll das Präventionsprogramm ausgeweitet werden.

Im Fragebogen waren die korrekten Antworten zu Themen wie Meldepflichten, Athletenrechten und Dopingsperren bereits vorgegeben, die Sportler mussten einschätzen, ob sie die richtige Antwort kennen. "Wir wollten verhindern, dass die Teilnehmer nach drei Fragen frustriert abbrechen, weil die Fragekonstruktionen zu komplex sind", sagt Ragaller. Sie und ihr Team vertrauen daher auf die Selbsteinschätzung der Athleten, auch auf die Gefahr hin, dass sich diese zu gut einschätzen.