USC München Rollstuhlsport "Irgendein Knaller wäre schon gut"

Schranke zu: Iguanas-Spieler Andreas Schaffer (unten) versucht vergeblich, im Stadtderby an USC-Kapitän Ben Döring vorbeizukommen.

(Foto: Claus Schunk)

Wolfgang Schäfer, Vorsitzender des USC München Rollstuhlsport, über die Rückkehr des Klubs in die erste Liga, die großen Ambitionen des deutschen Rekordmeisters, einen möglichen Umzug in die Olympiahalle und den Michael Jordan des Rollstuhl-Basketballs.

Von Laura Winter und Sebastian Winter

Wenn man so will, ist der USC Rollstuhlsport nach dem FC Bayern einer der erfolgreichsten Sportklubs Münchens. Nur weiß das kaum jemand. 14 deutsche Meisterschaften und acht Pokalsiege stehen in den Geschichtsbüchern der Rollstuhl-Basketballer aus Giesing, so viele Titel schmücken keinen Konkurrenten in Deutschland. Der USC brachte außerdem viele deutsche Nationalspieler hervor, erst 2012 wurde Johanna Welin Paralympics-Siegerin. Am Samstag sind die Münchner nach einem kurzen Intermezzo in der zweiten Liga wieder ins Oberhaus aufgestiegen - ohne Punktverlust. Die SZ hat sich mit dem Vorsitzenden Wolfgang Schäfer über die Zukunft des Klubs unterhalten.

SZ: Herr Schäfer, Sie haben so ziemlich alles erreicht, was man erreichen kann im Rollstuhl-Basketball: 16 Jahre erste Liga mit dem USC München, neunmal Meister, achtmal Pokalsieger. Und dann noch die Paralympics 1988 in Seoul. Was war das für eine Zeit damals?

Wolfgang Schäfer: Rollstuhl-Basketball war absoluter Amateursport, aber mit super Leuten. Es gab ungefähr acht bis zehn Mannschaften, mit denen hat in den siebziger Jahren alles angefangen. München war auch mit dabei. Die Rollstuhltechnik war noch ganz anders mit den alten, schweren Stühlen, die man mit den heutigen High-Tech-Modellen nicht vergleichen kann. 1985 sind wir dann zum ersten Mal Erstliga-Meister geworden.

Mittlerweile sind Sie deutscher Rekordmeister - und nach zwei Jahren in der zweiten Liga ohne Punktverlust wieder ins Oberhaus aufgestiegen. Erleichtert?

Wolfgang Schäfer, 52, ist Vorsitzender des USC München Rollstuhlsport. 1988 nahm er an den Paralympics in Seoul teil.

(Foto: Christine Linnig)

Klar, weil wir auch hart dafür gearbeitet haben. Wir hatten enge Spiele, auch am Samstag gegen den Tabellenzweiten SGK Rolling Chocolate aus Heidelberg, der monatelang unser ärgster Konkurrent war, hat man das gesehen. 74:68, das war knapp. Aber unsere Mannschaft zeichnet diese Saison aus, dass sie immer weiter kämpft. Das Ambiente war auch gut, es waren 200 oder 250 Zuschauer da, die Stimmung war super, die Feier danach auch. Um halb drei nachts hat der Wirt uns aus dem Obergiesinger hinausgebeten.

Wie sehen Ihre Erstliga-Planungen aus im Randsport Rollstuhl-Basketball?

Wir sind dabei, die Strukturen zu schaffen, aber das ist nicht so einfach. Unser Etat liegt in der Größenordnung der Zweitliga-Basketballerinnen von Jahn München, zwischen 40 000 und 50 000 Euro. Für die erste Liga werden wir, fürchte ich, noch ein bisschen was drauflegen müssen. Circa das Doppelte ist unser Ziel. Um erfolgreich in der ersten Bundesliga mitspielen zu wollen, muss man einfach diesen Weg gehen.

Wird man mit einem Etat von 100 000 Euro deutscher Meister?

Nein, soweit sind wir noch lange nicht. Man kann nicht von null auf hundert beschließen, Profiverein zu werden, so etwas muss wachsen. Der deutsche Meister Lahn-Dill liegt schätzungsweise zwischen 250 000 und 500 000 Euro. Beim RSB Team Thüringen sieht es nicht viel schlechter aus. Beide Klubs sind im Pokal-Final-Four, in der Meisterschaft ganz vorne und außerdem für die Champions-League-Endrunde qualifiziert. Die sind zwei Klassen über uns, mit festangestellten Sportlern und ausgelagerten Mannschaften.

Wie ist das beim USC München?

Wir haben noch keine Lizenzmannschaft wie zum Beispiel Lahn-Dill. Eine Unternehmer-Gesellschaft haben wir mittlerweile immerhin gegründet. Unsere Spieler sind aber noch reine Amateure. Das läuft dann über Fahrtkostenzuschüsse und Aufwandsentschädigungen. Manche bekommen Wohnungen, aber gehen Sie mal mit einem Spieler hier auf Wohnungssuche. Da ist München eine Hypothek. Wir machen jetzt langsam Schritt für Schritt, suchen gute Leute für die Organisation, Sponsoren, Gönner. Noch sind wir nicht so weit, das muss alles wachsen. Aber die Richtung stimmt.

Ende 2012 hat sich fast die komplette damalige Erstliga-Mannschaft vom Klub losgesagt, es gab Streit um die sportliche Ausrichtung. Mittlerweile ist dieses Team, das sich RBB München Iguanas nennt und in der zweiten Liga spielt, zu Ihrem größten Rivalen in dieser Stadt geworden. Haben Sie dieses unschöne Kapitel mittlerweile ad acta gelegt?

Klar haben diese beiden Vereine eine gewisse Vorgeschichte, die man nicht ausblenden kann. Die ganze Sache schwingt natürlich noch im Hinterkopf mit. Und wir schauen auch, was die Konkurrenz in München macht. Wir gehen aber unseren Weg.

Reichen Ihnen dazu die Spieler, die jetzt mit dem USC aufgestiegen sind?

Wir hatten ja vor der abgelaufenen Saison schon acht Neuzugänge. Ganz sensationell eingeschlagen hat Kim Robins, unser australischer Spielmacher, ein absolut genialer Spieler. Oder auch unser Center Suad Sutic, ein Bosnier, auf den immer Verlass ist. Sie sind auch nächste Saison auf jeden Fall dabei. Ich denke, der Kern um Kapitän Ben Döring bleibt zusammen. Auf der Anspielposition brauchen wir noch einen Backup für Kim Robins. Und ein Ersatzmann für Suad wäre gut. Leider hat uns die langjährige Nationalspielerin Nu Nguyen gesagt, dass es ihr zu viel wird mit der ersten Liga. Sie wird uns sehr fehlen. Ich hoffe, dass sie ab und zu aushilft.

Kommt noch ein Star?

Das hoffen wir! Irgendein Knaller wäre schon gut. Aber dann geht es wirklich ums Geld. Wir haben kürzlich Pat Anderson angefragt, den weltbesten Spieler, quasi den Michael Jordan des Rollstuhl-Basketballs. Er ist Kanadier, doppelbeinamputiert. Er hat uns dann aber abgesagt, weil er generell nicht mehr spielt.

Was ist Ihr sportliches Ziel in der nächsten Saison?

Wir wollen die Liga halten, alles zwischen Platz fünf und acht wäre völlig im Rahmen.

München bemüht sich gerade um ein behindertensport-freundlicheres Antlitz. Vergangenes Jahr fand im Olympiapark die Elektrorollstuhl-Hockey-WM statt. Was kann die Stadt noch besser machen?

Die E-Hockey-WM war ein tolles Event, viele Menschen, auch ich, waren begeistert, wie sie aufgezogen wurde. Man kann andererseits viel lamentieren, dass da die Bordsteinkante zu hoch ist oder dort der Aufzug nicht funktioniert. Aber das ist nicht der Punkt, es wird viel getan bei der Barrierefreiheit. Was München aber in den letzten 20, 25 Jahren versäumt hat, ist eine bezahlbare Halle für Mannschaftssportarten zu schaffen, die eine Zuschauerkapazität zwischen 1500 und 2000 Leuten hat. Keine klassische Schulturnhalle, sondern eine mittlere Eventarena. Darüber hätten sich die Volleyballer, Basketballer, Handballer und auch wir uns gefreut. Da gibt es zu wenige Möglichkeiten in dieser Stadt.

Die Säbener Halle in Giesing ist seit langer Zeit Ihre Heimspielstätte. Wollen Sie dort bleiben oder gibt es noch andere Pläne?

Die Hallenverteilung der Stadt läuft ja seit ein paar Jahren zum Glück nach Ligazugehörigkeit, was für uns gut ist. Weil wir zweite Liga und künftig wieder erste Liga spielen, haben wir da ein gutes Standing. Die Säbener Halle ist außerdem unter den schlechten Münchner Hallen noch mit die beste. Und für die 500 Zuschauer, auf die ich in der ersten Liga bei Heimspielen hoffe, ist ihre Größe auch in Ordnung. Wobei die kleine Olympiahalle unser Traum ist. Weil wir Rollstuhl-Basketball auch anders präsentieren wollen.

Wie?

Es soll nicht mehr so sein: Rein in die Halle, zuschauen mit trockener Semmel und einem Bier, wieder raus. Wir wollen noch größere inklusive Sportevents, mit Rollstuhl-Führerschein, Miss-USC-Wettbewerben oder Demospielen mit den FC-Bayern-Basketballern. Letzteres hatten wir schon vor Weihnachten. Da wäre die Olympiahalle ein Quantensprung. Nur: 5000 Euro Miete pro Tag ist jenseits von Gut und Böse.