Pferd International Das Glück der Erde auf dem Elektro-Roller

Mehr als 90 000 Zuschauer besuchen an vier Tagen die Pferd International in München-Riem. Die hochkarätigsten Wettbewerbe im Springen und in der Dressur gewinnen zwei Olympiasiegerinnen.

Von Nico Horn

Ein Leben ohne Pferd ist möglich, aber nicht sinnvoll. Dieses Motto frei nach Vicco von Bülow alias Loriot würden die meisten Teilnehmer und Besucher der Pferd International München sicher unterschreiben. Von Donnerstag bis Sonntag trafen sie sich auf der Olympia-Reitanlage in Riem. Neben sportliche Höhepunkten wie den Fünf-Sterne-Dressurprüfungen mit Olympiasiegerin Isabell Werth, hochkarätigen Springen und einem internationalen Polo-Turnier bot das Pferdefestival viele weitere Attraktionen. Und das bei perfektem Wetter - pünktlich vor dem letzten Wettkampf setzt ein Gewitter ein.

Vielfraß auf vier Pfoten

Über die praktischste Art der Fortbewegung wird seit jeher gestritten. Zumindest seit neben den eigenen zwei Beinen auch Fahrrad, Bahn und Auto zur Wahl stehen. Wie man von A nach B kommt, ist seither Geschmackssache, auf einem Pferdefestival, sollte man meinen, dürfte die Sache aber klar sein: Es wird geritten. Da jedoch selbst hier nicht jeder ein Ross zur Hand hat, werden durchaus alternative Fortbewegungsmittel bemüht. Wer nicht mit Öffentlichen anreist, ist wegen der Stammstreckensperrung an allen Veranstaltungstagen klar im Vorteil. Über den extra eingerichteten Shuttle-Service vom Parkplatz zur Anlage macht sich dennoch Unmut breit. "Die Busse kommen nicht", lautet die Beschwerde. Wohl dem also, der einen schicken Elektro-Roller besitzt oder ausgeliehen hat. Auf solchen düsen einige Glückliche breit grinsend über die Anlage.

Wer es vom Eingang über das Hufeisenstadion der Springreiter auf die Messe der mehr als 200 Aussteller geschafft hat, kann dort alles erwerben, von neuester Mode bis zum Premiumfutter. Ein Hersteller verspricht, seine Nahrung helfe bei gefüllten Sehnenscheiden und Fesselgelenken. "Das ist eine Messe, du sollst hier was kaufen", erklärt eine Mutter ihrer - noch taschengeldberechtigten - Tochter das System. Probierhäppchen gibt es keine, zumindest nicht für den Menschen - sehr wohl aber für den Hund. Auf der Anlage der "Worker" büxt einer der Vierbeiner (klein) aus und kann von den Organisatoren der Working Equitation nur knapp am Stürmen des Areals für die anderen Vierbeiner (groß) gehindert werden. Als er sich anschickt, den Helfern nun sämtliche Essensvorräte wegzufuttern, fordert der Stadionsprecher die Besitzer charmant dazu auf, den Hund doch bitte abzuholen: "Der ist zwar klein, aber auch ganz schön dick."

Behufung ist Berufung

Georg Fischer sitzt entspannt im Campingstuhl, er hat sich ein schattiges Plätzchen gesichert. Auf den ersten Blick sieht Fischer nicht so aus, als gehöre er zu den wichtigsten Personen auf der Pferd International. Aber ohne ihn geht (im Wortsinn) nichts. Der Schwabe ist der für das Festival zuständige Schmied. "Hufschmied ist eine Berufung und kein Beruf", sagt er. Seit 26 Jahren fühlt Fischer diesen Auftrag in sich, seit 23 ist er regelmäßig in Riem. Früher waren sie zu zweit, jetzt wolle kaum einer mehr für vier Tage nach München kommen. "Man braucht die Liebe zum Pferd", sagt Fischer. Er hat das Datum der Pferd International fix in seinem Kalender notiert.

Der erste Tag - Donnerstag - sei immer der schlimmste, findet Fischer. "Schmied, was machen wir da?", fragen ihn Dutzende Reiter. Meist findet er die richtige Antwort. "Es ist auch eine Vertrauensfrage zwischen Schmied und Reiter." Zwischenfälle gab es eigentlich nie. Nur einmal, vor vier oder fünf Jahren, sei man knapp einer Katastrophe entkommen. Ein Hufeisen hatte sich bei einem Springpferd gelockert, in hohem Bogen war es über die Anlage geflogen - und hätte beinahe einen Parcoursbauer am Kopf getroffen. Die Zuschauer hatten ihn lautstark gewarnt, verletzt wurde niemand. Fischer fixierte das beinahe Unglück bringende Eisen. Keine große Sache, meint Fischer. Unter Reitern heißt es sowieso jedes Jahr aufs Neue: "Ist der Fischer da?" - "Ja." - "Dann passt ja alles."

Der Mann, den Zehne ziehen

Georg Bacher wollte nie das machen, was schon ein anderer tut. Vor mehr als 20 Jahren fuhr er, den alle Schorsch nennen, einen Fünferzug, dabei strebte er eigentlich nach Höherem: einen Zehnerzug mit Kaltblütern zu lenken. Das Problem: Ein anderer fuhr bereits so ein Gespann. "So lang der des macht, mach i des neda", sagte Bacher. Doch sein Vorgänger hörte auf, weshalb Bacher nun seinen Zehnerzug im großen Stadion der Olympia-Reitanlage vorführt, zum bayerischen Defiliermarsch. Zehn Pferde vor der Kutsche, länger als die meisten LKW - und doch sind Bacher und seine Pferde beweglicher. Ein Patentrezept fürs Lenken eines solch sperrigen Gespanns gebe es nicht, sagt der Oberbayer, das virtuelle Lehrbuch enthält nur Einträge zu Zügen mit bis zu sechs Pferden. Wie er das dann mache? "Eigenkreation."

Im echten Leben, also dem ohne Pferd (möglich, aber nicht sinnvoll) ist Bacher Veranstaltungsplaner - ein Bürojob. Kann man sich kaum vorstellen, weil der Vater einer Tochter wirkt wie einer, der sein Leben den Pferden verschrieben hat. Sein eigentlicher Beruf kommt ihm aber durchaus zugute, denn auch bei der Zusammenstellung der Tiere muss Bacher vorausschauend handeln. Er sammelt sie von seinem Bruder und Bekannten ein. "Bei der Auswahl braucht man Geschick", erklärt Bacher. Erst einmal habe er ein Pferd austauschen müssen, weil es das Gespann behinderte. Für Anlässe wie den täglichen Auftritt im Schauprogramm brauche er bewegliche Pferde, wenn er beim Oktoberfest-Umzug mitfahre, eher gemütliche, nervenstarke. Sich von hunderten Feierbiestern anschreien zu lassen, ist nicht jederpferds Sache. Gemütlicher sind Treffen, in denen man unter sich ist, denn inzwischen gibt es doch so einige Zehnerzüge. Im August plant Bacher in seiner Heimat Fischbachau ein Treffen mit über 20 Gespannen.

Weltmeister im Olympia-Glanz

In seinem dunkelblauen Jacket sah er beinahe so aus, als sei Thomas Müller selbst einer der Dressurreiter. Die legere kurze Hose verriet ihn. Der Fußball-Weltmeister hatte als einer von vielen Prominenten mal wieder auf der Reitanlage im Münchner Osten vorbeigeschaut, seine Frau Lisa ging schließlich am Donnerstag und Freitag an den Start. Thomas Müller gehörte auch zu den ersten Gratulanten Isabell Werths. Die mehrmalige Dressur-Weltmeisterin hatte gerade die Kür gewonnen - und damit bei ihrer zweiten Prüfung in München den zweiten Sieg geholt (den anderen im Grand Prix am Freitag). Entsprechend war sie "sehr zufrieden", auch mit ihrem teils etwas eigenwilligen Pferd Don Johnson. "Er war sehr fokussiert. Und seinen starken Charakter soll er gar nicht verlieren."

Das Voltigieren gehörte ebenfalls zum Programm.

(Foto: oh)

Auch den wichtigsten Wettbewerb der Springreiter gewann eine Olympiasiegerin, die Französin Penelope Leprevost. "Ich hatte diesen Wettbewerb gar nicht auf der Rechnung", sagte sie, erst vor Monaten hat sie den Sponsor gewechselt. Knapp dahinter lag Patrick Afflerbach, der gerade seinen Doktor an der Uni Augsburg macht.

Sichtlich zufrieden war auch Veranstalter Jürgen Blum, was vor allem mit dem neuen Rekord von 90 000 Zuschauern in vier Tagen zusammenhing. "Wahrscheinlich liegt das an der Working Equitation - eine Weltmeisterschaft zieht einfach", meinte Blum. Mit seiner Einschätzung lag er sicher nicht daneben, an allen vier Tagen waren die beiden Tribünen dort gut gefüllt. Die ersten beiden Tage mit den Einzelprüfungen Dressur und Trail dominierten Portugiesen. Nach der Prüfung im Speedtrail holte sich Gilberto Silva den Sieg in der Kombi-Wertung vor dem Deutschen Thomas Türmer. Vierte wurde Mirjam Wittmann aus Grafing. Mit dem leicht verpatzten Speedtrail verspielte sie einen Podestplatz. Dafür schaffte es Wittmann am letzten Tag in der Rinderarbeit, als eine von nur fünf Teilnehmern ein einzelnes Rind von der Herde in der vorgeschriebenen Zeit zu trennen. Damit hatte sie entscheidenden Anteil am deutschen Sieg in der Rinderarbeit-Teamweltmeisterschaft.

Es darf funkeln

Preise gehören zu jedem anständigen Wettbewerb. Und sei es ein Mini-Pokal beim örtlichen Sommerturnier. Rasierer, Bügeleisen oder andere Alltagsgegenstände gibt es längst nicht mehr zu gewinnen, heute dürfen Prämien schon ausgefallener sein. Wie jener Swarovski-Sektkelch, der Alexandra Stadelmayer nach einem Dressur-Wettbewerb überreicht wird. Evelyn Haim-Swarovski kann darüber nur lachen. Die Dressurreiterin ist Familienmitglied des österreichischen Kristall-Herstellers. Sie kommt in ihrer Prüfung zwar nicht in die Wertung, aber auf ihrem Helm blinken eh schon einige Swarovski-Steine.

Neben der Annahme der Preise ist der Bewegungsdrang der Pferde die größte Herausforderung bei Siegerehrungen. Stefanie Schatz-Weihermüller, die als Dritte mit Stadelmayer auf dem Podest steht, kann ihr zur Nationalhymne tanzendes Ross (welch kurioser Musikgeschmack) kaum unter Kontrolle halten. "C'est la Vie", könnte man sagen. Verbietet sich aber, denn das Pferd heißt so. Und das ist längst nicht der ausgefallenste Name. Bob Dylan ist da, Lord Beckham (obwohl es im Fußball nur einen Lord gibt, nämlich Lord Bendtner). Und dann gibt es noch Zalando 7. Man muss also vermuten, dass mindestens sechs weitere Pferde ihren Namen mit dem Online-Versandhändler teilen. Es ist zum Schreien.