Tennistrainer Lars Uebel "Wir Trainer müssen am Ende ja nicht den Ball ins Feld spielen"

Lars Uebel coacht an der Oberhachinger Tennisbase deutsche Spitzenspieler wie Peter Gojowczyk und Mattias Bachinger, die jenseits der Top 100 ihr Profi-Dasein fristen. Ein Gespräch über die nötige Einstellung zum Sport, mangelndes Problembewusstsein, und welches Talent den Sprung in die Weltspitze schaffen kann

interview Von Gerald Kleffmann

Der Berliner Lars Uebel, 35, war selbst Profi und arbeitet seit Jahren erfolgreich als Tennis-Trainer. Auf der Allwetteranlage in Oberföhring betreute er ein Team aus deutschen Spitzenspielern, die er bei seinem Wechsel im Dezember 2015 an die Oberhachinger Tennisbase mitnahm. Bei den ersten ATP-Turnieren des Jahres und beim Grand Slam in Melbourne versucht er, seine Spieler auf den Weg in die Top 100 der Rangliste zu bringen. Ein Gespräch über die knifflige Aufgabe, Talente an die Weltspitze zu führen.

SZ: Herr Uebel, Sie betreuen deutsche Spitzenspieler wie den Dachauer Peter Gojowczyk oder Matthias Bachinger aus München. Nun wurden Sie vom Leistungszentrum des Bayerischen Tennis-Verbandes (BTV) angeworben. Aus Ihrer Erfahrung: Alle können eine Vorhand und Rückhand spielen - warum schaffen die einen Talente den Durchbruch, die anderen nicht?

Lars Uebel: Technisch sind viele Spieler tatsächlich auf einem ähnlichen Level. Wenn jetzt Roger Federer in die Tennisbase kommen und mit irgendjemanden Bälle schlagen würde, und man nicht wüsste, dass der eine Federer ist, würde man als Laie keine Riesenunterschiede feststellen. Roger ist ja auch bekannt dafür, immer wieder mit Junioren zu trainieren.

Maximilian Marterer, 20, den Sie hier auch betreuen, wird als Linkshänder und damit Rafael-Nadal-Double oft von Spitzenleuten gebucht, jüngst war er mit dem Serben Novak Djokovic, der Nummer eins, auf dem Platz.

Ja, er fuhr eigens nach Nizza dafür. Für unsere Jungs ist so etwas ein Höhepunkt, wenn man sieht: Wie arbeitet die Nummer eins? Letztes Jahr trainierte Gojowczyk für drei Tage mit Federer in Zürich.

Wo fangen die Unterschiede an?

"Ich war vielleicht sogar zu verbissen": Als Profi kam Lars Uebel, 35, nicht über Weltranglisten-Position 242 hinaus. Jetzt ist er Trainer.

(Foto: Imago)

In der grundsätzlichen Einstellung zum Sport. Was will ich? Warum mache ich das? Mit welchem Bewusstsein mache ich das? Die Einstellung ist unabhängig vom Trainer und vom Umfeld, die muss der Individualsportler mit sich selber klären. Und da gibt es himmelweite Unterschiede.

Top-Spieler haben die bessere Einstellung?

Ein Beispiel: Ich habe vor Jahren mal den Schweizer Marco Chiudinelli betreut und war mit ihm beim Turnier in Tokio. Ich hatte Jetlag und bin morgens früh im Hotel zum Frühstück gegangen. Zufällig saß Janko Tipsarevic auch da, der im Jahr zuvor den Sprung von Weltranglistenplatz 45 auf zehn geschafft hatte. Ich fragte ihn: Janko, was hast du verändert? Schließlich ist der Sprung von 45 auf 30 noch nicht so gewaltig, viele schaffen das - aber auf Platz zehn eben nicht. Janko erklärte mir, er habe sich sehr stark an seinem Landsmann Djokovic orientiert. Er habe von ihm gelernt, dass man alles dem Ziel unterordnen muss, besser Tennis zu spielen, jeden Aspekt. Das geht beim Essen los, beim Trinken, beim Aufwärmen, beim Nachbereiten, bei der Planung, beim Team. Im Endeffekt ist der ganze Tagesablauf so geregelt, dass man jeden Tag ein, zwei Prozent besser wird. Die Jungs in den Top Ten sind in diesen Details fokussierter als die, die um die 70, 80, 100 stehen. In Deutschland kann man ja auch Lücken erkennen.

Heißt das, jeder auf Platz 120 könnte eigentlich Platz 60 in der Weltrangliste schaffen, nur kraft seiner Einstellung?

Das muss man natürlich individuell betrachten. Didi Kindlmann, der seit drei Jahren als Sparringspartner von Maria Scharapowa einen exzellenten Job macht und früher Profi war, war so 120, 130 in der Welt. Didi hat fast sein Maximum rausgeholt. Er ist nicht der größte Spieler, der Aufschlag war eine Schwäche, das setzt Grenzen. Aber: Er war ein unglaublicher Fighter, ein Warrior auf dem Platz. Das war vorbildlich.

Peter Gojowczyk dürfte mehr Potenzial haben. Wie sehen Sie seinen Weg?

Für ihn ist Rang 190 nicht das Optimale. Peter war einige Monate unter den ersten Hundert der Welt. Er hat einen Satz gegen Rafael Nadal gewonnen, Milos Raonic geschlagen, Jo-Wilfried Tsonga im Davis Cup besiegt, in Nancy. Dabei war er Debütant und reiste in einer relativ schlechten Phase an. Man sieht, wozu er fähig ist: Aus dem Nichts besiegte er einen Top-Ten-Mann. Nur ruft er das zu selten ab.

"Vieles wäre für ihn möglich": Peter Gojowczyk, 26, Dachau, Nummer 194 der ATP-Weltrangliste.

(Foto: dpa)

Woran liegt das?

Ich bin der Meinung, er arbeitet gut. Aber er arbeitet nicht bewusst genug im Ganzen. Es fehlt an Kleinigkeiten. Vielleicht ernährt man sich zwei Monate gut, aber nicht ein ganzes Jahr. Vielleicht geht man nur dreimal zum Yoga statt das ganze Jahr. Vielleicht nehme ich den Physiotherapeuten 20 Wochen im Jahr auf die Tour mit und nicht nur drei Wochen. Das sind so kleine Puzzlestücke, die dazu führen, dass man nur 130 ist. Obwohl man vielleicht genau so gut spielt wie die Nummer fünf.

Erkennt er das?

Das bezweifele ich. Wenn er das erkennen würde, würde er es ändern. Ich denke, dass er finanziell dazu in der Lage wäre. Und er ist ein junger Mann, der das könnte. Manchmal habe ich das Gefühl, das Bewusstsein ist nicht da oder es fehlt der Glaube daran. Was mir natürlich schwer fällt nachzuvollziehen. Wenn ich so gut gespielt hätte wie er, hätte ich dran geglaubt. Vieles wäre für ihn möglich. Daher appelliere ich an ihn: Tu mehr, um das abzurufen!

Gojowczyk wird ja auch älter - wie geduldig ist man mit so einem Spieler?

Peter ist immer noch einer der besten deutschen Spieler. Aber er ist 26 und hat Tour-Erfahrung. Da erwarten wir schon von einem Spieler, dass er Sachen selbständig löst. Und auch zum Trainer geht und sagt: Dies und das will ich machen.

Selbstständigkeit, spannender Punkt. Die Trainingsbetreuung im Nachwuchs- und Jungprofibereich ist ziemlich umfassend, Spieler schwimmen in diesen Strukturen mit. Nimmt das Eigenständigkeit?

Er hat noch einiges in sich": Matthias Bachinger, 28, München, Nummer 222 der ATP-Weltrangliste.

(Foto: Imago)

Diese Frage stellen wir Trainer uns auch. Die Tennisbase ist ja Bundesstützpunkt für die Herren, da bin ich mit Davis-Cup-Coach Michael Kohlmann im regen Austausch. Da geht es auch um Selbstständigkeiten auf und neben dem Platz. Wir Trainer müssen am Ende ja nicht den Ball ins Feld spielen. Ich glaube, dass wir vielleicht schon im Jugendbereich zu viel pimpen. Vielleicht werden manche in der Jugend zu viel gefördert, vielleicht wird zu wenig auf Eigeninitiative Wert gelegt. Oft ist es für Leute wichtig, deutscher Meister der U12, U14, U16 zu werden. Nur, wenn man sich die Historie ansieht: Ein U12-Meister ist selten U18-Meister geschweige denn ATP-Profi geworden. Wir sollten Kindern mehr Zeit geben, sich zu entwickeln.

Holt Matthias Bachinger das Maximum aus sich heraus?

Ich finde, er hat noch einiges in sich. Er müsste nur mehr Konstanz aufweisen. Matthias hat ein sehr mächtiges Spiel, er kann damit immer wieder sehr gute Leute schlagen. Er kann das leider nur nicht über eine Jahresperiode abrufen. Er müsste vielleicht wie Peter etwas mehr Bewusstsein für seine Motivation entwickeln. Nach dem Motto: Ich habe nur eine Karriere, und die will ich nutzen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Jungs doch lieber mit Freunden essen gehen oder kleine Auszeiten nehmen. Wenn man es zehn, 15 Mal im Jahr für zwei, drei Tage schleifen lässt, sind wir bei 30 bis fast 50 Trainingstagen, die verloren gehen. Das wirkt sich im Turnier aus.

Was ist Marterer für einer? Meist taucht er in den News als Sparringspartner auf.

Maxi ist im vergangenen Jahr von 450 auf 250 geklettert (aktuell: 264), das war gut. Er kann nun bei den Grand Slams in der Qualifikation antreten. Er hat gezeigt, dass er mit den Top 100 mitspielen kann. Maxi ist in seinem Spiel eher zurückhaltend. Bei Maxi geht es darum, ihm zu helfen, ein positives Selbstwertgefühl zu haben und dass er an Siege gegen gute Spieler glaubt. Und mehr ist als ein Sparringspartner. Das Potenzial hat er. Er ist ein bisschen zu nett. Er müsste etwas böser werden.

In Dustin Brown hat es ein Selfmade-Ballgefühlkünstler auf die Tour geschafft. Was können die Spieler in den Verbandsstrukturen von diesem Unikat lernen?

Dustin hat eine Sache: Er kann im Match ein Schwein sein. Das meine ich positiv. Er ist zwar nach außen der Lustige. Auf dem Platz schiebt er das aber komplett weg. Er probiert alles, um zu gewinnen. Sein Spiel hat Grenzen, seine Vorhand etwa ist eine Schwäche, da gucke ich lieber weg. Doch sein Wille gleicht viel aus.

Warum ist der Spieler Lars Uebel eigentlich bei Platz 242 hängen geblieben?

Ich war immer ein sehr motivierter Spieler. Vielleicht war ich sogar zu verbissen. Ich habe mir immer Druck gemacht. Da fehlte etwas die Lockerheit. Wenn ich etwas mehr von Dustin Brown gehabt hätte, hätte mir das geholfen, besser zu spielen. Aber ich habe alles investiert. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ein ehemaliger Spieler sagte mal: "Mein Trainer ist motivierter als ich." Das war für den Spieler eigentlich eine schlechte Aussage. Aber da steckte Wahrheit drin. Nur muss es umgekehrt sein.