Selig im Interview Töne aus Steinen und Scherben

Nach zehn Jahren Streit sind Selig wieder auf Tour und kommen am 22. März ins Ampere. Wir haben mit Sänger Jan Plewka gesprochen.

Von M. Zirnstein

An ihr Konzertpublikum erinnern sich Selig so: Vorne standen die Mädchen, in der Mitte die dazugehörigen Burschen, hinten die Altrocker. Selig vereinigten, so sehr sie polarisierten. Seinerzeit war die Hamburger Band der Inbegriff des deutschen Grunge (Retro-Metal-Pop), allgegenwärtig, aber die Top-Ten erreichte sie nie. Nach drei Alben war Schluss. Zehn Jahre später sind Selig wieder da, mit der großartig pathetischen CD "Und endlich unendlich" über das Staunen. Dem ausverkauften Club-Gig am Sonntag, 22. März, im Ampere (20 Uhr, Zellstraße 4) lassen sie am 26. September ein Konzert in der Tonhalle folgen (Telefon 21839182). Wir haben mit Sänger Jan Plewka gesprochen.

Zurück auf der "Schweinerennbahn": die Hamburger Band Selig meldet sich nach zehnjähriger Pause zurück.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Waren Sie selbst erstaunt, dass Selig wieder klingen wie damals?

Jan Plewka: Das war ein toller Moment im Probenraum, als wir erkannten, dass uns das, was wir damals gemacht haben, immer noch ausmacht. Die Magie, Liebe, Mystik und Musik - das sind tatsächlich wir fünf. Mit dem dritten Album, "Blender", hatten wir versucht, den Zeitgeist zu übertrumpfen, aber das war nicht Selig.

SZ: Und auch die Liebe war weg, oder?

Plewka: Leo (Schmidthals) kam irgendwann zu mir und sagte: "Jan, wir reden nicht mehr miteinander." Als Bassist hat er auf der Bühne am wenigsten zu tun und kann das ganze beobachten (Plewka lacht). Wir hatten uns voneinander entfremdet, wir haben den anderen nur noch als Karikatur gesehen. Wenn Christian (Neander, der Gitarrist) ins Zimmer kam, hatte ich körperliche Schmerzen. Wie in einer Liebesbeziehung: Es ging einfach nicht mehr. Aber wir waren gerade auf dieser Welle, haben immer weitergemacht, wir haben uns selber gepeitscht, wir haben - außer zu einer Russland-Tour - zu allem ja gesagt: Jaja, jaja, mehrmehr! Wir haben uns direkt in den Wahnsinn reingeritten. So verliert man den Blick fürs Wesentliche: für das Menschliche.

SZ: Nach Ihrer einjährigen Auszeit in einem Blockhaus in Schweden stürzten Sie sich in viele Projekte von der "Zauberflöte" über den Bundesvision-Songcontest mit Tempeau bis zum Rio-Reiser-Abend. Was nehmen Sie davon zu Selig mit?

Plewka: Bei Selig ist es jetzt erlaubt, dass wir solche Seitenprojekte haben. Wir sind alle Workaholics, da braucht man einen Ausgleich. Es ist gerade so, als ob wir von einer langen Reise zurückkommen. Aber das Reisen muss sein, da können wir uns Geschichten erzählen und bleiben nicht im Alltag kleben.

SZ: Warum glauben Sie, diesmal auf der "Schweinerennbahn", wie sie das Musikgeschäft nennen, durchzuhalten ?

Plewka: Wir sind reifer geworden. Ich habe ja zehn Jahre lang mit Christian kein Wort geredet. Eines Tages saß ich mit Stoppel (Schlagzeuger Stephan Eggert) am Küchentisch und sagte: "Zehn Jahre! Gibt es eigentlich so etwas wie eine Halbwertszeit?" Dann habe ich den Leo angerufen, dann Malte (Neumann) und Christian, und habe nur gesagt: "Operation S". Malte meinte: "Ey, du Spinner, ich habe gestern mein letztes Keyboard verkauft." Dann haben wir geredet und 12000 E-Mails geschrieben. Ich fühle mich zehn Kilo leichter, weil dieser Grollstein weg ist. Und wir merken, dass wir einen Kreis angefangen, aber nicht zu Ende gebracht haben damals. Es fühlt sich so an, dass da noch viele Platten kommen werden.