Schülerpatenschaften in München "Ich bin stolz auf dich, Junge!"

Ismail Cetin (rechts) und Bendel treffen sich regelmäßig.

(Foto: Alexandra Pasi)

Rainer Bendel hat fast sein ganzes Leben lang bei Siemens gearbeitet, nun kümmert er sich um junge Leute: Er ist Schülerpate in München - und hilft Jugendlichen, die kein unbeschriebenes Blatt sind.

Von Alexandra Pasi

Ismail Cetin könnte an diesem Nachmittag vor seiner Playstation sitzen und Autorennen gewinnen. Aber er ist nicht Zuhause. Er könnte auch mit Freunden rumhängen, chillen, Youtube-Videos drehen. Aber er ist allein. Mit einem flauem Gefühl im Magen macht er sich auf den Weg. Um 15 Uhr trifft er sich mit Rainer Bendel, seinem Schülerpaten.

Nervös spielt Ismail Cetin an seiner silbernen Panzerkette, faltet die Hände und drückt sie so fest zusammen, dass weiße Stellen entstehen. Er schlurft durch den Eingang des Freiwilligen Zentrums Ost der Caritas. Bendel wartet schon. Zusammen gehen sie in ein freies Schwesternzimmer. Der 16-jährige Ismail ist zum ersten Mal hier. Zu ihm nach Hause konnten sie heute nicht gehen.

"Schön, dass du da bist Isi! Willst du was trinken?" Sein Magen entkrampft sich. Die lockere Art von Bendel beruhigt ihn. Ismails schwarze Reebok-Turnschuhe quiet-schen auf dem Boden, als er es sich auf einem der 14 Holzstühlen bequem machen will. "Jo!", antwortet er. Hastig schenkt Rainer Bendel stilles Wasser in zwei Gläser ein. Dabei verschüttet er ein bisschen. Eine kleine Pfütze bildet sich. Laut lachend greift er in seine schwarze Lederhandtasche und holt ein Taschentuch heraus. "Das passiert, wenn man sich mit diesem eigenwilligen Plastikgefäß nicht auskennt", wieder ein breites Lächeln. Er setzt sich gegenüber von Ismail. Lehnt sich zurück, schlägt das rechte über das linke Bein. Neugierde brennt in seinen strahlend blauen Augen.

Bendel hat fast sein ganzes Leben lang bei Siemens gearbeitet. Die letzten 15 Jahre übernahm er den Bereich Persönlichkeitsentwicklung und war als Trainer und Berater tätig. In seiner Freizeit engagiert er sich als Schülerpate. Zusammen mit Yvonne Möller leitet er das Projekt "Schülerpatenschaft" der Caritas, das es seit 2009 gibt. Die Paten kümmern sich um junge Menschen wie Ismail.

"95 Prozent der Schüler und Schülerinnen haben einen Migrationshintergrund", erklärt Yvonne Möller. "Wir bieten eine Art Lebenshilfe an. Es geht nicht nur um Nachhilfe oder eine abgeschlossene Schulausbildung. Im besten Fall entstehen Freundschaften. Wir wollen Jugendliche im letzten Schuljahr, also 15 bis 16 Jährigen, den Weg ins Berufsleben erleichtern, sie unterstützen und ihre Persönlichkeit formen." Momentan gibt es 38 Schüler und Schülerinnen, die auf 35 Paten aufgeteilt sind. "Ein Schülerpate muss Bezug zur Berufswelt haben, er muss wissen wie der Hase läuft. Wir brauchen Menschen mit Erfahrungen, von denen die Schüler dann profitieren können", sagt Möller.

Ismail Cetin ist der zweiter Schüler, den Bendel betreut. Ismail kommt aus Uşak, einem kleinen Ort in der Nähe von Izmir in der Türkei. Im Winter 2000 kam er nach Deutschland. Vier Jahre war er alt. Die Kinder in der Vorschule verstanden ihn nicht. Die Lehrer in der Übungsklasse ein Jahr später auch nicht. Mühsam lernte er die Deutsche Sprache. Merhaba heißt Hallo. Er wurde eingeschult, kam nach der Grund- auf die Hauptschule. Hilfe bekam er von überall, doch er verstand nicht, warum er sich anstrengen sollte. Verstand nicht, was gute Noten mit einem Ausbildungsvertrag zu tun haben. Ismail hatte keine Lust auf Rechnen, Schreiben und Lesen. Er geriet auf die falsche Bahn.

"Erzähl Isi, was ist passiert, gibt es Probleme im Berufsvorbereitungsjahr?" Auf Bendels Stirn tauchen Sorgenfalten auf. Langsam fährt er sich durch sein schwarzes, schütteres Haar. Ismail ist kein unbeschriebenes Blatt. Von der Hauptschule ist er geflogen, weil es Probleme mit Lehrern gab. Doch nun, im Berufsvorbereitungsjahr - kurz BJV - sollte sich vieles ändern. Ismail wollte sich ändern.

"Herr Bendel, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Ich bin aus dem BJV geflogen, zu viele Fehlstunden. Aber ich habe auch einen Ausbildungsvertrag bei Toyota unterschrieben!" Rainer Bendel lacht, hebt die Hand und schlägt mit Ismail ein. "Einen Ausbildungsvertrag? Ich kann es gar nicht glauben, ich bin stolz auf dich, Junge!"

Zusammen wollen sie zum Berufsinformationszentrum gehen. Er soll den qualifizierenden Hauptschulabschluss nachmachen, anderenfalls kann er seine Ausbildung nicht beginnen. Ismail zupft an seinen weißen Wollärmeln herum, er weiß, was das heißt: Lernen. Aufgeregt sagt er: "Wenn Sie mir helfen, dann schaffe ich das!"

Vielen Zuwandererkindern ergeht es ähnlich. Nach Daten der Bundesstatistischen Ämter aus dem Jahr 2012 verlassen Jugendliche mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so häufig die Schule ohne Abschluss, wie einheimische Jugendliche. Über ein Drittel der in Deutschland lebenden, jungen Migranten haben lediglich einen Hauptschulabschluss. Die Chancen, bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen seien zusätzlich ungleich. So sei es insbesondere für junge Menschen türkischer und arabischer Herkunft deutlich schwerer, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Aber auch wenn es Ismail ein wenig schwer fällt, Mathe und Physik zu verstehen, Autos reparieren kann er. Das bestätigten ihm Firmen, bei denen er Praktika gemacht hatte, immer wieder. Für Rainer Bendel ist das Projekt eine Herzensangelegenheit.

Sein Blick wandert an einen eingerahmten Spruch an der weißen Wand: "Man kann ohne Liebe Holz hacken, Ziegel formen und Eisen schmieden. Aber mit Menschen kann man nicht ohne Liebe umgehen."

Die Autorin Alexandra Pasi nimmt am Ausbildungsgang Modejournalismus/Medienkommunikation der Akademie Mode und Design (AMD) teil. Die Reportage ist im Rahmen des Kurses "Journalistisches Schreiben" entstanden.