Scharfe Kritik an IOC "Die Spiele waren wichtiger als das Leben von Juden"

Statt der üblichen bedächtigen Reden geht es auch um Schuld, Verantwortung und Versäumnisse: Bei der Gedenkfeier zum Olympia-Attentat erheben Vertreter des Zentralrats und Angehörige der Opfer schwere Vorwürfe gegen das IOC. Den deutschen Behörden werfen sie Versagen vor - und fordern einen neue Untersuchung des Anschlags.

Von Wolfgang Görl und Martin Bernstein

Die Fahnen wehen auf Halbmast, direkt neben dem ehemaligen Tower des Fliegerhorsts Fürstenfeldbruck, als die Angehörigen der Terroropfer von 1972 Kerzen zum Gedenken an die Toten entzünden. Trauergebinde stehen am Rand des Flugfelds. Einen der Kränze haben "Das IOC und die olympische Familie" niederlegen lassen. Das IOC?

Gedenken an die Toten

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"Kein Mensch, der ein Herz im Leib hat, wird die vereiste Seelenlosigkeit des IOC in dieser Frage jemals billigen können." Das sagt Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Und seine Vorgängerin, die Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, Charlotte Knobloch, betont: "Heute gelingt uns in Fürstenfeldbruck, was auf internationaler Ebene in London nicht gelingen sollte." Und sie fährt fort: "Dass den Ermordeten in London ein würdiges Gedenken verwehrt wurde, bleibt ein Schandfleck auf der olympischen Weste."

Unter den 600 Zuhörern auf dem Rollfeld, dort, wo neun israelische Sportler am späten Abend des 5. September 1972 von palästinensischen Terroristen ermordet wurden und auch ein Polizist im Kugelhagel starb, sitzen an diesem Nachmittag deren Hinterbliebene, daneben die Überlebenden des Attentats. Und Thomas Bach, der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees. Das IOC, sagt Bach in seiner Rede, habe "seinerzeit nicht resigniert und mit der Fortführung der Olympischen Spiele nach einem bewegenden Tag der Trauer ein entschlossenes Zeichen im Kampf gegen Terrorismus gesetzt".

Was für den Sportfunktionär ein "entschlossenes Zeichen" war, empfindet Graumann noch heute als "kalt und herzlos". Der damalige IOC-Präsidenten Avery Brundage, der mit den Worten "The games must go on" die Fortsetzung der Spiele verkündete, habe sich, so Graumann, schon bei den Spielen 1936 "durch ekelhaft judenfeindliche Äußerungen hervorgetan".

Die Fortsetzung der Spiele 1972 habe gezeigt, dass "das bloße Spiel nun einmal wichtiger war als das Leben von Juden". Die "Kälte des IOC" setze sich bis heute fort, sagt Graumann. "Ausdrücklich und hartherzig" habe das IOC in London eine Schweigeminute für die vor 40 Jahren getöteten Sportler verweigert. Und an Ankie Spitzer, die Witwe des in Fürstenfeldbruck erschossenen israelischen Fechttrainers André Spitzer, gewandt, sagt Graumann: "Wir alle haben auch ohne das IOC an unsere Helden gedacht - mehr als nur eine Minute."

Es geht auch um Schuld

Spätestens nach Graumanns offenen Worten ist klar, dass an diesem Tag nicht nur die üblichen bedächtigen Gedenkreden gehalten werden. Es geht auch um Schuld, Verantwortung und Versäumnisse. Oberbürgermeister Christian Ude nimmt den Faden auf und gibt erst einmal zu, dass es schwere Fehler und Versäumnisse gegeben habe - vielleicht auch, weil man in München unbedingt ein anderes, ein freundlicheres Deutschland präsentierten wollte als in Berlin 1936. Dies ändere aber nichts an der Alleinschuld der Täter.

Vier Stunden vor der Gedenkfeier in Fürstenfeldbruck waren Hinterbliebene, Überlebende, Politiker und Olympiateilnehmer vor dem Haus Connollystraße 31 zusammengekommen. Christian Ude hat dort für die Stadt München einen Kranz niedergelegt, hat sich verneigt vor der Tafel, auf der die Namen der Ermordeten stehen. Ihm folgte Israels Vize-Premier Silvan Shalom, der erst wenige Minuten zuvor eingetroffen war, flankiert von einer Schar israelischer Sicherheitsleute. Auf der Kranzschärpe, die er zurechtrückte, steht: "Der Staat Israel gedenkt der Opfer."

Das Ende der fröhlichen Spiele

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