Rüde Sanierungsmethoden Mieter in Lebensgefahr gebracht

Die Bewohner der Augustenstrasse 4 sitzen im Kalten.

Mit rabiaten Methoden soll ein Vermieter versucht haben, ein Haus in München leer zu bekommen: Er ließ zwei Kamine demontieren, an denen gasbetriebene Warmwasseranlagen hingen.

Von Bernd Kastner

Bewohner eines Sanierung-Hauses beim Hauptbahnhof haben sich offenbar über Tage in Lebensgefahr befunden. Grund war die Demontage zweier Kamine, an denen noch gasbetriebene Warmwasseranlagen hingen. Der zuständige Kaminkehrer stellte "für die Bewohner und Besucher einen lebensbedrohlichen Zustand" fest, weshalb er sofort die Gaszufuhr des Hauses in der Augustenstraße 4 abstellen ließ.

Mieter des Altbaus berichten zudem von rüden Sanierungsmethoden: In einem Schlafzimmer kam es zu einem schweren Wasserschaden, die Decke dort brach fast durch. Der Vermieter bestreitet jede Entmietungsabsicht. Bei ihm handelt es sich um Christian S., der um das Jahr 2000 wegen rücksichtloser Sanierungsmethoden bekannt wurde.

Die Eigentümerfirma, dessen Geschäftsführer S. ist, übernahm das Gebäude in der Augustenstraße vor etwa einem Jahr. Anfang Oktober kündigte S. umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen an, etwa neue Fenster, Fassadendämmung und Dacharbeiten. Die Mieten sollen deshalb kräftig steigen, im Fall einer Wohnung mit knapp 60 Quadratmetern von 500 Euro auf mehr als 880 Euro, also um rund 75 Prozent. Angekündigt war der Start der Arbeiten für Januar, tatsächlich begannen sie bereits im Herbst. Mehrere Bewohner wehren sich juristisch.

Das Haus in der Augustenstrasse.

Bezirksschornsteinfeger Udo Voigt zeigt sich entsetzt über die Demontage der Kamine. Ihm zufolge müsse der Vermieter gewusst haben, dass noch Gasanlagen angeschlossen waren. Es sei reines Glück, dass niemand zu Schaden gekommen ist: "Das hätte bitterböse ausgehen können." Voigt berichtet, er habe das Haus am 2. Dezember von der Gasleitung trennen lassen, nachdem ihn Mieter alarmiert hätten.

Durchnässte Wände

Seit Kappen des Gasanschlusses müssen sich mehrere Mieter notdürftig mit warmem Wasser versorgen, Heizen ist teilweise nur mit kostspieligen Elektroradiatoren möglich. Die Mieterin im obersten Stock, eine 70-jährige Frau, die ihr halbes Leben dort wohnt, hat nur noch eine provisorische Kochplatte zur Verfügung, um Wasser zu erhitzen. Ihr Gasherd funktioniert nicht mehr, ihr Bad kann sie auch nicht mehr benutzen. Um zu duschen, muss sie in eine leere Wohnung gehen, in ein Badezimmer, dessen Klo die Bauarbeiter besuchen.

Eines ihrer beiden Zimmer in der Dachwohnung ist seit einem Wasserschaden Ende November nicht mehr bewohnbar. Das abgedeckte Dach über diesem Zimmer war nicht mit Folie geschützt worden, sodass in einer Regennacht Möbel und Wände durchnässt wurden. Als sie tags darauf vom Einkaufen zurückkam, sei ein Teil ihrer Schlafzimmerdecke heruntergebrochen gewesen: Offenbar war ein Arbeiter von oben auf die Decke getreten und fast durchgebrochen.

Seit Wochen nun lagert die Mieterin Möbel und Kleidung aus ihrem Schlafzimmer im Wohnzimmer, sodass auch dieses kaum mehr bewohnbar ist. Nächtigen muss sie auf einem Sofa. In dieser Wohnung wird die Rentnerin Weihnachten verbringen. "So geht man mit Menschen nicht um", sagt sie. "So hat mich noch niemand behandelt." Beim Mieterverein zeigt man sich "erschüttert und bestürzt: "Der Vermieter versucht alles, damit die Mieter ausziehen."

"Sanierer vor Gericht"

Christian S., 55, wurde Mitte der 90er Jahre wegen seiner Baumethoden bekannt: "Sanierer vor Gericht" oder "Der Bauplan-Ignorant" lauteten damals die Überschriften. Die Stadt stritt sich jahrelang mit ihm, weil er ein denkmalgeschütztes Anwesen in der Brunnstraße rücksichtslos saniert hatte. Die letzten Jahre war es ruhig um ihn geworden.

Jetzt lässt S. über seine Anwältin, die zugleich Alleingesellschafterin der Eigentümerfirma ist, jede böse Absicht bestreiten und sich als sozialen Vermieter darstellen. Ihm sei "sehr daran gelegen", dass die Mieter blieben.

Er habe ihnen als Alternative sanierte Wohnungen in dem Haus "zu einem sozialverträglichen Mietzins" angeboten, von Anfang an habe er sich auch um eine "sozialverträgliche Lösung" bemüht und wolle Elektrodurchlauferhitzer einbauen. Man habe vorzeitig mit den Arbeiten begonnen, weil die Zeit gedrängt habe oder die Mieter mit bestimmten Arbeiten auch einverstanden gewesen seien.

Zeitdruck habe laut S. auch beim Abbau der Kamine geherrscht, der "Wochen zuvor" angekündigt worden sei (was die Mieter bestreiten): Aufgrund des "sehr hohen Versottungsgrades" der Kamine habe eine "gesundheitliche Gefährdung" der Bewohner gedroht, nicht aber durch den Abbruch. Dem widerspricht Kaminkehrer Voigt vehement: Der Abbruch "ist mit gar nichts zu rechtfertigen".

Wie gefährlich die Demontage eines Kamins sein kann, zeigte sich vor knapp zehn Jahren bei der Sanierung eines Hauses im Glockenbachviertel: Eine Mieterin erlitt in ihrer Badewanne eine Kohlenmonoxidvergiftung und ertrank. Die Abgase des Gasdurchlauferhitzers hatten nicht mehr abziehen können.