Repair Café in Germering Das kann man noch benutzen!

Bruni Bartl (links) geht es an: Gemeinsam mit der Helferin und Stadträtin Fereschteh Erschadi-Zimmermann bekämpft sie an der Nähmaschine das Verschwendertum.

Mit Nadel und Faden, Schraubenziehern und Klebeband kämpfen Gerhard Busch und sein Team im Repair Café in Germering gegen die Wegwerf-Mentalität. Und selbst wer seinen Patienten hier nicht heilen kann, gewinnt eine wichtige Erkenntnis.

Von Carolina Torres

Manche Patienten sind so sperrig, dass die Leute sie in Kisten und Tüten heranschaffen müssen. Einen solchen Patienten hat auch Alexander Nehr dabei. Seit 45 Minuten wartet er bereits. Momentan wird Nummer zwölf behandelt, Nehr hat die Nummer 28. Doch das alte Tonbandgerät seines Vaters ist ihm die Zeit wert.

"Das Gerät stammt aus den Siebzigern", sagt der 37-Jährige Nehr. "Da sind sogar noch Aufnahmen von mir drauf, als ich ein Kind war."

Aus der Zeitung hat er von dem Repair Café erfahren, in dem kaputte Dinge repariert werden. Nehr muss zur Kleingeräte-Klinik. Obwohl er an diesem Wochenende Besuch von einem alten Freund hat, ist er von München nach Germering gekommen, den verstummten Tonband-Kasten mit den zwei großen Spulen im Gepäck. Jetzt beobachten die beiden Freunde gemeinsam das muntere Treiben und warten geduldig darauf, dass sie an der Reihe sind.

"Wir wollten etwas tun, was der Stadt zugutekommt"

Organisiert wird die Veranstaltung von Mitgliedern der Freien Evangelischen Gemeinde. Das Konzept ist simpel: Wer kaputte Elektrogeräte, Kleider, Fahrräder oder sonstiges marode Stücke zuhause hat, der kann vorbeikommen und sie gemeinsam mit einem der Experten reparieren. "Wir wollten etwas tun, was der Stadt zugutekommt", erzählt Initiator Gerhard Busch - schon war das Repair Café gegründet.

Mit dieser Aktion protestieren Busch und seine Mitstreiter gegen die Wegwerfmentalität. Schnelles Konsumieren, Entsorgen und weiter konsumieren - damit soll Schluss sein. Im Repair Café zählt der Nachhaltigkeitsgedanke: Dass die elektrische Zahnbürste ihren Dienst verweigert, kann an einem kaputten Akku liegen, der schnell ausgetauscht ist. Und auch ein abgebrochenes Stuhlbein muss nicht gleich den Sperrmüllcontainer zur Folge haben.

Die Idee kommt aus den Niederlanden, hat aber inzwischen auf der ganzen Welt Nachahmer gefunden. In Deutschland gibt es Repair Cafés in mehr als 30 Städten. In Germering selbst läuft das Projekt erst seit kurzem.

Urin für den Handy-Akku

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Im Gemeindezentrum sind die sogenannten Kliniken aufgebaut. Klinik meint in diesem Fall aneinander gereihte Holztische, ausgestattet mit Werkzeug, Spannungsmessgeräten oder Nadel und Faden, je nachdem, um welches Spezialgebiet es sich handelt. Es gibt eine Computerklinik, eine Holzklinik, sowie eine Klinik für Fahrräder, Kleider und Kleingeräte. Rund um die Tische stehen die Besucher, helfen beim reparieren, warten darauf, dass sie selbst an der Reihe sind oder schauen einfach interessiert zu. Kaputte Fernbedienungen und Mikrowellen, zerrissene Hosen und T-Shirts, zerbrochene Stühle oder durchgebrannte Laptops - für jedes Wehwehchen ist was dabei.

Brunhilde "Bruni" Bartl ist Helferin in der Kleiderklinik. Das Nähen hat sie sich selbst beigebracht, eigentlich wollte sie immer Schneiderin werden. Weil bei der Ausbildung zur Krankenschwester damals aber eine eigene Bleibe inbegriffen war, entschied sie sich für die Arbeit im Krankenhaus. Die heute 68-Jährige Rentnerin aus Germering fädelt geschickt einen Faden in die weiße Nähmaschine und beginnt eine offene Naht zu schließen. "Vorhin habe ich einem kleinen Mädchen gezeigt, wie sie ihre kaputten Strumpfhosen flicken kann", sagt sie. Am Abend vor dem Fernseher wird sie noch ein paar Bündchen für einen Pullover stricken, den eine Frau vorhin vorbeigebracht hat.

Das Repair Café funktioniert in Team-Arbeit. Die Besucher geben ihre defekten Geräte nicht einfach ab, sondern helfen mit, sie zu reparieren. Etwa 100 Besucher seien an diesem Samstag ins Repair Café gekommen, 80 davon wollten etwas reparieren lassen, doch nur 60 Stücke konnten angenommen werden. "Dieses Mal wurden wir ein wenig überrannt", sagt Busch nach der Veranstaltung.

Bislang gibt es viel zu wenig freiwillige Helfer

"Das ganze Konzept steht und fällt mit denen, die ihre Freizeit dafür opfern", sagt Busch. Bislang sind das zu wenige. Teilweise mussten die Leute eineinhalb Stunden warten. Vielen war das zu lang und sie gingen wieder.

Selbst wenn ein Gerät nicht repariert werden kann, gewinnen viele dadurch trotzdem eine wichtige Erkenntnis: "Das bedeutet dann, dass sie die Sachen jetzt beruhigt wegwerfen können", sagt Busch.

Erstaunlich ist die Hilfsbereitschaft, die sich hier zeigt: Eine Besucherin erkundigt sich, ob sie fürs nächste Mal einen Kuchen für die Verpflegung der Besucher beisteuern dürfe, eine andere spendet für die Kleiderklinik Knöpfe, Fäden, Reisverschlüsse und allerlei anderer Nähutensilien.

Für Nehr hat der Besuch sich gelohnt. Sein Tonbandgerät benötigte lediglich ein paar Ersatzsicherungen, dann sollte es wieder spielen können. Entweder er kommt noch einmal zum nächsten Repair Café nach Germering - oder er schafft es nach erster Anleitung jetzt auch alleine.

Das Repair Café wird 2014 jeden letzten Samstag im Monat stattfinden.