Psychiatrie Die dunkle Seite der Seele

Margot Albus ist Psychiaterin aus Leidenschaft, war zuletzt aber vor allem als Managerin eines riesigen Klinik-Verbundes tätig.

(Foto: Robert Haas)

Margot Albus leitet das Isar-Amper-Klinikum in Haar, eines der größten psychiatrischen Krankenhäuser der Republik. Vieles hat sich im Umgang mit Patienten verändert. Und gerade jetzt, wo erneut ein Richtungswechsel ansteht, geht die energische Direktorin in den Ruhestand

Von Stephan Handel

Diagnostik und Therapie der Sexsucht" ist der Zeitungsausriss überschrieben, der wie aus Versehen auf dem Tisch liegt, und tatsächlich ist das wohl eher zufällig. "Ein Verhau", seufzt Margot Albus: Ihr Büro sieht so aus, wie ein Büro eben aussieht, wenn darin mehr gearbeitet als aufgeräumt wird. In diesem Büro geht es um die Abgründe des Menschen, darum, was mit ihm geschieht, wenn ihm sein Geist abhanden kommt oder er die Kontrolle darüber verloren hat.

Margot Albus ist die Ärztliche Direktorin des Isar-Amper-Klinikums, das früher das Bezirksklinikum war, noch früher das Nervenkrankenhaus und ganz zu Beginn die Oberbayerische Kreisirrenanstalt. Seit mehr als 100 Jahren wird in Haar Psychiatrie betrieben - die letzten neun davon unter Leitung von Margot Albus. Mit insgesamt fast 1700 Betten an mehreren Standorten ist es eines der größten psychiatrischen Kliniken der Republik. Wenn Albus heuer im Sommer in den Ruhestand geht, dann wird sie rückblickend sagen können: Die langweiligsten waren es nicht in der Geschichte des Klinikums.

Beweise dafür sieht Albus, wenn sie nur aus dem Fenster ihres Büros schaut. Richtet sie ihren Blick aus dem Erker, wo auch ihr Schreibtisch steht, dann sieht sie den früheren Haupteingang. Er ähnelt einem Grenzübergang, nicht nur wegen der Schranke. Dass der Schlagbaum nun nach oben steht, dass unterhalb der Dachtraufe ein "Jugendstilpark" beworben wird von einer Immobilienfirma - das sagt etwas aus über die Entwicklung des Klinikums und der Gemeinde Haar. Und über die Entwicklung der Psychologie sowieso.

Gut die Hälfte seiner Fläche hat das Klinikum aufgegeben in den vergangenen Jahren, und wo heute noch Patienten versorgt werden, da wacht kein Schlagbaum mehr darüber, dass niemand abhaut. Die Straßen, die über das Klinikgelände führen, sind heute öffentlich, niemand muss mehr einen Ausweis herzeigen oder sein Begehr nennen. Diese Entwicklung und schrittweise Öffnung hat Margot Albus ihr ganzes berufliches Leben begleitet. 1971 begann sie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Psychiatrie zu studieren, schloss ein Studium der Humanmedizin an der Technischen Universität an und schrieb ihre Diplomarbeit über "Spezifität physiologischer Parameter in experimentellen Stresssituationen", auf deutsch: was im Körper geschieht, wenn der Mensch Stress bekommt. "Ich hatte schon immer mehr einen naturwissenschaftlichen Zugang", sagt Albus.

Die Krankheitsbilder der Seele haben sie von Anfang fasziniert. "Schließlich haben Manien oft auch etwas sehr Kreatives, geradezu Geniales, was Künstler wie Dalí bewiesen." Um ein guter Psychiater zu sein, müsse man "eine Sensibilität für die dunkle, für die verrückte Seite haben", sagte sie einmal. Das Wichtigste sei, dass "die Chemie" zwischen Arzt und Patient stimme, nur so entwickle er Vertrauen und nehme Therapie-Vorschläge an.

1989 kam Albus ans Klinikum nach Haar, 1993 wurde sie Chefärztin. Seit 20 Jahren hat sie auch eine Professur für Psychiatrie an der LMU. Wer so mit der Wissenschaft und dem Arztberuf verbunden ist, müsste es eigentlich bedauern, gerade jetzt in den Ruhestand zu gehen: Seit Jahrzehnten versuchen Forscher dahinterzukommen, was im Gehirn passiert, wenn es das ereilt, was früher "Geisteskrankheit" hieß. Nun stehen ihnen ganz neue Methoden zur Verfügung: So untersuchen sie gerade, ob frühkindliche Traumata zu physiologischen, gar genetischen Veränderungen führen, die es wahrscheinlicher machen, dass ein Mensch später einmal zum Beispiel an einer Depression erkrankt.

Das ist die eine Seite der Entwicklung, weg vom Glauben an Dämonen. Die andere Seite ist: Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen hat zwar zu einer höheren Akzeptanz geführt. Zum Therapeuten zu gehen, den womöglich psychischen Gründen somatischer Erkrankungen nachzuspüren sowie den Deformationen aus der Kindheit, ist schon längst kein Makel mehr. Zu Margot Albus' Bedauern aber finden solche Erkrankungen - so sie denn welche sind - selten den Weg in die Psychiatrie, wo sie ihrer Meinung nach hingehören. Sondern zu Behandlern mit gelegentlich zweifelhafter Qualifikation, die bestenfalls nicht noch mehr Schaden anrichten.

Für die Psychiatrie bleiben so nur noch die schweren Erkrankungen, die harten Fälle, die dem Fach dann ein - neues - schlechtes Image verpassen: "Die Psychiater sind die, die sich nur mit wilden, tobenden Patienten beschäftigen müssen", sagt Margot Albus, was einerseits nicht stimmt, andererseits aber die Ärztliche Direktorin vor andere, größere Probleme stellt: "Unter den Studenten will kaum noch jemand in die Psychiatrie gehen." Ein medizinisches Fach, das auf der Forschungsseite gerade große Fortschritte erlebt, das aber in den Augen der Gesellschaft nicht als das attraktivste gilt - naturgemäß gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, wie dieser Krise der Psychiatrie begegnet werden kann.

Hier kommt nun Margot Albus' Nachfolger ins Spiel, den der Klinikverbund des Bezirks Oberbayern (kbo) in der vergangenen Woche bekanntgegeben hat. In der Pressemitteilung wird Geschäftsführer Jörg Hemmersbach zitiert, das Klinikum werde "in den kommenden Jahren die Dezentralisierung und Regionalisierung der Psychiatrie konsequent fortsetzen". Margot Albus könnte das ohne weiteres als Spitze gegen ihre Person empfinden.

Zwar wurden in ihrer Zeit als Ärztliche Direktorin tatsächlich dezentrale Einrichtungen abseits von Haar geschaffen oder sind zumindest geplant, so in Dachau oder Fürstenfeldbruck und als Untermieter im Städtischen Klinikum Schwabing. Albus selbst hat aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie nicht viel davon hält, viele kleine Kliniken zu schaffen statt einer großen - die Vertreter dieser Richtung bezeichnet sie als "Sozialromantiker". Namentlich meint sie damit Michael von Cranach, der Chef des Klinikums Kaufbeuren war und dort konsequent die Politik der Dezentralisierung betrieb. Peter Brieger wiederum, der gegen Ende des Jahres Albus' Nachfolge in Haar antritt, ist derzeit Chef des Bezirkskrankenhauses Kempten.

Eine Vorgängerin wird über ihren Nachfolger nichts Schlechtes sagen, das gebietet schon die akademische Höflichkeit. Also kommt es auf die Zwischentöne an. Margot Albus sagt über Peter Brieger, sie halte ihn für "sicher gut geeignet", er werde gewiss "andere Akzente setzen". Begeisterung klingt anders, zumal sie dann noch nachschiebt, wie sehr sie es bedaure, dass die "gute Tradition", den Chef für Haar aus dem psychiatrischen Personal der Nussbaumstraße, also des LMU-Klinikums auszusuchen, nicht fortgesetzt wurde.

Der Bezirkstag von Oberbayern, Träger des Klinikums, hat allerdings seit langem schon die Dezentralisierung zum Programm erhoben. Und so sagt Gerhard Wimmer, für die SPD in dem Gremium und im Verwaltungsrat der kbo, es hätte "einiges schneller gehen können". Von Brieger erwarte man sich jetzt, dass er die Regionalisierung und die Hinwendung zu kleineren Einheiten "mehr in den Vordergrund" stelle, das sei auch ein Grund für die Berufung gewesen, was aber natürlich nicht als Kritik an der Arbeit von Frau Professor Albus verstanden werden solle.

Die sitzt in ihrem herrlich vollgearbeiteten Büro mit Blick auf das, was Haar war und ist, und sagt dann, sie halte nichts davon, alles in kleine Einheiten zu verlagern, schon aus ökonomischen Gründen: "Unter 110 Betten ist eine solche Sektorklinik nicht rentabel zu betreiben." Zudem sei es notwendig, schwierige und aufwendige Therapien für die schwersten Erkrankungen zur Verfügung zu stellen, was aber nicht an jeder Filiale möglich sei. "Ich bin auch für Dezentralisierung, aber gegen Einheitsbrei." Und dann gestattet sie sich doch noch eine letzte Spitze gegen ihre schwäbischen Widersacher: "Dass sich die Psychiatrie auch noch um den Wellensittich der Patientin kümmert - das geht vielleicht im idyllischen Memmingen, aber nicht in einer Großstadt."