Prävention Was die Bahn gegen Terroranschläge tun kann

Nüchtern betrachtet, ist auch die Gefahr von Anschlägen auf Bahnhöfe und Züge nichts anderes als ein komplexes System.

(Foto: Stephan Rumpf)

Stefan Pickl analysiert an der Universität der Bundeswehr in München Attentate auf Züge und Bahnhöfe aus den vergangenen 20 Jahren - und sucht nach Präventionsmöglichkeiten.

Von Jakob Wetzel

Eine Terrordrohung gegen Münchens Hauptbahnhof? Dass ausgerechnet hier an Silvester die große Angst ausbrechen würde, konnte Stefan Pickl natürlich nicht vorhersagen. Aber dass es einen großen Bahnhof trifft, das hat ihn nicht unbedingt überrascht. Er will keine Angst schüren, aber ein Bahnhof ist ein ebenso empfindlicher wie unübersichtlicher Ort: in diesem Fall ein Verkehrsknotenpunkt, der nicht nur für München, sondern auch für den Fernverkehr wichtig ist, an dem Tag für Tag Hunderttausende Menschen kreuz und quer durcheinanderlaufen - und der noch dazu schwer zu bewachen ist.

Reisende kommen und gehen, Zugangskontrollen gibt es keine, Personenkontrollen kaum, bei derart vielen Menschen geht es gar nicht anders. Doch das alles macht Bahnhöfe für Pickl erst recht interessant.

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Worum es bei Pickls Arbeit geht

Der 48-Jährige ist Professor für "Operations Research" an der Universität der Bundeswehr München. Das heißt, vereinfacht gesagt: Er versucht, komplexe Systeme berechenbar zu machen, ohne sie dabei zu vereinfachen. Und wenn man sie nüchtern betrachtet, dann sind auch Terrordrohungen, dann ist auch die Gefahr von Anschlägen auf Bahnhöfe und Züge nichts anderes als ein komplexes System.

Pickl koordiniert das Projekt "Rikov" - das Kurzwort steht für den sperrigen Titel "Risiken und Kosten der terroristischen Bedrohungen des schienengebundenen öffentlichen Personenverkehrs". Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt. Neben Pickl und seinem Team forschen daran auch die Technische Hochschule Köln, das Karlsruher Institut für Technologie und der Konzern EADS.

Seit gut drei Jahren analysieren sie Terroranschläge aus den vergangenen beiden Jahrzehnten, suchen nach wiederkehrenden Mustern - und nach Abhilfe. In Teilen gleicht die Forschung einem Rollenspiel: Die Wissenschaftler nehmen die Perspektive von Terroristen ein, sie spielen mögliche Angriffe durch und überlegen dann, wie sich diese verhindern ließen. Und sie fragen, wie ein System wie der Bahnverkehr beschaffen sein muss, damit es sich nach einem Anschlag möglichst gut aufrechterhalten lässt.

Was das Ziel von "Rikov" ist

Ziel ist ein Gesamtmodell, das sich auch wirtschaftlich rechnen soll: Mit ihm soll etwa die Bahn nicht nur die tatsächliche Gefahr berechnen, sondern auch Anschlägen vorbeugen und die eigene Anfälligkeit mindern können - und im Ernstfall soll ihr das Modell als Entscheidungshilfe dienen. Um die Ideen zu erproben, kooperieren die Forscher unter anderem mit Bahn und Bundespolizei sowie mit den Kölner Verkehrs-Betrieben und der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG.

Für ein Folgeprojekt ist bereits eine Kooperation mit der französischen Staatsbahn vereinbart, also eine Weiterentwicklung im Netz des TGV. Die Projektpartner sind eng in die Forschung eingebunden. "Sie geben uns Daten, wir machen Lösungsvorschläge und lassen diese wiederum von ihnen bewerten", sagt Pickl. Die ersten Erkenntnisse seien "auf dem Weg in den Praxistest".

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