Personalmangel in Bayern Der Bahn gehen die Lokführer aus

Die Personaldecke wird immer dünner: Die Bahn braucht Lokführer.

(Foto: dpa)

Kündigungen und Krankmeldungen bringen die Fahrpläne der Bahn immer wieder durcheinander: Die Bahn braucht dringend Lokführer. In den Stellwerken fehlen Dutzende Fahrdienstleiter - und das vorhandene Personal schiebt einen Berg an Überstunden vor sich her.

Von Marco Völklein

Im zweiten Absatz ist der Brief eindeutig: "Immer mal wieder haben wir das Problem, dass wir in Bayern an ganz verschiedenen Orten unseren Bedarf an Triebfahrzeugführern temporär nicht decken können", schreibt der Regionalleiter Personal der bayerischen Bahn-Tochter DB Regio an die Lokführer im Konzern. Und wird dann konkret: "Wenn Sie sich vorstellen können, innerhalb Bayerns für einen befristeten Zeitraum . . . an einem anderen Ort . . . auszuhelfen", dann solle man sich doch bei ihm melden. "Familienheimfahrten" würden dann bezahlt.

Das Schreiben zeigt: Die Bahn braucht dringend Lokführer. Aber auch bei Werkstattmitarbeitern und Fahrdienstleitern in den Stellwerken wird die Personaldecke immer dünner, berichten Gewerkschaftsvertreter. Selbst Bayerns Verkehrsminister Martin Zeil (FDP) warnt: "Die Bahnbranche kann ihr Potenzial nur entfalten, wenn sie ausreichend qualifizierte Fachkräfte vorfindet und sie an sich bindet." Genau das aber gelingt ihr derzeit nicht so richtig.

Nach Angaben der Lokführer-Gewerkschaft GDL fehlen bayernweit mindestens 200 Lokführer - nicht nur bei der Deutschen Bahn, sondern auch bei deren Konkurrenten, betont Bayerns GDL-Chef Uwe Böhm: "Das ist ein Problem, dass alle Bahnen trifft." Im Freistaat bedienen beispielsweise mit Veolia in Oberbayern und Schwaben, mit Agilis in Regensburg oder der Erfurter Bahn in Franken zahlreiche Wettbewerber der Deutschen Bahn weitere Strecken. Unter anderem weil im Freistaat auf der Schiene so viele Firmen miteinander rangeln, habe man den Brief verschickt, erklärt ein Bahnsprecher.

Rund um Rosenheim etwa übernimmt der Bahnkonkurrent Veolia von Dezember 2013 an viele Strecken. Zahlreiche Lokführer werden dann zu Veolia wechseln - und vorher noch Überstunden oder Urlaub abfeiern, erwartet die Bahn. "Wir müssen aber bis Mitte Dezember den Betrieb aufrechterhalten", sagt der Bahnsprecher. Um solche "Bedarfsspitzen" abzufedern, würden nun konzernintern Aushilfen gesucht; dies werde aber "natürlich nicht zu Engpässen im eigenen Betrieb führen". Die derzeitige Personalsituation lasse genügend "Spielraum für solche Verschiebungen".

Genau das bezweifeln Gewerkschafter: Schon jetzt schiebe jeder Lokführer im Freistaat im Schnitt 150 Überstunden vor sich her, sagt Böhm. Und: "Immer wieder" fielen einzelne Züge aus, weil Lokführer fehlten. Konkrete Zahlen nennt er nicht. Zuletzt hatte die S-Bahn im Frühjahr einen Lokführermangel eingeräumt - damals hatten Kündigungen und Krankmeldungen für Zugausfälle gesorgt. Mittlerweile aber, so der Sprecher, bilde man neue Kräfte aus und setze erste Absolventen bereits ein. Zugausfälle seien auf Notarzteinsätze oder technische Probleme, aber "nicht auf Lokführer-Engpässe zurückzuführen".

Allerdings tun sich auch anderswo Löcher auf: So sollen nach SZ-Informationen in der Betriebszentrale an der Donnersbergerbrücke, von wo aus die Bahn unter anderem den Betrieb im S-Bahn-Tunnel steuert, derzeit 17 Fahrdienstleiterposten vakant sein. Ähnlich sieht es in den Stellwerken an Ost- und Hauptbahnhof aus, wo die Weichen und Signale noch nicht aus der Zentrale an der Donnersbergerbrücke heraus gesteuert werden. Mitarbeiter berichten, dass Fahrdienstleiter mitunter mehr als 70 Stunden in einem Sieben-Tage-Zeitraum absolvieren müssen. Zulässig seien aber nur 60 Stunden.

Von "Arbeitszeitverstößen im sicherheitsrelevanten Bereich" spricht denn auch Paul Eichinger von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG - sicherheitsrelevant deshalb, weil auch beim erfahrendsten Mitarbeiter irgendwann die Konzentration nachlässt. Die Bahn entgegnet, "grundsätzlich" fänden "die tariflich vereinbarten Regelungen Anwendung". Ausnahmen seien in "Spitzenzeiten" oder bei Krankheit möglich, derzeit seien aber "nur zwei solcher Ausnahmesituationen bekannt". Zudem steuere der Konzern "durch verstärkte Ausbildung und Einstellungen entgegen".

GDL-Mann Böhm wie auch EVG-Vertreter Eichinger erwarten, dass sich die Personalsituation bei der Bahn weiter verschärft. "Wir stecken voll in der Demografiefalle", sagt Böhm. Viele Bahner sind bereits in den 50ern oder 60ern - und hören in einigen Jahren auf. Bahn-Chef Rüdiger Grube will deshalb den Konzern unter den "Top-Arbeitgebern" platzieren und so Fachkräfte an sein Haus binden. Unterstützt wird er von Minister Zeil, der im Frühjahr eine Internetplattform starten will, auf der bayerische Bahnbetreiber gemeinsam Nachwuchs gewinnen sollen.

Im teuren München werde dies aber ohne entsprechende Bezahlung nicht gelingen, sagt EVG-Mann Eichinger. Und Argumente wie "billige Eisenbahnerwohnungen" könne man nicht mehr anführen. Denn die habe der Konzern vor Jahren verkauft.