Parteitag der Münchner Piraten "Ohne Strom sind wir nichts"

Der Parteitag der Münchner Piraten wählt Holger van Lengerich mit großer Mehrheit zum Vorsitzenden. Doch es bleiben Fragen: Was will die Partei in der Stadt überhaupt erreichen? Und setzen sich "Vollies" oder "Kernies" durch?

Von Dominik Hutter

Irgendwann ist immer das erste Mal. Und manchmal sogar für ganz viele gleichzeitig. Parteitag. So etwas gibt es sogar bei den Piraten - und verloren sich bei der Vorstandswahl vor einem Jahr noch 16 Leute im Giesinger Bahnhof, waren diesmal 80 wahlberechtigte Parteimitglieder ins Theaterzelt "Das Schloss" gekommen. Mitglieder wohlgemerkt, keine Delegierten - so viel Piratentum muss schon sein.

Ganz entspannt im Theaterzelt "Das Schloss": Holger van Lengerich am Sonntag nach der Wahl.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und um noch ein paar Klischees zu bedienen: Es herrschte Riesenandrang in den Tischreihen eins und zwei, weil nur dort Steckdosen für Laptops vorhanden waren. "Ohne Strom sind wir nichts", sinnierte ein verzweifelt nach Energie suchender Pirat. "Dann sind wir offline." Tatsächlich glühten die Rechner nonstop. Was durchaus hilfreich war: Denn das Ergebnis der Vorstandswahl war schon im Netz zu finden, als es im Saal noch nicht verkündet war.

Wo etwas zum ersten Mal gemacht wird, klappt nicht immer alles so, wie es sollte. So musste im ersten Wahlgang auf Wahlzettel zwei zurückgegriffen werden, weil irgendjemand Nummer eins schon bekritzelt und damit ungültig gemacht hatte.

Mal wurde über eine Änderung der Geschäftsordnung abgestimmt, die kaum jemand im Detail kannte und die der Antragsteller auch nicht erklären konnte. Und mal stimmte die Versammlung für eine sofortige Entlastung des Vorstands, obwohl die Kassenprüfer davon abgeraten hatten - für eine seriöse Finanzprüfung hatten wichtige Unterlagen aus dem Jahr 2011 gefehlt.

Egal. Bei Deutschlands digitalen Polit-Aufsteigern gehört Hemdsärmeligkeit quasi zum Programm. Dazu kommt ein Dankbarkeitsgefühl für den engagierten Ober-Piraten Holger van Lengerich, der es nicht immer leicht hat mit seinem Chaos-Trupp. Der Mitarbeiter einer Telekommunikationsfirma, der 2011 im erfolgreichen Berliner Wahlkampf mitgemischt hatte, wurde denn auch mit überwältigender Mehrheit als Kreisvorsitzender wiedergewählt.

Was wohl jedermann im Saal erwartet hatte. Denn seine zwei Gegenkandidaten konnten in ihren ziemlich kurzen Bewerbungsreden nicht wirklich erklären, warum sie Chef anstelle des Chefs werden wollen. Arnold Schiller gab lieber zu erkennen, dass er eigentlich Holger-Fan ist.

Und Michele Moser sprach vor allem über die eigene Lust, sich zu engagieren. Politische Inhalte, bei den Etablierten unverzichtbarer Bestandteil jeder Parteitagsrede, spielten bei dieser Vorstandswahl keine Rolle.

Da ist es wieder, das leidige Piraten-Problem: Es gibt abseits der klassischen Internet-Themen kein richtiges Programm. Das soll bis zu den Wahlen 2013/14 anders werden. Allerdings existieren zwei Strömungen: die "Kernies", die nur auf ein Rumpf-Programm setzen, eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner neben dem großen Internet-Komplex. Und die "Vollies", die den Piraten ein klassisches Parteiprogramm für alle Lebenslagen verordnen wollen. Trotz der zahlreichen Arbeitsgruppen ist es noch immer nebulös, in welche Richtung die Piraten eigentlich wollen.

Es ist nun an van Lengerich sowie seinen frisch gewählten Stellvertreterinnen Rebecca Wißner und Nadine Englhart, die Piraten in eine turbulente Phase zu führen. Es gilt, Landtags-, Bezirkstags-, Bundestags-, Stadtrats- und Bezirksausschusswahlen vorzubereiten. Dafür muss man genügend Kandidaten zu finden. Und Unterschriften für die Teilnahme an Landtags- und Kommunalwahl sammeln.

Einfach wird das nicht, bei den Piraten ist vieles auf Kante genäht. Die Finanzen zum Beispiel: Exakt 7838 Euro und 82 Cent hat der Kreisverband aktuell auf dem Konto. Nicht viel für die Wahlkämpfe, zumal noch die angemietete Geschäftsstelle in der Schopenhauerstraße finanziert werden muss. Der Schatzmeister weiß nicht einmal, wie viele Mitgliederbeiträge er noch erwarten kann. 1308 Piraten gibt es inzwischen in München, und viele davon zahlen gar nichts in die Parteikasse ein. Weil sie nicht müssen.