Oktoberfest Wiesn-Schausteller fürchten um ihre Existenz

Manches Fahrgeschäft könnte heuer fehlen, weil eine immer noch nicht umgesetzte EU-Norm die Sicherheitsprüfungen teurer macht.

(Foto: Robert Haas)
  • Viele Betreiber der Wiesn-Fahrgeschäfte fürchten um ihre Existenz.
  • Durch eine EU-Norm könnten Sicherheitsprüfungen häufiger anfallen.
  • Mit ihnen sind immense Kosten verbunden.
Von Franz Kotteder

Wird es heuer manche Fahrgeschäfte gar nicht mehr auf der Wiesn geben? Oder werden sie zumindest deutlich teurer? Seltsame Fragen, denn eigentlich müsste sich das größte Volksfest der Welt doch besonders rentieren. Ob Achter- oder Geisterbahn, ob Kinder- oder Kettenkarussell, ob Free Fall oder Wilde Maus: Tatsächlich sehen sich viele Schausteller derzeit in ihrer Existenz bedroht.

Und das liegt an der EU-Norm 13814 - zusammen mit dem faktischen Monopol, das die Stadt dem TÜV Süd zugesteht bei der Überprüfung von Fahrgeschäften auf dem Oktoberfest. Denn weil es in Deutschland bislang noch keine einheitliche gesetzliche Regelung für die Anwendung der EU-Norm gibt, können die Prüfstellen momentan viel mehr Prüfungen ansetzen als bisher. Je nach Größe des Fahrgeschäfts kann das bis zu 120 000 Euro kosten. Das klingt, als wäre es eine Gelddruckmaschine.

Wovor die Schausteller Angst haben

Bislang waren solche Sonderprüfungen bei großen Fahrgeschäften nur alle zwölf Jahre erforderlich, bei kleineren alle vier bis sechs Jahre. Derzeit aber können sie sogar jährlich verlangt werden - wenn die Prüfstelle das für nötig hält. Im schlimmsten Fall drohen also im gleichen Zeitraum die zwölffachen Kosten. "Wenn der TÜV will", sagt ein Schausteller, "dann lässt er mich jedes Jahr die gesamte Anlage zerlegen, per Sandstrahl abschleifen und jede einzelne Schraube vorzeigen. Die Kosten dafür sind natürlich immens."

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Genau das könnte für die Fahrgeschäfte in Bayern nun zum Problem werden. Denn hier ist das Oktoberfest das Maß aller Dinge, hier gelten strenge Sicherheitsvorschriften für sogenannte Fliegende Bauten. Das ist der Fachbegriff für Zelte, Marktstände und Fahrgeschäfte, die nicht an einem festen Ort installiert sind. Sie werden auf der Wiesn nach dem Aufstellen jedes Jahr überprüft und formal von der Lokalbaukommission der Stadt abgenommen. Die Überprüfung selbst hat die Stadt schon in den Sechzigerjahren dem Technischen Überwachungsverein übertragen - damals gab es noch keine anderen Prüfungsinstitutionen.

Und so kam der TÜV Süd zu dem lukrativen Geschäft, als sogenannter beliehener Unternehmer hoheitliche Aufgaben wahrzunehmen, sprich: Änderungen in Genehmigungen einzutragen und diese regelmäßig zu verlängern. Zugleich übernahm er die gesamte technische Prüfung in den zwei Wochen vor Wiesn-Beginn. Laut TÜV Süd sind etwa 20 Sachverständige auf der Theresienwiese im Einsatz - Ingenieure der Disziplinen Bautechnik, Maschinenbau und Elektrotechnik. Dessen Sprecher Thomas Oberst behauptet: "Es gibt kein Monopol - und auch kein Quasi-Monopol - für die Abnahme beziehungsweise Prüfung von Fahrgeschäften."

Warum der TÜV Süd so mächtig ist

Das ist insofern richtig, als es tatsächlich noch andere Prüfstellen gibt. Nur: Für die Genehmigung muss der Schausteller wegen der städtischen Regelung dann doch wieder zum TÜV Süd, und der setzt eigene Prüfungen an, wie er es für richtig hält. Mit neuerlichen Gebühren. Denn letztlich muss er ja für die Sicherheit geradestehen. Und natürlich wird kein Schausteller bei zwei verschiedenen Anbietern zahlen, wenn ihm nur einer was nützt.

175 Schausteller gab es im vergangenen Jahr auf der Wiesn. Heuer werden es etwas weniger sein, weil wegen des Zentrallandwirtschaftsfests 8,5 Hektar weniger Platz auf der Theresienwiese ist, nämlich nur 26 Hektar. Statt 606 sogenannte "Beschicker" sind es diesmal nur rund 550. Um einen Platz bewerben sich jedes Jahr 1350 Betriebe, zugelassen wurden 2015 neben den Schaustellern 271 Marktstände, 144 Gastro-Betriebe und 16 Service-Einrichtungen.

Als die Stadt einst den TÜV als "beliehenen Unternehmer" einsetzte, hatte der noch keine Konkurrenz und war so etwas wie eine bundesrepublikanische Instanz. Heute ist der TÜV Süd eine weltweit tätige Aktiengesellschaft mit zwei Milliarden Euro Jahresumsatz und 22 000 Angestellten.

Eine ganz normale Firma wie ihre Mitbewerber auch. Nur eben die größte der Branche. Die Zusammenarbeit mit ihm ist für viele Schausteller Fluch und Segen zugleich. Sie wissen, wie wichtig hohe Sicherheitsstandards für ihre Kunden sind, zugleich aber sind die Prüfungen sehr teuer. Der TÜV erklärt, es gebe einheitliche Gebührenordnungen, an die auch er sich halten müsse. Freilich gilt: Je mehr Prüfungen, desto mehr Gebühren.