Debatte über Umgang mit Obdachlosen Rausgeworfen, ausgenommen, ausgetrickst

Barbara Kernberger hat nicht bemerkt, ob sie gefilmt wurde.

Ein vermeintlich Obdachloser wird aus einem Münchner Lokal geschmissen, der Kellner nimmt ihm sogar 20 Euro ab: Das bringt eine Rentnerin in Rage. Sie schreibt Leserbriefe, macht das Lokal bei ihren Bekannten runter, denkt darüber nach, zur Polizei zu gehen. Bis sie die Wahrheit erfährt.

Von Antonie Rietzschel

Fast wäre sie zur Polizei gegangen. So sehr hat sich Barbara Kernberger geärgert: Mit einer Bekannten und deren Kind will die 63-Jährige nach einem längeren Spaziergang einen Cappuccino trinken gehen. Sie setzen sich in eines der Restaurants in der Isarvorstadt. Nicht weit von der Wohnung der Rentnerin entfernt.

Plötzlich kommt eine Frau mit einem Mann herein. Sie forderte ihn auf, an einem der Tische Platz zu nehmen, drückt ihm 20 Euro in die Hand und geht mit den Worten, er solle sich was Schönes zum Essen aussuchen und es genießen. "Ich habe noch zu meiner Freundin gesagt, das ist bestimmt ein Obdachloser, und ich würde es genauso wie die Frau machen", sagt Kernberger.

Doch plötzlich fordert der Kellner den Mann auf das Lokal zu verlassen, da man ihn nicht den Gästen zumuten könne. "Ich habe dazwischen geplärrt, ich hätte kein Problem damit. Aber der Kellner hat gar nicht reagiert", sagt die Rentnerin. Und dann passiert etwas, das sie fassungslos macht: Bevor der Obdachlose das Lokal verlässt, nimmt der Kellner ihm die 20 Euro ab. "Ich habe geschrien, er soll dem Mann sein Geld wiedergeben. Das hat aber auch nichts genutzt."

Barbara Kernberger glaubt, der Kellner habe Anweisungen von der Geschäftsführung erhalten. Schnell verlässt sie das Lokal und beschließt, nie wieder zu kommen. Sie schreibt eine wütende Mail an den Lokalteil der Süddeutschen Zeitung mit der Bitte, der Geschichte nachzugehen. Und tatsächlich hört sich ihre Schilderung recht krass an.

Nachforschungen ergeben: Der Kellner hat tatsächlich Instruktionen bekommen, wie er mit der Situation umzugehen hat. Doch die kommen nicht von der Geschäftsführung des Restaurants, sondern stehen in einem Drehbuch. Der Kellner ist eigentlich Schauspieler, genauso wie der Obdachlose und die Frau, die ihm 20 Euro für ein Essen in die Hand gedrückt hat. Mit versteckter Kamera wurde die Szene aufgenommen. Es ist ein Experiment für eine TV-Serie. Die Schauspieler sollten testen, wie die unbeteiligten Gäste auf die Diskriminierung des Obdachlosen reagieren. Greifen sie ein? Oder bleiben sie still sitzen?

"Ach Gott"

Im Fall von Barbara Kernberger ist die Sache klar: "Sie hat richtig reagiert. Genau dieses Verhalten wollten wir provozieren", sagt ein Sprecher der Produktionsfirma, die den Dreh organisiert hat. Ob die Münchnerin demnächst im Fernsehen als leuchtendes Vorbild für Zivilcourage auftaucht, hängt jedoch davon ab, ob die versteckte Kamera sie im Fokus hatte. Warum sie nichts über das TV-Experiment wusste, erklärt der Produktionsleiter damit, dass sie so plötzlich verschwunden sei. Man habe sie nicht mehr aufklären können.

Als Barbara Kernberger schließlich davon erfährt, muss sie laut lachen. Als schüttle sie damit eine große Last von ihren Schultern ab. "Ich fand das so schlimm mit anzusehen", sagt sie. Schlecht sei es ihr gegangen. Dann stutzt Kernberger. "Ach Gott." Ihr ist eingefallen, dass sie das Lokal in den vergangenen Stunden bei Freunden und Bekannten schlecht gemacht hat.

"Gerade erst habe ich meinem Physiotherapeuten die Geschichte erzählt, und der meinte gleich: Da gehe ich nicht mehr hin." Für den heutigen Tag hatte sie sich außerdem fest vorgenommen, den Geschäftsführer zur Rede zu stellen. Und zur Polizei wollte sie auch noch gehen. "Zum Glück hab ich das nicht gemacht", sagt Kernberger.