OB Christian Ude "Die Olympia-Bewerbung ist nicht vom Tisch"

Christian Ude bezeichnet sich als glühenden Verfechter der Olympischen Spiele. Dennoch hält der Oberbürgermeister die Münchner Chancen auf Winterspiele 2022 für "suboptimal" - verwahrt sich aber gegen den Vorwurf, die politische Auseinandersetzung zu scheuen.

Interview: Michael Ruhland

SZ: Herr Ude, bis vor einem halben Jahr waren Sie ein glühender Verfechter Olympischer Winterspiele in München. Davon scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Warum eigentlich?

Christian Ude: Moment mal! Ich war und bin ein glühender Verfechter der Bewerbung 2018, die leider nicht zum Zuge gekommen ist. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die Münchner Bewerbung so viel Anklang in der Olympischen Familie gefunden hat, dass sie bei den nächsten Entscheidungen auf jeden Fall berücksichtigt werden muss. Die Frage ist nur: Was ist der richtige Zeitpunkt?

SZ: München könnte doch jetzt nahtlos an das Konzept für 2018 anknüpfen, das ja von den Olympia-Funktionären durchaus gelobt wurde. Warum sollte 2022 nicht der richtige Zeitpunkt sein?

Ude: 2022 drängt sich nicht gerade auf, weil es offensichtlich mehrere europäische Bewerbungen geben wird, so dass die Wintersportnationen Europas ihre Stimmen abermals splitten. Und es ist ein politisch nicht gerade optimaler Zeitpunkt, weil die Bewerbung mitten in den Wahlkämpfen auf Landes- und Kommunalebene vorangetrieben werden müsste, was zeitlich und organisatorisch schwer zu bewältigen ist. Auch die Konkurrenzverhältnisse schlagen in Wahlkämpfen doch stärker durch als zu Beginn oder in der Mitte einer Amtsperiode.

SZ: Ist es nicht eher so, dass Sie im Wahlkampf neben der dritten Startbahn keine zweite offene Flanke haben wollen?

Ude: Damit hat meine Haltung überhaupt nichts zu tun, weil ich eine Auseinandersetzung um die Bewerbung, wenn sie aussichtsreich wäre und vom Olympischen Sportbund wieder einstimmig vorgeschlagen würde, überhaupt nicht scheuen würde. Ich bin mir einer Dreiviertelmehrheit in München ganz sicher, in Garmisch hätten wir wieder knapp 60 Prozent und in Berchtesgaden sicher über 90Prozent. Die Entscheidung kommt ja auch nicht von mir, sondern vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

SZ: Sie haben sich am Freitag erleichtert gezeigt, dass der DOSB München für 2022 von einer Kandidatur abrät. Also doch deswegen, weil Sie sich so politischen Ärger vom Hals halten können?

Ude: Nochmals: Ich scheue die politische Auseinandersetzung überhaupt nicht, weil ich der Meinung bin, dass die Garmischer Grundstücksbesitzer ihre Möglichkeiten ausgereizt haben und die Mehrheitsverhältnisse in Garmisch bekannt sind. Die Politik gibt also den geringsten Anlass zu zögerlichem Vorgehen.

SZ: Was ist es dann?

Ude: Die internationale Wettbewerbslage ist nicht günstig, und es ist der DOSB, der noch keine Einigkeit von Winter- und Sommersportverbänden hat, wie es für die Bewerbung 2018 der Fall war. Ich wünsche den Verfechtern von Sommerspielen in Deutschland ein gründliches Studium der Wettbewerbslage.

SZ: Sie halten Sommerspiele in Deutschland für wenig aussichtsreich?

Ude: Beim Wintersport hat man es nur mit der nördlichen Hemisphäre als Wettbewerber zu tun, im Sommersport mit sämtlichen Erdteilen und damit mit sämtlichen Metropolen.

SZ: Dennoch hat München als Wintersport-Bewerber im Juli in Durban eine verheerende Niederlage erlitten, die selbst Skeptiker in dieser Deutlichkeit nicht erwartet hatten. Wirkt das Trauma nach?

Ude: Wir haben tatsächlich die Beobachtung gemacht, dass geopolitische und marktstrategische Fragen eine größere Rolle spielen als die Ressourcenschonung oder die Nachhaltigkeit. Deshalb muss die internationale Wettbewerbslage umso sorgfältiger geprüft werden, um nicht vergeblich in ein Rennen zu gehen.

SZ: Die Grünen sehen das klare Votum des DOSB gegen eine erneute Kandidatur für 2022 als späte Genugtuung.

Ude: Nach der niederschmetternden Niederlage mit Stuttgart 21 gönne ich ihnen jeden Trost, zumal wenn sie ihn aus bereits getroffenen Entscheidungen zuzeln können. Aber: Die Olympiabewerbung ist um Gottes Willen nicht vom Tisch.

SZ: Je weiter der Zeitpunkt nach hinten rückt, desto mehr wird man sich fragen müssen, ob die bayerischen Alpen sich angesichts des Klimawandels noch für Winterspiele eignen.

Ude: Schrittweise wird Global Warming sicher eine zunehmende Rolle spielen. Im vergangenen Jahr ist die These, es gebe keinen Schnee mehr, selbst im Münchner Stadtgebiet unter Schneebergen verschüttet worden. In diesem Jahr fragt man sich wiederum: Ist das der Dezember, der den Winter einleitet?

SZ: Weiß-blaue Winterspiele 2022, das hieße: 50 Jahre nach den Sommerspielen würde München wieder zum Zug kommen - ein schönes Signal.

Ude: Selbstverständlich, wobei man den Kalendersymbolismus nicht übertreiben sollte. Auch die Feststellung, die wir ja sehr betont haben, dass München die erste Stadt der Welt wäre, die Sommer- und Winterspiele ausrichten darf, hat in der Bewertung durch das IOC keine erkennbare Rolle gespielt.

SZ: Angenommen, Sie würden 2013 Ministerpräsident und der DOSB würde eine Bewerbung für 2026 empfehlen: Ihre Begeisterung wäre schnell wieder entfacht?

Ude: Aber selbstverständlich. Wir haben aus der Bewerbung 2018 gelernt, dass es nicht nur auf die eigene Qualität ankommt, sondern auf die Konstellation. Die sehe ich für 2022 suboptimal. Es kann sein, dass es 2026 oder 2030, bairisch gesagt, a gmahde Wiesn ist.