Nina Hagen in München Punk, Rock und Biene Maja

Unverbesserliche Träumerin oder Vorkämpferin für eine bessere Welt? In der Münchner Muffathalle provoziert Nina Hagen. Sogar in den Momenten, in denen sie eigentlich gar nicht provoziert.

Eine Konzertkritik von Melanie Staudinger

Kompromisse gibt es an diesem Samstagabend keine. Das Bühnenbild in der Muffathalle ist ein einziger schwarzer Vorhang, ebenso sind die Musiker allesamt dunkel gekleidet. Die Scheinwerfer leuchten abwechselnd in Rot, Violett, Blau oder Grün - niemals grell, sondern gerade so, dass die Bühne auch ein wenig erleuchtet ist. Auf eben dieser strahlt nur eine: Nina Hagen, Deutschlands schrille Punk-Queen, heute mal in schwarzen Leggings und einem gelb-gemustertem Rock. Trüge sie nicht dieses pinkfarbene Irgendwas auf dem Kopf, würde die 57-Jährige fast ein wenig an Biene Maja erinnern.

In München gibt sich Nina Hagen auf ihrem Konzert in der Muffathalle kompromisslos.

(Foto: Walter Korn)

Ihrem Publikum gönnt sie keine Verschnaufpause. Die Eintrittskarten weisen 20.30 Uhr als Beginn des Konzertes aus. Wer sich nur eine Minute später hineinschleicht, hat den Anfang schon verpasst. Da sitzt Nina Hagen bereits oben auf ihrem Podium und spielt Gitarre. Die Zuhörer aber sind jedenfalls weit weniger schrill als mancher vielleicht erwartet hätte.

Vereinzelt sieht man Fans, deren Styling an das ihres Idols erinnert. Eine Frau etwa mit langer schwarze Mähne, die eine unechte Sonnenblume im Haar trägt und über die schwarze Leggings eine fransige Hotpans gezogen hat. Oder der junge Mann, der seine etwa 30 Zentimeter langen Haare zu einer Irokesenfrisur modelliert hat. Und die dünne Blondine mit den silberfarbenen Plateau-Schuhen und der dazu passenden Jacke, bei der nur ihr Gesicht verrät, dass sie schon weit über 50 ist.

Nina Hagen stellt ihr neues Album "Volksbeat" vor, nach "Personal Jesus" ihre Rückkehr zu den Punk-Rock-Wurzeln. Sie präsentiert eigene Songs, verarbeitet aber auch Texte von Wolf Biermann und Bertholt Brecht. Von letzterem, so erzählt sie, habe sie viel Geschichtliches gelernt, damals im Theater in Ostberlin. Richtigen Geschichtsunterricht gibt es aus ihrer Sicht ohnehin nur dort. Das will das Münchner Publikum so nicht stehen lassen. Vereinzelt sind Buh-Rufe zu hören, Hagen korrigiert sich und verweist auf die renommierten Historiker, die natürlich auch die bayerische Landeshauptstadt zu bieten habe.

Berliner dem Münchner vorziehen, und das auch noch in München? Geht halt eigentlich nicht, bei Nina Hagen allerdings, die auch mit 57 Jahren noch alles versucht, um einem bürgerlichen Leben zu entkommen, sind solche Verhaltensmuster Prinzip. Entweder man mag sie, oder man tut es nicht. Für die einen ist sie eine Sängerin, die knallharte Botschaften vermittelt. Die gegen die Rüstungsindustrie wettert, Kriege verurteilt, die Pharmaindustrie verteufelt. Die sich Frieden im Nahen Osten wünscht, die die Stasi abgrundtief hasst und vom Soma-Koma aus dem Buch Schöne neue Welt von Aldous Huxley singt. Für die anderen ist sie eine realitätsfremde Heuchlerin, die selbst viel Geld bei ihren Konzerten verdiene, gleichzeitig aber behaupte, dass Professoren zu gut entlohnt würden. Eine Polemikerin, die stur auf ihrem Weltbild beharrt. Eine unverbesserliche Träumerin vielleicht noch.

Keine Frage, Nina Hagen ist eine Frau der Extreme, die sich im Spannungsfeld zwischen inniger Zuneigung und tiefer Abneigung wohlfühlt und bewusst damit spielt. Das kann sie auch, denn eine Tatsache müssen selbst die größten Nina-Hagen-Hasser anerkennen: Die 57-Jährige hat eine wirklich gute Stimme. Sie singt in Deutsch, Englisch und Französisch. Manchmal spricht sie wie die böse Stiefmutter aus Schneewittchen, was einen erschauern lässt, nur um im nächsten Augenblick die wohlmeinende Märchentante mit sanfter Ausdrucksweise zu mimen. Es ist egal, ob die Hagen in ihren Lieder gerade von Folk, Rock, Punk oder doch einem Marsch beeinflusst wurde: Gesanglich und instrumental sind die Stücke gelungen.

Und spätestens, als die 57-Jährige am Ende ihres Sets, kurz vor der Zugabe, eine Coverversion von Frank Sinatras "My Way" zum Besten gibt, ist dann auch der letzte Skeptiker vom Stimmvolumen der Punk-Diva überzeugt. Wer jedoch auf Eklat der Skandalnudel gewartet hat, wird enttäuscht: keine Präsentation von Selbstbefriedigungstechniken auf der Bühne, keine verwegene Spontanhochzeit, keine Beleidigungen an Menschen, die nicht an Ufo-Sichtungen glauben wollen. So richtig provakant ist die personifizierte Provokation an diesem Abend in München nicht, dafür steht ihre Musik umso mehr im Mittelpunkt. Auch nicht schlecht.