Nach TV-Beitrag "Heilung unerwünscht" "Es ist schon ein Hammer"

Ein TV-Beitrag hat aufgezeigt, wie die Pharmaindustrie ein Neurodermitis-Medikament blockiert. Patienten in München reagieren aufgebracht.

Von Florian Fuchs

Inzwischen benutzt Ludwig F. (Name geändert) keine Cremes mehr. Auch die Lichttherapie hat er hinter sich. Stattdessen spritzt sich F. zu Hause in Laim einmal in der Woche das Medikament Metrothrexat. "Das hilft", sagt der Psoriasis-Patient, "aber es ist schon ein Hammer."

Ein Hammer ist Metrothrexat, weil es starke Nebenwirkungen haben kann und das Immunsystem unterdrückt, um die Schuppenflechte zu bekämpfen. Ludwig F. hat sich den ARD-Beitrag "Heilung unerwünscht" am Montagabend deshalb genau angesehen. In dem Report beschreibt Autor Klaus Martens, wie eine einfache Creme aus Avocadoöl und Vitamin B12 ohne Nebenwirkungen große Erfolge erzielt gegen Neurodermitis und Schuppenflechte.

Bis jetzt will jedoch kein Pharmaunternehmen das Medikament auf den Markt bringen - möglicherweise aus Angst um den Profit mit bestehenden Medikamenten. "Das wäre ein starkes Stück", sagt F., "ich würde die Creme gerne mal ausprobieren."

F. ist nicht der einzige, der die rosa Creme namens Regividerm testen will. "Bei uns haben am Dienstag sehr viele angerufen und wollten Näheres über das Mittel wissen", sagt eine Sprecherin der ARD-Zuschauerredaktion.

"Ich kenne das Mittel nicht"

Näheres weiß aber nicht einmal Joerg C. Prinz, Professor an der dermatologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Ich kenne das Mittel nicht", sagt Prinz, deutschlandweit einer der führenden Spezialisten für Psoriasis. Seinen Angaben nach leiden in München 26.000 Menschen an Schuppenflechte, 8000 davon sind stark betroffen.

Psoriasis, erläutert Prinz, wirkt sich auf Psyche und Physis der Betroffenen aus: "Patienten haben eine vier Jahre geringere Lebenserwartung als gesunde Menschen, manche sagen sogar, zehn Jahre geringer." Begleiterscheinungen der Krankheit sind oft Entzündungen, die Folgeerkrankungen auslösen können - bis hin zu Arteriosklerose und Herzinfarkt.

Behandelt wird die Krankheit mit Cremes, Phototherapie oder Systemtherapeutika. Cremes enthalten Kortison oder Vitamin D, was auf Dauer und bei hoher Dosierung schädlich ist. UV-Licht erhöht das Hautkrebsrisiko. Und eines der Systemtherapeutika ist zum Beispiel jenes Metrothrexat, das sich auch Ludwig F. spritzt.

Der Münchner spürt zwar keine Nebenwirkungen, muss aber einmal im Monat zur Blutuntersuchung und jeweils einmal im Jahr zum Röntgen und zur Knochendichtemessung, um die Behandlung zu kontrollieren.

Regividerm soll keine Nebenwirkungen haben. Professor Prinz bleibt dennoch erst einmal skeptisch und warnt vor überhöhten Erwartungen an ein neues Medikament. Dennoch sagt er: "Jedes Mittel, das bei Psoriasis und Neurodermitis helfen kann, ist natürlich herzlich willkommen." Der Münchner Hautexperte würde sich wünschen, dass das Produkt auf den Markt kommt - ausreichende klinische Testphasen mit entsprechendem Erfolg vorausgesetzt.

"Auch nicht alle Probleme lösen"

Dass zum Beispiel das Pharmaunternehmen Novartis, wie im ARD-Beitrag beschrieben, das Mittel nicht vertreiben will, kann Ralph-Eric Koch von der Adler-Apotheke in der Sendlinger Straße nachvollziehen. "Das passt gar nicht in deren Produktpalette, weil die primär chemische Mittel anbieten."

Bei dem Apotheker, dessen Tochter an Neurodermitis leidet, hat sich nach dem Fernsehreport noch niemand über Regividerm informieren wollen. Koch glaubt aber, dass Unternehmen mit homöopathischem Ansatz großen Umsatz mit der Creme machen könnten.

Als Allheilmittel sieht die rosa Creme allerdings niemand der Experten und Betroffenen. Zwar würde auch Marianne Schmid von der Münchner Psoriasis-Selbsthilfegruppe die Creme gerne testen. Aber genauso wie Dermatologe Prinz, Apotheker Koch und Ludwig F. findet sie, dass jeder Patient seine eigenen Behandlungsmethode finden müsse. "Bei jedem schlagen Wirkstoffe anders an", erläutert auch Koch, "Regividerm könnte also wohl auch nicht alle Probleme lösen."

Ludwig F. würde sich dennoch freuen, wenn ein Pharmaunternehmen das Mittel vertreibt. "Wenn ich 40 Jahre alt bin", sagt der 26-Jährige, "will ich einen Hammer wie Metrothrexat nicht mehr nehmen müssen."