Münchner Innenstadt Schmerz der Stadt

Blick vom Rathausturm auf die Fußgängerzone: Hier zählt nur noch das Geld, die Innenstadt ist zu einem Spielfeld geworden.

(Foto: Robert Haas)

Ist die Altstadt noch zu retten? Behält sie ihr Flair oder verkommt sie zu einer riesigen Shoppingmall? Viele Hausbesitzer beteuern, das wollten sie nicht. Doch im Hintergrund lockt das große Geld.

Von Christian Krügel

Wer Robert Waloßek nach dem Zustand der Münchner Innenstadt fragt, dem erzählt er gerne diese Geschichte. In einer Mittagspause geht der 49-Jährige eines Tages in der Sonnenstraße spazieren. An der Ecke zum Stachus spricht ihn ein gut gekleidetes, offenbar vermögendes Pärchen arabischer Herkunft an. Es fragt auf Englisch: "Entschuldigen Sie, wo ist hier denn das Leben?" Waloßek ist irritiert und antwortet zögernd: "Na hier, Sie sind mitten in der Stadt, da um die Ecke liegt die Fußgängerzone, das Herz der Stadt." Das Pärchen schüttelt den Kopf. "Nein, das ist Shopping. Aber wo ist das Münchner Leben?"

Eigentlich hätte sich Robert Waloßek über diese Antwort freuen müssen. Von diesem Shopping im Herzen der Stadt hat er die meiste Zeit seines Berufslebens profitiert. Er war Geschäftsführer bei Oberpollinger, davor arbeitete er viele Jahre bei Ludwig Beck, auch mal bei C&A in der Kaufingerstraße. Heute leitet Waloßek als Geschäftsführer eines der traditionsreichsten Geschäfte in der Münchner Innenstadt: Betten Rid. Von seinem Büro blickt er direkt auf die Neuhauser Straße, auf die Augustiner-Gaststätte, den früheren Hettlage-Bau, das neue Pschorr-Haus. Die Fußgängerzone war immer seine Zone. "Wir wollen stark dazu beitragen, dass die Fußgängerzone auch weiter spannend bleibt. Wir glauben an das Modell attraktive Innenstadt", sagt Waloßek.

Es ist ein Glauben, den auch er stark beschwören muss. Denn das arabische Pärchen aus der Mittagspause hat ihm klar gemacht, was die Innenstadt für die Besucher inzwischen ist: eine gigantische Shoppingmall, ein Einkaufszentrum mit austauschbarem Gesicht und Angebot, eine Abfolge von Filialgeschäften, wie sie auch in den Shopping-Meilen von Zürich, Hamburg oder Castrop-Rauxel zu finden sind. Es zählt der hohe Umsatz, die richtige Rendite. "Aber wo ist das Münchner Leben?", fragen nicht nur junge Gäste aus Arabien.

Das echte Leben findet woanders statt

"Vergesst die Altstadt!", sagt einer der Architekten, die hier selbst entwerfen durften. Ein lukratives Projekt war das, weswegen er jetzt nicht gerne namentlich mit solch defätistischen Äußerungen in der Zeitung stehen möchte. Aber für ihn ist klar: "Machen Sie ein Dach über die Fußgängerzone und es ist eine Shoppingmall, wie sie in jeder Kleinstadt auf der grünen Wiese stehen könnte." Das echte Leben finde längst in Stadtvierteln wie Giesing, dem Westend, der Isarvorstadt statt. In der Altstadt lasse der Druck des Marktes nichts anderes mehr zu als: Shopping.

Zwischen Hauptbahnhof und Isartor, zwischen Theatinerkirche und Sendlinger Tor zählt nur noch das Geld, die Innenstadt ist zu einem Spielfeld geworden, zu einer Art überdimensionalem Monopoly. Zu den Spielern gehören internationale Immobilienfonds und -gesellschaften, die mit Argusaugen den Münchner Markt beobachten und darauf warten, sich ein schönes Stück Immobilie mit Perspektive zu sichern. Etwa den Karstadt am Bahnhof: Für viele Projektentwickler ist das ein Traumobjekt, dort könnte eine richtige Shoppingmall entstehen, vom Bahnhof bis zum Stachus, noch mal Zigtausende Quadratmeter Handelsfläche. Die darf jetzt eine irisch-deutsche Private-Equity-Gesellschaft entwickeln, die sich das Areal vor Kurzem für etwa 180 Millionen Euro sicherte.

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Oder die Alte Akademie, direkt neben der Michaelskirche. Die Signa Holding des 37-jährigen René Benko aus Innsbruck hat dem Freistaat etwa 250 Millionen Euro nur dafür bezahlt, dass sie den Komplex 65 Jahre lang im Erbbaurecht nutzen darf. Die Hofstatt, das Palais an der Oper, die Maximilianshöfe - überall sind auswärtige Investment- und Immobilienfirmen mit dreistelligen Millionenbeträgen eingestiegen, um im Münchner Milliardenspiel mitspielen zu dürfen. Alles werde gesucht, auch 1b-Lagen, heißt es in Immobilienkreisen, gar nicht, um schnelles Geld zu machen, sondern um langfristig eine sichere Anlage zu haben - mit schönen Rendite-Aussichten.

Denn eine Handelsimmobilie in der Nähe der Fußgängerzone zu haben, ist vergleichbar mit einem Hotel in der Schlossallee bei Monopoly. In der Kaufingerstraße, Deutschlands Top-top-Einkaufsstrecke und international auf Pariser und Londoner Niveau, muss man derzeit bis zu 330 Euro pro Quadratmeter und Monat an Miete hinlegen, haben die Immobilien-Experten von Jones Lang Lasalle ermittelt. In der Maximiliansstraße sind es etwa 260 Euro, auch die Gegend um den Bahnhof schafft es inzwischen in gehobenere Kategorien: Bis zu 80 Euro sind viel für ein ehemaliges Schmuddeleck. Allein in den vergangenen zehn Jahren sind die Mieten in Münchens Bestlagen um 34 Prozent gestiegen, die Immobilienwerte sogar um 40 Prozent.