Boxen in München Ring of Fire

"Im Boxen ist es doch so wie im Leben", sagt Tim Yilmaz. "Wenn du dich nicht fokussierst, kriegst du auf die Nase."

(Foto: Robert Haas)

Tim Yilmaz forscht an der LMU und bringt am Abend anderen bei, wie man sich richtig auf die Fresse haut - denn dabei geht es um viel mehr als nur um Sieg und Niederlage.

Von Pia Ratzesberger

Konzentration. Fäuste vors Gesicht, Blick nach vorne, immer zum Gegner. Tim Yilmaz hebt die linke Faust, er schlägt zu, hebt die rechte Faust, schlägt zu. Der Gegner weicht aus. Fäuste vors Gesicht, Blick nach vorne, noch ein Schlag. Tim Yilmaz taxiert den Mann vor sich, mit dem er gerade noch gelacht hat, er blickt nicht nach links, nicht nach rechts. Kein einziges Mal. Der Blick ist hart.

Boxen ist Gewalt, sagen die einen. Boxen ist Kunst, sagen die anderen. Und Tim Yilmaz, 38 Jahre alt, sagt, ohne Boxen jedenfalls hätte er nie seine Doktorarbeit schreiben können.

Ein Abend im Februar und ein Keller im Westen der Stadt. Es steht kein Name oben an der Türe, aber die Menschen, die hierherkommen, wissen, wo sie hinmüssen. "Gym Yilmaz", so nennt Tim Yilmaz seinen privaten Boxkeller. Und wenn er von dem Tag erzählt, als er vor vielen Jahren zum ersten Mal zum Boxen ging, dann erzählt er von einer Gruppe Männer, die ihn anstarrte und von dem Gefühl, "der kleine deutsche Bubi" zu sein. Er ging nicht noch einmal zu diesem Training, mittlerweile aber ist Tim Yilmaz einer der Menschen in der Stadt, die für ein neues Bild vom Boxen stehen. Boxen und München, das passt immer besser zusammen.

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Es gibt Städte, denen traut man eine solche Szene zu, Berlin natürlich, aber auch Köln oder Hamburg, den rauen Städten eben, da ist München erst einmal nicht dabei. Doch wie bei so vielem muss man nur an die richtigen Orte gelangen, um zu verstehen, dass man München "die alte Lady", wie Marcus Wiebusch neulich auf einem Konzert seiner Band Kettcar sagte, unterschätzt hat.

Ein kalter Keller, kleine Fenster, unter der Decke verlaufen Heizungsrohre, darauf die Boxhandschuhe. Tim Yilmaz zieht sich gerade die 14 Unzen über, die dickeren für das Training. Vor zehn Jahren sei das noch anders gewesen, sagt er, "aber heute würde ich sagen, München ist eine gute Stadt zum Boxen". Yilmaz ist ein großer, schmaler Typ, er trägt die Haare zum Zopf gebunden und man kann sich ganz gut vorstellen, dass die Muskelmänner damals auf ihn befremdlich wirkten.

Die Leute kommen wegen der Fitness, dann wollen sie vor allem eines: hauen

An die Wand hat einer seiner Freunde Schwarz-Weiß-Fotos geleimt, von Woody Allen und Kate Moss zum Beispiel. Bald aber wird Yilmaz seine Kurse nicht mehr wie die vergangenen vier Jahre in diesem "schimmligen Undergroundkeller" geben. Er lacht. Im "Undergroundkeller" liegen gerade sieben Männer am Boden und strecken die Beine, Aufwärmen, man begrüßt sich mit Handschlag. Es kommen Freunde und Freunde von Freunden, die meisten argumentieren zu Beginn, dass sie vor allem was für ihre Fitness machen wollen. Tim Yilmaz weiß, wie es weitergeht: "Und nach einem Jahr wollen die alle vor allem eines: hauen."

In München zählt der Bayerische Amateurbox-Verband um die zehn Vereine. Mit einem Freund wird Tim Yilmaz im April sein eigenes Studio in Sendling eröffnen. Wie das genau aussehen wird, will er noch nicht sagen, was er sagen will: Boxen sei doch so viel mehr als nur ein Kampf mit dem Körper. Es gehe doch auch um Taktik, um Distanz und um Härte, nicht nur um die Härte des Körpers. Sondern auch um die im Kopf.

Der Boxkampf hatte lange keinen guten Ruf, er war für manche ein Synonym für Gewalt, Drogen, Exzess - und dass das heute anders ist, hat in München auch mit Menschen wie Tim Yilmaz zu tun. Schon seit Tausenden von Jahren treten zwei Menschen mit Fäusten gegeneinander an, im 17. und 18. Jahrhundert dann wurde Boxen in England groß, dort legte man immer mehr Regeln für die anfangs so brutalen Kämpfe fest. Keiner schlägt den anderen, wenn der schon am Boden liegt, zum Beispiel. Jack Broughton war damals ein großer Name, in Deutschland war es in den Dreißigerjahren Max Schmeling, der erste deutsche Weltmeister im Schwergewicht. Und als Tim Yilmaz ein Kind war, sah er im Fernsehen Mike Tyson zu, der Box-Legende aus den USA.