Mode Absatz mit Absätzen

Schick oder bequem? Luftig oder geschlossen? Biergarten- oder operntauglich? Was darf es denn heute sein? Der Trend geht zum Zweit-Schuh, an ein- und demselben Tag versteht sich. Fotos: Catherina Hess

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Vom Sneaker bis zu himmelhohen Pumps, vom Kitten Heel bis zur Plateausohle: Statt eindeutigen Mode-Trends herrscht Vielfalt am Frauen-Fuß. Von gewohnten Kategorien muss man sich wohl verabschieden

Von Franziska Gerlach

Er irritiert zwischen den vielen Sneakern. Man schirmt die Augen gegen die Sonne ab, schaut genauer hin. Doch ja, stimmt schon: Ein Pumps, lackschwarz mit schätzungsweise acht Zentimeter hohen Absätzen. Das hat man am helllichten Tag vor der Falafelbude am Viktualienmarkt lange nicht gesehen. Seine Trägerin, blond, knallenge Jeans, Guns-'n'-Roses-Shirt, stakst zum Papierkorb und befördert eine zerknautschte Serviette in seinen Schlund. Dann mischt sich die Stöckelschuh-Frau wieder unter ihre Turnschuh-Freunde.

Aus diesem Auftritt branchenrelevante Neuerungen abzuleiten, wäre freilich übereilt. Ein einsames Paar High Heels läutet noch nicht die Rückkehr des gewagten Absatzes ein, und gerade in der Mode sollte man dem Drang zur Interpretation nicht zu schnell nachgeben. Den Gedanken, dass es nach Jahren auf flacher Sohle wieder höher hinaus gehen könnte, wird man trotzdem nicht mehr los.

Die Mode-Redaktionen, die ihre Schuhfavoriten für die Saison in Bildergalerien bündeln, wären jedenfalls dafür: Ohne Plateausohle geht 2017 angeblich gar nichts. Der Keilabsatz könnte ebenfalls gewisse Relevanz erfahren. Und auch dem nach vorne spitz zulaufenden Kitten Heel, mit seinen drei bis vier Zentimeter hohen Pfennigstelzen ein absatztechnisches Zwischending, den man bislang eher an den Füßen von Präsidentengattinnen von Jackie Kennedy bis Michelle Obama verortete, wird ein Imagewechsel vorausgesagt: von spießig auf cool.

"Der Absatz kommt zurück", sagt auch Gregor Tretter, der als Einkäufer das Sortiment von Bartu bestückt. Allerdings nicht mit voller Wucht. Der Junior des Münchner Familienunternehmens meint auch nicht jene zahnstocherdünnen Modelle, in denen es sich allenfalls von Barhocker zu Barhocker hangeln lässt. Für diese Saison hat Tretter etwa Blockabsätze geordert. Kompakt, stabil - und biergartentauglich. Aber auch flache Ware steht in den Regalen. Loafer und Mokassins zum Reinschlüpfen zum Beispiel, metallisch schillernd, in pastellfarbenem Wildleder oder mit Nieten besetzt. Sneaker machen immerhin rund 25 Prozent des Sortiments aus, deutlich mehr als vor einigen Jahren.

"Den Sneaker werden wir nie mehr aus der Mode verdrängen", sagt Claudia Schulz, Sprecherin des Bundesverbandes der deutschen Schuh- und Lederwarenindustrie. Dafür hätten sich die Leute zu sehr an ihn gewöhnt. Nach Angaben des Verbands läuft das Geschäft gut für deutsche Turn- und Sportschuhproduzenten, die Umsätze von Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern stiegen 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 6,7 Prozent. In die USA sind sogar fast 80 Prozent mehr abgesetzt worden.

Nun kann man natürlich abwinken und sagen, USA, gut, da tragen sie selbst im Sterne-Restaurant Sportklamotten. Zu gemütlich sollte es sich die Münchnerin aber nicht machen in der Zone gefühlter Stilsicherheit. Die meisten, die zunächst noch grimmig angestöckelt sind gegen Turn- und Schnürschuhe, gegen Stiefeletten, Espadrilles, Doc Martens und Birkenstocks, stiegen irgendwann dann doch um.

Dem Klischee nach pflegt man an der Isar ja eher ein Faible für den Glamour, der jeden Anflug von Avantgarde sofort niederbügelt. Plakative Markennamen zu tragen, war hier nie ein Problem. Modische Zurückhaltung? Wozu? Die Münchnerin zeigt nun einmal gerne, was sie hat. Sei es Schmuck, Kurven, oder lange Beine in himmelhohen Schuhen. Nur in diesen schreite man würdevoll, betonen ihre Anhänger gerne. Oder, um es mit Rechtsreferendarin Andrea zu sagen: "High Heels machen eine megagute Figur."

Nach der Mittagspause nimmt die 25-Jährige mit ihrer Kollegin Isabelle Kurs auf die Sendlinger Straße. Ihre Nachnamen möchten beide nicht verraten, es müsse schließlich nicht jeder über ihre Schuhvorlieben Bescheid wissen. Das höchste Paar von Isabelle misst zwölf Zentimeter. Eine Absatzhöhe, die Carrie Bradshaw aus der Serie "Sex and the City" - die Schuhfetischistin der Nullerjahre - wohl mit einem Achselzucken kommentiert hätte. Isabelle bewältigt darin freilich keine großen Strecken, die Schuhe sind ausschließlich fürs Weggehen gedacht. In der Freizeit trage sie ausschließlich Sneaker, sagt die Frau mit dem Pferdeschwanz und dem weißem Plisseerock. Mit High Heels ins Kino? Viel zu unpraktisch. Die Generation ihrer Mutter tröstete sich über schmerzende Füße hinweg mit anerkennenden Blicken, mit denen andere den Auftritt in schwindelerregenden Höhen honorierten. Die heute 20- bis 40-Jährigen mögen es inzwischen lieber bandscheibenfreundlich. Verbandssprecherin Schulz verweist auf "den Trend zum Zweit-Schuh". Tagsüber der flache Schnürer, abends die hohen Hacken.

Isabella Belting, die im Stadtmuseum die Modehistorie verantwortet, sucht im Stadtbild nach etwas, was einen Münchner Stil definiert. Doch sie findet dieses Etwas nie. "Ich erkenne Mode-Erscheinungen, aber ich erkenne nichts Typisches mehr", sagt sie. Gerade weil so vieles erlaubt sei heutzutage, so vieles nebeneinander existiere. In Zeiten, in denen modische Trends über soziale Medien im Nu ganze Länder vereinnahmen, muss man sich von gewohnten Kategorien wohl verabschieden. Köln: lässig. Hamburg: dezent. Berlin: hipp. München: schick. Diese Aufteilung funktioniert immer weniger.

Besonders die junge Münchnerin ist schon lange nicht mehr so aufgedonnert, wie man ihr oft nachsagt. Zerrissene Jeans und punkige Haarschöpfe gehören zu München wie brave Blusen, Bomberjacke oder Trenchcoat, Rucksack oder Handtäschchen. Wenn man etwas Münchnerisches herauslösen möchte aus all dem, dann ist das vielleicht ein konsequentes Bemühen um eine Gepflegtheit, die ihren Ausdruck in Perlenohrringen, akkurat geschminkten Lippen oder Markensonnenbrillen findet, die wie gehabt in langen, glänzenden Haaren stecken.

Beim Blättern in Beltings Bildbänden zeigt sich Eines aber sehr deutlich: Was in diesen Tagen die Regale der Münchner Schuhgeschäfte füllt, war alles schon einmal da. Ein gelber Pumps mit Pfennigabsatz aus den späten Fünfzigerjahren ist in einem Buch abgebildet, auf der nächsten Seite dann kantige Blockabsätze aus den späten Sechzigern. Auch den mächtigen Plateausohlen der Siebziger begegnet man natürlich. Klare, eindeutige Trends, wie sie die Mode heutzutage kaum mehr hervorbringt.

Es gibt nicht nur eine geradezu unübersichtliche Zahl an Schuhtypen, sondern mindestens genauso viele Möglichkeiten, diese zu kombinieren. Deshalb wird vermutlich nicht weit kommen, wer versucht, hohe Hacken mit flachen Sohlen in Konkurrenz zu setzen. Beide haben zu gegebenem Anlass ihre Berechtigung. Sollte in diesem Sommer so manche Münchnerin wieder verstärkt die Lust auf schöne Absätze überkommen, bitte sehr. Die Frage, die sich bei ihrem Anblick stellt, wird höchstens sein: Hat sie diese Schuhe noch - oder hat sie die schon?