Gentrifizierung am Gärtnerplatz in München "Keiner hätte unfreiwillig raus müssen"

Der Sprecher der Erbengemeinschaft ist ein Geschäftsmann aus Augsburg. Er habe sich beim Verkauf bemüht, zum Wohle der Mieter abzuwägen, sagt er. Deswegen habe er nicht an den Meistbietenden verkauft und sich vergewissert, dass die bestehenden Mietverträge unter den gesetzlichen Bestandsschutz fallen: In München darf ein Mietvertrag frühestens nach zehn Jahren gekündigt werden, wenn eine Mietwohnung wie in der Corneliusstraße 20 in eine Eigentumswohnung umgewandelt und verkauft wird.

Frühere Mieter wie Hüsnü Demircan fühlen sich unsanft vor die Tür gesetzt.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Bis dahin hätte da keiner unfreiwillig raus müssen", sagt der Geschäftsmann. Deshalb musste der neue Eigentümer die Mieter vom Auszug überzeugen. Glaubt man der Isartal Grundbesitz GmbH & Co. KG, gelang dies einvernehmlich, fast schon harmonisch. Der Renovierungsbedarf im Anwesen sei erheblich und den Mietern bewusst gewesen, heißt es da. Im persönlichen Gespräch habe man die nötigen Bauarbeiten erläutert und den Mietern die Wahl gelassen: bleiben oder gegen eine Abfindung ausziehen. Fast alle seien daraufhin freiwillig umgezogen.

Einige der ehemaligen Mieter hingegen fühlen sich trotz Abfindung vor die Tür gesetzt - so wie Hüsnü Demircan, Vater von vier Kindern. 34 Jahre lang hat er in der Corneliusstraße 20 gewohnt, vor eineinhalb Jahren erst habe er mehrere zehntausend Euro in die Renovierung seiner Wohnung gesteckt.

Er habe bleiben wollen und habe sich auch bereit erklärt, nach der Sanierung mehr Miete zu bezahlen. Doch bald erhielt er Anrufe und Briefe, unterschrieben von Anwälten. Die Post zeigte Wirkung: "Der Vermieter hat so viel Geld, leistet sich jede Menge Anwälte, natürlich macht einem das Angst", sagt Demircan. Und dann begannen die Bauarbeiten. Demircan leidet an einer Stauballergie, konnte an manchen Tagen das Haus kaum betreten. Also ging er.

Der liebevoll gepflegte Garten im Innenhof? Eingeebnet

Ähnliches berichten Margot und Ranvir Kapoor, Eltern von zwei schulpflichtigen Kindern. Ranvir Kapoor lebte 40 Jahre in der Corneliusstraße 20; auch er hielt seine Wohnung selbst in Schuss. Er hatte einen Laden im Erdgeschoss als Geschäftsraum gemietet, dort aber seit 1986 nur noch gewohnt. Den alten Vermieter hatte das nie gestört, doch im Zuge des Eigentümerwechsels erhielt Kapoor von der Hausverwaltung die Kündigung.

Er glaubte zunächst an einen Irrtum und rief die Verwaltung an, doch dort erfuhr er nur, ihr sei ebenfalls gekündigt worden, weitere Auskünfte dürfe sie nicht geben. Die Familie hätte die Sache vor Gericht ausfechten müssen. Dazu aber, sagt Ranvir Kapoor, hätten sie keine Kraft gehabt. Seine Frau war damals krank, er selbst ist 72. Sie begannen, eine neue Wohnung zu suchen.

Doch die Suche dauerte lange - länger, als es sich beide Seiten wünschten. Der Vermieter sei zunächst sehr nett gewesen, sagt Margot Kapoor. Er habe sogar bei der Suche geholfen und eine Ersatzwohnung in der Messestadt Ost angeboten, allerdings habe der Prokurist des Vermieters dort selbst festgestellt, dass sie zu klein war, sagt sie. Die Kapoors baten auch die Stadt um Hilfe bei der Wohnungssuche, ohne Erfolg.

Inzwischen hatten die Bauarbeiten begonnen, ein Gerüst wurde errichtet, ein jahrzehntelang von Ranvir Kapoor liebevoll gepflegter Garten im Innenhof eingeebnet. Er habe einem Kran Platz machen sollen, so Margot Kapoor. Später, bereits nach dem geforderten Auszugstermin, habe sie der Vermieter in sein Büro geladen. Die Kapoors dachten, er habe vielleicht eine neue Wohnung für sie. Vor Ort aber hätten sie nur einen Aufhebungsvertrag unterschreiben sollen. Sie weigerten sich.