Martin Suter in München Es hätte so schön sein können

Der Schweizer Schriftsteller Martin Suter liest aus seinem neuesten Werk "Die Zeit, die Zeit" an der LMU München. Es geht um operettenhafte Alte, Fußball und den Konjunktiv. Doch die Veranstaltung wird dem filigranen Stoiker nicht gerecht - im Gegenteil.

Von Bernd Graff

Der Schweizer Bestsellerautor Martin Suter las in München aus seinem Buch "Die Zeit, die Zeit".

(Foto: dpa)

Martin Suter ist sehr höflicher Mensch. Es ist nicht ganz unwichtig, das gleich vorweg zu sagen. Denn wenn der 64-jährige Schweizer Schriftsteller, ein Erfolgsautor übrigens, dessen Romane immer mit Starbesetzung verfilmt werden, wenn also Martin Suter nicht ein so äußerst höflicher Mensch wäre, dann wäre er am Mittwochabend wohl nach einer halben Stunde aufgestanden und hätte die vollbesetzte Große Aula der LMU München wieder verlassen - und damit seine eigene Veranstaltung, die das Münchener Literaturhaus und "LMU im Dialog" für das Münchner Literaturfest für ihn konzipiert hatte.

Vielleicht hätte Suter das ein wenig schnaubend getan. Oder kopfschüttelnd. Doch vermutlich wäre er einfach nur aufgestanden und gegangen. Denn Martin Suter ist ein höflicher Mensch. Und weil er sogar ein sehr höflicher Mensch ist, ein soignierter Herr von Welt, darum ist er geblieben. Jeder andere wäre gegangen.

Was war geschehen? Nichts eigentlich. Aber manchmal ist dieses Nichts einfach viel zu wenig. Und wenn man einen Martin Suter zu einer Lesung einlädt, weil dieser mit Literatur-Preisen und Auszeichnungen überhäufte Autor im Sommer ein Buch veröffentlich hat, "Die Zeit, die Zeit" heißt es, in dem es um Einsamkeit und Sterben, um die Selbst-Verbarrikadierung von Enttäuschten, um Mord und Mutmaßungen, um das Kauzigwerden von Zurückgebliebenen, vor allem aber um eine völlig irre Idee geht, dann benötigt dieser filigrane Stoiker keinen Großmoderator an seiner Seite, keine Rampensau, welche die Veranstaltung an sich zieht und den Romancier dabei an die Hand nimmt, sondern nur einen Widerpart, der kluge Fragen stellt.

Denn Martin Suter hat ein so großes Spektrum an Themen in "Die Zeit, die Zeit" ausgebreitet, dass jede seiner Lesung wie von selbst laufen müsste. Müsste. Und hier sind wir beim Konjunktiv, den Suter an diesem Mittwochabend selber ins Spiel gebracht hat. Es ist der Konjunktiv des Dichters, der überlegt: Was wäre, wenn ... Aber, wie gesagt: Auch diesen Konjunktiv musste Suter selber ins Spiel bringen. Denn einen Widerpart hatte er in Wilhelm Vossenkuhl, einem nicht unbedeutenden deutschen Philosophen, keinen.

Was die überraschende Enttäuschung des Abends war. Der höfliche Suter hat aber auch sie souverän und diplomatisch in aller Zurückhaltung gehandhabt, nein: gemeistert. Er hat sich dann eben selber moderiert. Suters neuer Roman handelt von einer Erstarrung, einer festgefahrenen Konstellation, die mit dem ersten Satz des Buches zwar aufbricht, aber zuerst nur in ganz feinen Haarrissen: "Etwas war anders, aber er wusste nicht, was."

Erzählt wird die Geschichte von zwei Männern, beide Witwer, die sich, jeder für sich, in kalter Trauer eingerichtet haben. Beide haben verloren, das wissen sie. Und sonst nichts mehr. Jeden Abend vollziehen sie dieselben Rituale, sie kennen sich nicht, aber irgendwann stellen sie fest, dass sie sich gegenseitig beobachten. Jeden Abend, zur selben Stunde. Der Jüngere fasst sich dann ein Herz: er geht zu dem sonderlich - im Buch heißt es: "operettenhaft" - aufgemachten Alten, einem Greis mit gefärbten Haaren, um dort von dessen irrer Idee zu hören und sich doch immer mehr in die Umsetzung des anscheinenden Wahnsinns hineinziehen zu lassen.