Von der Theresienwiese berichtete Lisa Sonnabend.

Das olympische Motto "Höher, Schneller, Weiter" ist den wahren Wiesnkennern egal. Sie fahren nicht die wilden Achterbahnen, sie fahren Krinoline. Nirgendwo wird der besondere Zauber des Oktoberfestes deutlicher als in dem gemächlich schwingenden Karussell. Im Live-Blog sind wir diesem speziellen Wiesngefühl auf der Spur.

Am siebten Wiesntag berichten wir von der Krinoline, einem der ältesten Fahrgeschäfte auf derm Oktoberfest.

Krinoline auf dem Münchner Oktoberfest, 2005 Bild vergrößern

Es dreht sich was: Die Krinoline auf dem Oktoberfest. (© Stephan Rumpf)

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16:36 Uhr

Irmgard ist ganz nahe herangegangen an die Krinoline und schaut zu, wie sie ihre Runden dreht. "So schön nostalgisch", ruft die 63-Jährige. Als sie noch klein war, hat sie auch oft zugeschaut. Mitfahren konnte sie nicht, es war kein Geld da. Damals sei sie oft auf dem Oktoberfest gewesen, doch an viel kann sie sich nicht erinnern. Zu lange ist es her. Am positivsten ist ihr ein Tag in Erinnerung geblieben, sie muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Damals durfte sie sich auf einem BMW-Motorrad setzen. "Brummbrumm", ruft die 63-Jährige. Als wäre es gestern passiert. "Mein schönstes Wiesnerlebnis!"

16:28 Uhr

Rudolf Zechmeister hat noch eine Geschichte parat. Einmal, als er in einem der "Nobelzelte" war, hat er versehentlich eine Frau zum Weinen gebracht. "An meinem Tisch saß eine Frau, der ich ein Kompliment machen wollte", erzählt Zechmeister. "Und da habe ich gemeint, dass sie schöne Lachfalten habe." Die Frau sei darüber aber alles andere als geschmeichelt gewesen. Sie hat angefangen zu schluchzen und habe wutentbrannt das Zelt verlassen. Warum, versteht Zechmeister bis heute nicht. "Lachfalten zeigen doch, dass eine Frau nicht griesgrämig ist." Und das ist eindeutig positiv.

16:20 Uhr

Rudolf Zechmeister hat mit seiner Frau auf dem Weg zur Oidn Wiesn an der Krinoline Halt gemacht, hat eine Runde gedreht und hört nun gar nicht mehr auf zu erzählen. Das Oktoberfest früher sei ganz anders gewesen. Kaum jemand habe Tracht getragen, und erst recht keine Billigdirndl. Es waren mehr Familien da, es war gemütlicher. Deswegen zieht es ihn nun auch zum historischen Teil des Oktoberfestes. "Da kann man noch ratschen - so wie früher." Und dann berichtet er noch von seinen lustigsten Wiesnerlebnissen: Einmal hat er sich zu einer Gruppe internationaler Gäste dazugesetzt und kam, wie es auf der Wiesn üblich ist, mit ihnen ins Gespräch. Ein Amerikaner, der schon mehrmals zum Oktoberefest angereist war, weigerte sich partout auf die Bierbank zu steigen. Rudolf Zechmeister redete Stunden auf ihn ein, bis er schließlich doch aufstand, mitschunkelte und so glücklich war wie noch nie in seinem Leben. "Dem habe ich das Oktoberfest nahegebracht", sagt Rudolf Zechmeister stolz.

16:03 Uhr

Ein älteres Ehepaar bleibt vor der Krinoline stehen und isst ein paar Mandeln. "Die Krinoline macht den besonderen Touch der Wiesn aus", meint die Frau. "Sie gehört einfach dazu", sagt der Mann. Dann erzählt er einen Witz: "Wissen Sie, warum Mäuse keinen Alkohol trinken?" Pause. "Sie haben Angst vor dem Kater."

15:48 Uhr

Doch nicht jeder erliegt dem speziellen Krinoline-Zauber. Eine Frau um die 50 steigt aus - und meint, einmal wollte auch sie die Krinoline ausprobieren, weil ihr oft davon erzählt wurde. Doch gefallen hat es ihr nicht besonders: "Es ist eine gemütliche Runde", sagt sie. "Zum Einschlafen."

15:26 Uhr

(© Lisa Sonnabend)

"Einsteigen", ruft der Ansager. "Der Geschwindigkeitsrausch wie in den zwanziger Jahren beginnt!" Und dann geht die Fahrt in der Krinoline los. Die dicken Schrauben greifen, die Drahtseile knattern. Es geht auf und ab - wie auf einer Welle im Meer, wie ein Flugzeug, das startet und wieder landet, wie im Leben. Immer ein wenig höher und dann wieder runter. Gar nicht einmal so langsam - hier kann es einem durchaus schwindelig werden, hier steigen manche mit Kopfweh aus.

15:11 Uhr

Als Helga Zerle vor rund 60 Jahren das erste Mal auf der Wiesn war, kam ihr alles riesig vor. Ihre Tante hatte einen Souvenirstand. Bierfasshüte oder Hasenohren wurden damals jedoch nicht verkauft, sondern vor allem Postkarten vom Oktoberfest. Sie hat dann jedes Mal eine Karte mit nach Hause nehmen dürfen. Dann zog Helga Zerle weg und kam viele Jahre nicht mehr auf das Oktoberfest. Und jetzt? Jetzt traut sie sich sogar, mit der Krinoline zu fahren - auch wenn sie ein bisschen aufgeregt ist. "Die fährt nämlich ganz schön rasant", meint sie beim Einsteigen. Und beim Aussteigen: "Bin ich froh, dass es vorbei ist."

15:01 Uhr

Auf der Oidn Wiesn feiern historische Fahrgeschäfte ihre Renaissance - und finden ein Publikum. Das gibt Hoffnung, dass die Krinoline auch in 50 Jahren noch auf dem Oktoberfest stehen wird, während die anderen Fahrgeschäfte wohl nicht mehr nur Loopings machen und sich mit rasanter Geschwindigkeit um die eigene Achse drehen werden, sondern womöglich die Gäste ins Weltall schießen oder zumindest in neue Rekordhöhen. In dem abgesperrten Bereich im südlichen Teil der Theresienwiese steht in diesem Jahr erstmals die Dicke Berta. Ziel ist es hier, eine Scheibe so stark anzuschieben, dass sie in einer Schiene möglichst weit nach oben gleitet. Christian Ude hat die Dicke Berta vor ein paar Tagen schon einmal ausprobiert. Er stieß nicht all zu fest - sodass ihm lediglich von der Anzeige an der Dicken Berta bescheinigt wurde, ein "O geber" zu sein. Für einen "Pfundskerl" oder gar den "Wiesn-Moaster" hat es bei weitem nicht gereicht.

14:46 Uhr

(© Anna Fischhaber)

Der Schichtl ist auch so ein Mysterium des Oktoberfests wie die Krinoline - und steht nur wenige Meter entfernt von ihr. Seit mehr als 140 Jahren wird hier geköpft. Der Schichtl hat es geschafft, sich weder vom Kapitalismus noch vom Fernseh- und Computerzeitalter verdrängen zu lassen. Er trotzt dem Zeitgeist. Dabei dürfte das Konzept nüchtern betrachtet eigentlich gar nicht aufgehen. Vor der Bude werben der Schichtl und seine Kompagnons in schlecht sitzenden Kostümen um neue Besucher, in der Show werden Zaubereien, Tänze und Kuriositäten präsentiert. Höhepunkt ist die Enthauptung einer lebendigen Person mittels Guillotine. Ein Zuschauer wird dabei als Enthauptungsopfer ausgewählt - und dann hebt der Henker das Beil. Der Trick ist derselbe ist wie vor 140 Jahren - und so einfach, dass er hier gar nicht verraten werden muss. Doch er zieht noch immer in seinen Bann.

14:40 Uhr

Adam ist mit zwei Freunden gekommen, sie gehen seit 50 Jahren auf das Oktoberfest. Gerade stehen sie vor der Krinoline, beobachten allerdings das Monster, eines der rasantesten Fahrgeschäfte, das gleich neben der Krinoline steht. "Ich glaub, da fahre ich doch nicht mit", meint Adam. Allerdings nicht, weil es ihm zu gefährlich ist, sondern weil ihm die Fahrt zu kurz dauert. In die Krinoline wollen sie aber auch nicht einsteigen. "Früher bin ich schon oft gefahren", erzählt Adam. "Allerdings nur wegen der Madel. Die wollten immer fahren und da sind wir natürlich mit." Er grinst - und schaut ein wenig verklärt zu dem Karussell. Alte Erinnerungen werden wach. Dann drängeln seine Freunde: "Jetzt gehen wir zum Schichtl!"

14:17 Uhr

Während Fahrgeschäfte wie das Monster am frühen Nachmittag lange vergebens auf Kunden warten, ist bei der Krinoline bereits reger Betrieb. Die Fahrgäste strahlen, mancher hält sich ein wenig ängstlich fest, Mütter haben ihre Kinder auf dem Schoß, Pärchen sitzen Arm in Arm da, andere winken den Oktoberfestbesuchern zu. Fast jede Gondel ist besetzt, am Rand warten bereits neue Fahrgäste. Viele Wartende betrachten die Schautafel an der Treppe. Hier wird die Geschichte der Krinoline erzählt, alte Schwarz-Weiß-Fotos hängen auf der Schautafel und Prominente, die schon einmal mitgefahren sind, sind mit einem Foto verewigt: der ehemalige Skirennfahrer Markus Wasmeier oder Schauspielerin Michaela May zum Beispiel.

14:06 Uhr

Theo Niederländer ist nun seit einigen Jahren für die Krinoline verantwortlich. "Uns fasziniert das Publikum", sagt er, während er am Rand des Fahrgeschäfts steht und den Besuchern beim Einsteigen zuschaut. Die Krinoline wird nur noch für das Oktoberfest aufgebaut, den Rest des Jahres sind die Säulen, Stangen, Schrauben und Gondeln verpackt in einer Halle untergebracht. Jedes Jahr im September werden sie wieder auf die Theresienwiese transportiert. Denn: "Das sind wir dem Oktoberfest schuldig", sagt Niederländer.

13:42 Uhr

(© dapd)

2,50 Euro kostet eine Fahrt mit der Krinoline. Angestellte sammeln das Geld in der Gondel ein, während das Karussell langsam Fahrt aufnimmt. Seit 1924 gibt es die Krinoline. Der Schausteller Michael Großmann baute sie erstmals auf dem Oktoberfest auf. Sie lief jedoch noch nicht elektromechanisch, sondern drei bis vier Männer mussten sie mit ihrer Muskelkraft im Kreis drehen. Wegen der hohen Personalkosten war die Krinoline schon bald von fast allen Volksfesten wieder verschwunden. Großmann entwickelte 1938 eine Erfindung, die er auch als Patent einreichte, um die Krinoline elektromechanisch laufen zu lassen. Dann hatte der Schausteller auch noch die Idee, eine Blaskapelle live spielen zu lassen - eine absolute Neuheit und ein voller Erfolg. In vierter Familiengenerartion wird die Krinoline inzwischen geführt, geändert hat sich im Laufe der Jahrzehnte jedoch gar nichts.

13:34 Uhr

"Die Krinoline kenne ich noch von meiner Mutter", sagt der 61-jährige Helmut, der auf der Treppe steht und das Karussell beobachtet, wie es sanft seine Runden dreht. "Sie ist noch damit gefahren, als es von drei Männern angezogen wurde und nicht mechanisch lief." Helmut ist gleich neben der Wiesn, in der Mozartstraße, aufgewachsen. "In den Bierzelten", sagt er, "ist es ganz anders als früher - nur noch teuer." Doch draußen habe sich nicht viel geändert. Das Streben nach immer schnelleren Fahrgeschäften habe es damals schon gegeben. Und sie ist schließlich auch noch da, die Krinoline. Mitfahren will Helmut jedoch nicht. "Das mache ich immer erst, wenn ich zwei Maß getrunken habe", meint er. Und dann denkt er daran, wie es früher war.

13:09 Uhr

(© Lisa Sonnabend)

Luise Plenk (in der Gondel rechts im Bild) kommt strahlend die Treppen von der Krinoline herunter. "Wenn ich Krinoline gefahren bin, habe ich das Gefühl, ich bin angekommen auf dem Oktoberfest", sagt die Großmutter, die mit Tochter und Enkelin auf die Wiesn gekommen ist. Seit ihrer Studienzeit in den sechziger Jahren wohnt Plenk in München und geht seitdem jedes Jahr aufs Oktoberfest - eine Krinolinenfahrt fehlt nie. Denn: "Das ist wahre Gemütlichkeit", meint sie. Was bei einem Wiesnbesuch auch nicht fehlen darf: Plenk steigt auf den Turm der Paulskirche am südlichen Ende der Theresienwiese. Von dort hat man einen Blick über die Sehenswürdigkeiten der Stadt und das Oktoberfest. Bei Föhn sieht man bis zu den Alpen. "Die Geräusche und Gerüche dringen bis hinauf in den Turm", sagt Denk. "Hier kommt man zur Ruhe."

12:51 Uhr

Touristen mit Depperlhut und vier Maß intus wird man hier vergebens suchen. Auch Teenager in zu kurzen Dirndl und Lederhosen machen einen Bogen um die Krinoline - und kaufen sich lieber ein Ticket für den Autoskooter oder das Monster. Stattdessen stehen vor der Krinoline Männer mit bestickten Trachtenhemden, Frauen in Landhausdirndl und Familien mit Kindern, die Tracht tragen. Die Krinoline zieht die Oktoberfest-Kenner an - und deswegen hören wir uns an diesem siebten Wiesntag unter den Fahrgästen um, was sie über das Oktoberfest zu erzählen haben.

12:43 Uhr

Die Krinoline ist so etwas wie die Urgroßmutter der Fahrgeschäfte. Seit 1924 gibt es das Karussell, das nicht weit vom Haupteigang steht und sich in gemächlichem Schwung im Kreise dreht. Krinoline heißt Reifrock. Und tatsächlich: Sieht man dem Fahrgeschäft von außen zu, hat man das Gefühl, einer Frau zu beobachten, die sich in einem steifen Rock um sich selbst dreht. Die Krinoline ist mit ein paar bunten Lampen beleuchtet, auf dem Balkon an der Außenwand sitzt ab 14 Uhr eine Blaskapelle und spielt, während die Fahrgäste sich drehen. Wer die Krinoline für langweilig hält, hat das Oktoberfest nicht verstanden. Die Krinoline ist Romantik, Poesie, Tradition und Rausch.

12:32 Uhr

Auch in diesem Jahr hat das Oktoberfest mit dem "Monster" ein Fahrgeschäft hinzubekommen, das noch ein bisschen rasanter ist als das bisher Dagewesene. Doch während das Oktoberfest auf höher, schneller, weiter setzt, scheint es viele Menschen zu geben, die das Gegenteil wollen. Denn auch vor der Krinoline, dem Flohzirkus, dem Scherzfotografen oder dem Schichtl bleiben Menschen stehen.

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(sueddeutsche.de)